Verlorene Jugend

Über die Dreißigerjahre in Berlin
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Auch wenn das Thema Jugend seit alters die Bibliotheken füllt - selten hat man ein derart authentisches Zeitpanorama gelesen.

Willi Kludas ist auf der Flucht. Der 20-Jährige stiehlt sich aus der Erziehungsanstalt fort, in der er gedemütigt und geschlagen wird. Seine todesmutige Reise führt ihn unter einem D-Zug-Wagen, einen halben Meter vom Boden entfernt auf den Achsen hockend, nach Berlin. - Dorthin, wo der Dortmunder Ludwig N. lebt. Er gehört der Jugendbande der Blutsbrüder an. Diese leben im Heer der Arbeitslosen, schieben Tag und Nacht Kohldampf, treiben sich in zwielichtigen Kaschemmen herum, übernachten in zugigen, oft wechselnden Unterkünften und folgen ihrem Anführer Jonny, den sie "Bulle" nennen.

Berlin Anfang der Dreißigerjahre - Junge Männer wie Ludwig und Willi fliehen aus den Jugendanstalten oder aus ihren vom Krieg zerrütteten Familien. Sie brennen durch in Großstädte, wo sie hoffen, ein erträglicheres Auskommen und soziale Netze zu finden, die ihnen ein bisschen Wärme geben. Doch Gewalt, Kriminalität und Prostitution stehen auf der Tagesordnung. Ernst Haffner erzählt in seinem Roman die Geschichte der Blutsbrüder, einer Berliner Jugendbande. Dabei hat sein Interesse an den authentischen Lebensumständen der Jugendlichen eigentlich einen autobiographischen Hintergrund: Haffner arbeitete als Sozialarbeiter.

In einfachen, klaren Worten und in kurzen Sätzen beschreibt er den täglichen Überlebenskampf. Zu den großen Vorzügen von "Blutsbrüder" gehört, dass Haffner sein Thema nie als politischen Parcours betrachtet, auf dem es vor allen Dingen weltkluge Einschätzungen und gute literarische Haltungsnoten zu kassieren gilt. Es ist vielmehr eine Milieustudie, nichts für Lesende mit empfindsamem Gemüt, die vor drastischen Schilderungen zurückschrecken.

Ernst Haffner war zu seiner Zeit ein Debütant. Der offenbar auch als Journalist arbeitende Autor hatte im Bruno Cassirer Verlag den Roman unter dem Titel "Jugend auf der Landstraße Berlin" vorgelegt und schon damals ausgezeichnete Besprechungen erhalten. Während der Nazizeit fiel der Roman der Bücherverbrennung zum Opfer und von Haffner hat man seitdem nichts mehr gehört oder gelesen. Dem Metrolit Verlag ist es nun zu verdanken, dass dieser lesenswerte Text mit einem neuen Titel versehen wieder zugänglich ist.

Der lockere Ton täuscht nicht über die Inhaltsschwere hinweg. Im Gegenteil: Gerade die fast nüchterne, schnörkellose Sprache unterstreicht das authentische Lebensgefühl dieser Zeit. Die überfüllten Wärmehallen, furchterregende Spelunken, in denen sich die Jungen nachts herumtreiben, der aussichtslose Kampf um Arbeit, zum Beispiel in den Markthallen, oder die Suche nach einem Quartier für die Nacht, die manchmal in einer mit feuchtem Sand gefüllten Kiste endet.

Kein einseitig erregter Blick des Autors unterbricht den Lesefluss, auch wenn sich dieser persönlich nicht verleugnen lässt und manchmal den Leser mit kommentierenden Fragen anspricht wie: "Gibt es Trostloseres, als diese Wärmehalle im ausrangierten Straßenbahnschuppen?". Es ist ein realitätsgesättigter, atmosphärischer, sehr genau beobachteter Roman. Und auch wenn das Thema Jugend seit alters die Bibliotheken füllt, hat man selten ein derart authentisches Zeitpanorama gelesen - rau und intensiv.

Ernst Haffner: Blutsbrüder. Metrolit Verlag, Berlin 2013, 263 Seiten, Euro 19,99.

Kathrin Jütte

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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