Im Sog

Pfadfinder im Dritten Reich
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Mit dem lesenswerten Buch wird pars pro toto ein wichtiger Beitrag zur Geschichte des Protestantismus im NS-Staat vorgelegt.

In den ersten beiden Jahren der Kanzlerschaft Adolf Hitlers hatte die Euphorie großer Teile des vor allem protestantischen Bürgertums über das Ende des "Weimarer Systems", wie der erste Demokratieversuch Deutschlands verächtlich genannt wurde, auch den vergleichsweise kleinen evangelischen Jugendverband "Christliche Pfadfinderschaft" (CP) erfasst. Mit dem lesenswerten Buch von Günter Brakelmann wird somit am Beispiel der CP pars pro toto ein wichtiger Beitrag zur Geschichte des Protestantismus im NS-Staat vorgelegt. Wie die Pfadfinderschaft in diesen Sog hineingeraten ist und wieder herausgefunden hat, wird anhand ausgewählter Publikationen ihrer wichtigsten Repräsentanten herausgearbeitet. Eine besondere Rolle spielt dabei Wilhelm Schmidt, in der fraglichen Zeit als Student Gauführer von Minden-Ravensberg, später Vikar beim Stadtjugendpfarrer von Hannover, CP-Reichsführer Duensing, und nach dem Krieg Vikarsvater und Vorgänger von Brakelmann als Landesmarkführer von Westfalen, dem der Verfasser sein Werk widmet.

Die akribische Darstellung der Vorgänge und Rekonstruktion der Entwicklung der wichtigsten Zeugen des Verfassers erfolgt einerseits chronologisch, indem er die Monatszeitschrift "Auf neuem Pfad" (AnP) von Januar 1933 bis Juni 1934 auswertet. Andererseits werden polare Positionen zu wichtigen Themen wie "Volk und Ordnungen", "Totaler Staat und Kirche", "Die Nation vor Gott" sowie besondere Ereignisse des Jahres 1933 wie das mitteldeutsche Treffen und das anschließende Reichslager bei Meißen dargestellt. Dabei lege der Herausgeber von Auf neuem Pfad nach Ansicht von Günter Brakelmann Wert darauf, beide Seiten zu Wort kommen zu lassen. So schreibe Hans Asmussen, der spätere Mitverfasser der Barmer Theologischen Erklärung, bereits im April 1933 zum Thema "Begeisterung": "Wenn propagandistische Begeisterung dämonische Begeisterung wird, dann wird sie zum vergeblichen Taumelkelch." Demgegenüber werde noch im Juni 1933 von der großen Begeisterung über das nationale Erwachen auf dem Reichslager bei Meißen berichtet.

In den AnP-Heften seit Januar 1933 werde deutlich, wie der Weg der Christlichen Pfadfinderschaft von der anfänglichen Begeisterung über die nationale Erhebung bis zur Mitgliedschaft ihrer Mehrheit in der Bekennenden Kirche verlaufen sei. Der Widerstand wachse in dem Maße, wie die nationalsozialistische Interpretation der nationalen Bewegung sich durchsetzt und pseudoreligiöse Formen annimmt, von denen die Erziehung in der "Hitlerjugend" und dem "Bund deutscher Mädel" geprägt werde. Der Widerstand sei verankert in Martin Luthers "Zwei-Reiche-Lehre" und dem reformatorischen Verständnis von Sünde und Rechtfertigung und führe zur Ablehnung der "Deutschen Christen" sowie zur Kritik an der evangelischen Kirchenführung unter Reichsbischof Ludwig Müller, die ihr Evangelisches Jugendwerk an den NS-Reichsjugendführer Baldur von Schirach verraten habe.

In seiner abschließenden Würdigung hebt der emeritierte Theologieprofessor Günter Brakelmann noch einmal die ambivalente Haltung der Christlichen Pfadfinderschaft hervor. Einerseits habe sie als Teil des deutschen Protestantismus Anteil gehabt an dem Aufkommen der antidemokratischen und revanchistischen Kräfte, die zum Ende der Rechtsstaatlichkeit geführt habe, aber andererseits habe "die Hitlergefolgschaft nie die Christusnachfolge verschlingen können".

Im Anhang findet sich eine Chronologie der CP im Kontext der Zeitgeschichte, eine Inhaltsangabe aller AnP-Hefte der Jahrgänge 1933/34 sowie ein Literaturverzeichnis der zeitgenössischen wie der Nachkriegsliteratur zu den einschlägigen Themenbereichen.

Günter Brakelmann: Kreuz und Hakenkreuz. Hartmut Spenner Verlag, Kamen 2013, 325 Seiten, Euro 24,80.

Siegfried Keil

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