Notwendiges Wächteramt

Martin Luthers Zwei-Regimenten-Lehre ist nach wie vor aktuell
Lutherfilm von 2003: Der Reformator (Joseph Fiennes) vor dem Reichstag in Worms. Foto: Cinetext
Lutherfilm von 2003: Der Reformator (Joseph Fiennes) vor dem Reichstag in Worms. Foto: Cinetext
Eine vermeintlich auf Luther zurückgehende Trennung des Bereiches der Kirche und des Staates wird bis heute für das Versagen deutscher Protestanten in der Nazizeit und für ihre Distanz zur Politik verantwortlich gemacht. Der emeritierte Neuendettelsauer Kirchenhistoriker Wolfgang Sommer zeigt, was Martin Luther bezweckte und was von ihm für ein politisches Engagement der evangelischen Kirche zu lernen ist.

In seiner Schrift "Ob Kriegsleute auch im seligen Stande sein können" (1526) sagt Martin Luther von sich selbst: "Denn ich mich schier rühmen möchte, dass seit der Apostel Zeit das weltliche Schwert und Obrigkeit, nie so klar beschrieben und herrlich gepriesen worden ist ... als durch mich". Und wie kam Luther zu einer Neubewertung weltlicher Herrschaft? Es ist die berühmte Unterscheidung der beiden Reiche oder Regimente Gottes, der geistlichen und weltlichen Herrschaftsweise Gottes, im Reich seiner durch Jesus Christus offenbarten Liebe und im Reich dieser Welt des Rechtes und der Vernunft. Sie hat Luther zu einer neuen Bewertung der weltlichen Lebensbezüge geführt.

Die Unterscheidung beider Reiche war in der Christentumsgeschichte nicht neu, sondern tief in der Tradition vor Luther verankert. Aber die Art der Unterscheidung und Zuordnung der beiden Reiche und Regimente Gottes bei Luther bringt eine Perspektive zum Ausdruck, die sich von der Tradition abhebt.

Der große Geschichtsdenker Augustin hatte auf Luther und die Reformation erheblichen Einfluss. Seine eschatologische Geschichtstheologie in "De civitate dei" hat Luther schon 1510/11 intensiv gelesen und mit Randbemerkungen versehen, wobei er den Gegensatz zwischen civitas dei und civitas terrena unterstreicht. In seiner Römerbriefvorlesung zitiert Luther das Wort von den "großen Räuberbanden", das Augustin in seiner zum Teil asketisch-abwertenden Stellung gegenüber dem Staat gebraucht hatte. Für Luther wurde vor allem die eschatologische Grenze im Staatsverständnis Augustins bedeutsam.

Neben Augustin ist der Einfluss des spätmittelalterlichen Denkers Wilhelm von Occam auf Luther zu erkennen. Das mittelalterliche Geschichtsdenken hatte die apokalyptisch-eschatologisch geprägte Kampfsituation der beiden Reiche Augustins in eine hierarchische Rangordnung verwandelt. Damit wurden sie zu den zwei Gewalten ausgebildet, bei der die geistliche und weltliche Gewalt im gegenseitigen Bezug wie in der Unterscheidung die Doppelstruktur der Christenheit bilden.

Doppeldeutige Moral

Das hierarchische System verhinderte jedoch mit seiner theologischen Fundierung vor allem bei Thomas von Aquin (die Gnade steht über der Natur) eine echte Weltbejahung und hatte somit eine doppeldeutige Moral zur Folge. Bei Occam zeigte sich dagegen eine Koordination der beiden Gewalten, die dem hierarchischen System gefährlich werden konnte. Denn bei einer Notlage tritt an die Stelle der Koordination die Subordination nach Maßgabe von Nutzen oder Schaden. Vor allem ist an ein Versagen der hierarchischen Kirche gedacht. Jeder Laie, der den rechten Glauben hat, hat dann das Recht und die Pflicht, die Kirche zu reformieren. In der Verbindung von Augustins Zwei-Reiche-Denken mit der Zuordnung der beiden Gewalten bei Occam ist - kurz gesagt - der Anteil zu sehen, den die Tradition vor Luther an der Ausgestaltung seines Denkens in zwei Reichen und Regimenten Gottes hatte.

Das entscheidende Moment ist damit aber noch keineswegs bezeichnet. Luthers Denken in zwei Reichen und Regimenten Gottes ist aus seiner Rechtfertigungstheologie erwachsen. Es ist die aus ihr erwachsene Unterscheidung von Gesetz und Evangelium gegenüber der Verkennung dieses Unterschiedes im Schwärmertum. Erst die radikale Infragestellung des weltlichen Amtes durch die Schwärmer führte Luther im Zusammenhang mit seinem Ringen um das rechte Verständnis der Bergpredigt zu einer Verhältnisbestimmung der beiden Reiche und Regimente Gottes. So gelangte Luther zu einer neuen theologischen Begründung der weltlichen Lebensbezüge nicht nur der Christen, sondern auch der Nichtchristen, wie sie besonders in seiner Schrift "Von weltlicher Obrigkeit" (1523) niedergelegt ist. Im Vollzug seiner theologischen Grunderkenntnis, dass der Mensch vor Gott keine verdienstlichen Werke vorweisen kann, können "gute Werke" nur unter der Vergebung Gottes geschehen, als Frucht des Glaubens und Vertrauens auf den Schöpfer und Erlöser. Und wenn alle Werke nur durch die Tat und Vergebung Gottes zu guten Werken werden, ist der Unterschied zwischen profanem und heiligem Tun hinfällig. Die ganze Welt wird frei für die Tätigkeit des Menschen, sie ist befreit von dem Überbau, den der mittelalterliche Katholizismus über der profanen Welt errichtet hatte.

Die Zweiheit der beiden Reiche gründet bei Luther in der Ganzheit der Liebe Gottes. Würde sie sich in ihrer Ganzheit äußern, wäre die Welt nicht mehr Welt. In dieser Welt aber verbirgt sich Gottes Liebe in seinem "fremden Werk". In dem Reich dieser Welt zeigt sich der Schöpfungsgedanke Luthers, der aber von der Kreuzestheologie herkommt. Mensch und Welt empfangen die "fremde Gerechtigkeit". Das Recht und die Vernunft im Reich dieser Welt sollen im Dienst der Liebe und damit indirekt im Dienst des Reiches Gottes stehen.

Göttliche Würde weltlicher Ordnungen

In seiner Auslegung des 101. Psalms von 1535 hat Luther nach seiner Obrigkeitsschrift von 1523 das Wirken Gottes in seinem weltlichen Regiment und die Unterscheidung von seinem geistlichen Regiment besonders deutlich herausgestellt: "Es ist, Gott Lob, nun aller Welt wohl offenbar genug, wie die zwei Regimente sollen zu unterscheiden sein... Denn wir sehen ja wohl, dass Gott die weltliche Herrschaft oder Königreiche unter die Gottlosen streuet auf das herrlichste und mächtigste, gleich wie er die liebe Sonne und Regen auch über und unter den Gottlosen lässt dienen. Und doch kein Gottes Wort noch Dienst unter sie stiftet... Dennoch heißt er solch weltlich Regiment der Gottlosen seine Ordnung und Geschöpfe und lässt sie desselben missbrauchen, so übel sie können... Daraus man ja greifen muss, dass weltlich Reich ein anderes ist und ohne Gottes Reich sein eigen Wesen haben kann." Die von Gott geschaffene und unter seiner fortdauernden Erhaltung stehende Weltwirklichkeit ist damit in ihrer göttlichen Würde qualifiziert, auch ohne dass sie von ihm mit einer besonderen Stiftung oder Weisung bedacht wäre. Vor allem kann diese im Schöpferhandeln Gottes gründende göttliche Würde der weltlichen Ordnungen nicht durch menschlichen Missbrauch beeinträchtigt werden.

Aber der Widersacher Gottes, der Satan ist es, der die beiden Reiche durcheinanderwirbelt und damit Chaos in Gottes Schöpfung bringt: "Ich muss immer solchen Unterschied dieser zwei Reiche einbläuen und einkäuen, eintreiben und einkeilen, ob es wohl verdrießlich ist, dass es schon so oft geschrieben und gesagt ist. Denn der leidige Teufel hört auch nicht auf, diese zwei Reiche ineinander zu kochen und zu brauen. Die weltlichen Herren wollen in Teufels Namen immer Christus lehren und meistern, wie er seine Kirche und geistlich Regiment führen soll. So wollen die falschen Pfaffen und Rottengeister, nicht in Gottes Namen, immer lehren und meistern, wie man solle das weltliche Regiment ordnen. Und ist also der Teufel zu beiden Seiten gar sehr unmüßig und hat viel zu tun. Gott wollt ihm wehren, Amen, so wirs wert sind."

Über aller gegliederten Ordnung in Gottes Schöpfung, in der das Herrschen und Gebieten der Erhaltung dieser Ordnung dient, gilt es, die einzige "Oberkeit" Gottes als des Schöpfers und Erlösers anzuerkennen, der alle Menschen in allen Ständen als "Unterkeit" im Dienst und Gehorsam zugeordnet und verbunden sind. Weder mengt sich ein Prediger in weltliche Herrschaft, wenn er in seinem Amt die Regenten und Regierungsbeamten zu Gottesfurcht und Achtung der Gebote Gottes auffordert und sie mit Strafpredigten dazu ermahnt, noch greift ein Fürst in die Autorität des Wortes Gottes eigenmächtig ein, wenn er zum Hören und Tun dieses Wortes aufruft. So verschieden und deshalb zu unterscheiden das weltliche und geistliche Regiment Gottes in seiner Schöpfung ist, so sehr stehen beide in einem gemeinsamen und einander zugeordneten Dienst.

Eigenmächtiges Herrschen und Gebieten zerstört die Ordnung Gottes in seiner Schöpfung. Die Vermischung der beiden Regimente durch fürstliche Selbstherrlichkeit und die Bevormundung des Wortes Gottes durch die weltliche Obrigkeit ist bei der durch das Evangelium wieder zu ihrem eigenen Recht gekommenen Obrigkeit gefahrvolle Wirklichkeit geworden. Luther führt dies in seiner Auslegung des 101. Psalms drastisch aus: "Es ist die Welt ein Diestelkopf, wo man denselben hinkehret, so reckt er die Stachel über sich. Ehe denn unser Evangelium kam, wusste niemand von der Obrigkeit zu predigen, wie sie ein guter Stand wäre. Nun sie durchs Evangelium gepreiset und erhöhet ist, will sie auch über Gott und sein Wort sein und gebieten, was man predigen und glauben soll. Wiederum straft man sie, so soll es Aufruhr heißen."

Scharfe Sozialkritik

Für das Luthertum des späten 16. und des ganzen 17. Jahrhunderts spielt die Auslegung des "Regentenpsalms" eine erhebliche Rolle, wenn es um die Eigenständigkeit der Kirche gegenüber der weltlichen Obrigkeit geht. Bei den lutherischen Pfarrern an den Fürstenhöfen, aber auch in den Gemeinden, ist Luthers Unterscheidung der beiden Regimente Gottes präsent. Das zeigt vor allem die Wirkungsgeschichte von Luthers Auslegung des 101. Psalms, die immer dann von den lutherischen Predigern aufgegriffen und der jeweiligen Situation angepasst wurde, wenn es um die Zurückweisung unbefugter Machtausübung der weltlichen Obrigkeit gegenüber der Kirche ging und um die Notwendigkeit eines kirchlichen Wächteramtes, das nicht nur auf die Politik, sondern die Gesellschaft insgesamt ausgerichtet ist. Die Obrigkeitskritik der lutherischen Orthodoxie war deshalb oft mit scharfer Sozialkritik verbunden. War es Luther zuerst darum gegangen, den weltlichen Stand gegenüber der Unterordnung im Papsttum und der Verachtung bei den Schwärmern als gottgefälligen Stand zu erweisen, in dem man Gott recht dienen kann, hatten die lutherischen Prediger nach der Reformation eine Obrigkeit vor Augen, die im Selbstbewusstsein ihrer Macht und Interessen handelte und eine geistliche Ermahnung als eine Einmischung verstand.

In der Forschung ist dieser Tatbestand seltsam unterbelichtet oder unbekannt geblieben. Es ist sogar bemerkt worden, die Unterscheidung von Gottes geistlichem und weltlichem Regiment habe nach Luther fast keine Rolle gespielt. Das ist jedoch nicht der Fall, wie Predigten, Disputationen, Gutachten von theologischen Fakultäten und zu diesem Thema verfasste apologetische Schriften zeigen.

In der Zeit des Pietismus verschob sich das Verhältnis von Obrigkeit und Kirche. So sehr es auch im Pietismus unerschrockenen Freimut und Kritik der Prediger an Fürstenwillkür gab, galt ihre Kritik doch vor allem dem persönlichen Verhalten der Regenten und sittlichen Missständen. Ein kirchliches Wächter- oder gar Strafamt gegenüber der weltlichen Obrigkeit war nicht zu finden, wie auch die Unterscheidung der beiden Regimente Gottes in ihren Predigten keine Rolle spielte. Und in der Zeit der Aufklärung haben zum Beispiel die lutherischen Hofprediger in Dresden das absolutistische Regiment mit ihrer Verkündigung zu bestätigen versucht.

Wächteramt der Kirche

Im 19. Jahrhundert kam es im Luthertum zu einer Wiederaufnahme der Unterscheidungen Luthers von den zwei Reichen und Regimenten Gottes. Aber das war mit einer Umformung der lutherischen Tradition verbunden. Und nach dem Ersten und erst recht nach dem Zweiten Weltkrieg sollte das Stichwort von der "Eigengesetzlichkeit" des weltlichen Lebens eine eigene Dynamik entwickeln. Erstmals tauchte es 1917 bei Reinhold Seeberg auf und gab den Kritikern an einer Zweireiche- oder Zweiregimenten-Unterscheidung im Luthertum Anlass, von einem problematischen Kompromiss in den sozialethischen Fragen zu sprechen. Karl Barth gebrauchte 1922 in seiner Kritik an einer Schrift von Paul Althaus über den Religiösen Sozialismus erstmals den Begriff der "paradoxen Lehre von den zwei Reichen", die zumindest den Verdacht auf sich ziehe, "ein Kompromiss, eine Erleichterung der Unbedingtheit Jesu oder gar eine sophistische Lösung zu sein". Seitdem hat sich der Begriff "Zwei-Reiche-Lehre" festgesetzt, obwohl Luther nie von einer solchen gesprochen hatte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Luther und seinen Erben immer wieder vorgeworfen, sie hätten dem Weltlichen eine Eigenständigkeit und religiöse Verklärung zuerkannt, die zu einer vorschnellen Emanzipierung von den christlichen Geboten geführt habe. Und die so gefasste - jedoch gegenüber Luther abgrundtief missverstandene - Zwei-Reiche-Lehre habe zum Versagen gegenüber dem Nationalsozialismus beigetragen.

Die Geschichte des theologischen Denkens von den zwei Reichen und Regimenten Gottes im Protestantismus ist noch nicht geschrieben. Wie dieses Denken Luthers in Kenntnis seiner vielfältigen Missverständnisse heute eingebracht werden kann, ist eine der großen Herausforderungen. Dabei sollte man sich an die Rede vom Wächteramt der Kirche gegenüber der Obrigkeit bei Luther und im älteren Luthertum erinnern und vor heutigen Möglichkeiten und Notwendigkeiten einer kirchlichen Einrede gegenüber Politik und Gesellschaft nicht ausweichen. Vor einer kurzschlüssigen Abschiebung der Tradition dieses Denkens, gar als konfessionalistische Sonderlehre, gilt es zu warnen. Das Ernstnehmen seiner Geschichte ist die Vorbedingung für eine neue Sinngebung.

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Wolfgang Sommer

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