Die Welt der anderen

Die da ganz unten: Die Stadtführung "Querstadtein" zeigt die Welt der Obdachlosen Berlins
Carsten Voss ist Stadtführer. Er zeigt die Welt der Berliner Obdachlosen. Foto: Constanze Broelemann
Carsten Voss ist Stadtführer. Er zeigt die Welt der Berliner Obdachlosen. Foto: Constanze Broelemann
Aus dem bürgerlichen Leben abgestürzt und doch wieder zurückgefunden, aber als ein anderer - Carsten Voss führt Interessierte zu Berliner Plätzen, die Zugänge zu einer anderen Welt bieten: die der Obdachlosen.

An diesem Sonntag stehen etwa dreißig überwiegend junge Menschen im Halbkreis vor dem Aufgang U-Bahnhof Nollendorf-Platz, Ausgang Motzstraße. Ein Kamerateam des Berliner Regionalsenders rbb ist auch dabei. Alle lauschen konzentriert den Worten von Carsten Voss. Der Mitfünfziger mit markanter Brille ist Stadtführer. Aber nicht einer von der Sorte, die am Kanzleramt, Alexanderplatz und am Schloss Bellevue vorbei führen. Er zeigt die Welt der Berliner Obdachlosen. Da kennt er sich aus. Denn er ist, wie er selbst sagt, "von dem einen ins andere Berlin gewechselt".

Der Schöneberger U-Bahnhof ist auf den ersten Blick nicht anders als jeder andere. Für Obdachlose jedoch ist er mehr als ein Verkehrsknotenpunkt. Ein Supermarkt findet sich da, in den man 24 Stunden lang seine Pfandflaschen bringen kann, eine wichtige Einnahmequelle. Und es gibt die Möglichkeit, abgestempelte U-Bahn-Tickets von den vielen Durchreisenden zu ergattern. Bänke dienen zumindest im Sommer als Schlafplätze.

Der nächste Halt der Tour ist am Winterfeldtplatz, vor der Matthiaskirche. "Hier ist ein Verteilpunkt der Berliner Tafel", erklärt Voss. Aufstocker und Geringverdiener decken sich dort mit Lebensmitteln ein. Nun könnte man annehmen, dass auch Obdachlose hier etwas zu essen bekämen. Doch so einfach ist das nicht. "Als Obdachloser hat man keinen Ausweis, der einen einem bestimmten Stadtteil zuordnet, und den braucht es, um Essen zu bekommen", sagt Voss.

Berlin ist nach wie vor hip. Für junge Europäer, für Touristen, für Kreative. Dass die Hauptstadt aber auch für wohnungslose Menschen große Reize hat, ist eher unbekannt. Die riesigen Brachflächen im Stadtgebiet bieten optimale Rückzugsgebiete, und die hier vorherrschende Toleranz gilt auch Außenseitern. Die Tradition der Achtundsechziger trage dazu bei, sagt Voss, "jeder zweite Sozialarbeiter hat mal in Berlin studiert", und diese ganz eigene soziokulturelle Struktur stabilisiere das gute soziale Netz. Das habe er, einst Geschäftsführer der Berliner Modemesse "Bread and Butter", nach einem persönlichen Schicksalsschlag selbst erfahren. Denn Carsten Voss war mal ganz woanders, ehe er sieben Monate lang auf Berlins Straßen lebte. Davon erzählt er freimütig. Jetzt, wo er "die Kurve gekriegt hat", wie er sagt, nimmt er Menschen auf diese besondere Stadtführung mit.

Unter dem Titel "Querstadtein - Obdachlose zeigen ihre Stadt" führt er Interessierte eineinhalb Stunden lang durch die Stadtteile Schöneberg und Charlottenburg. Dorthin, wo er selbst gelebt hat - einmal mit und einmal ohne Obdach.

Voss arbeitet mit dem gemeinnützigen Verein Stadtsichten e.V. zusammen. Der hat ganze fünfzehn Mitglieder, junge Leute mit unterschiedlichen beruflichen Hintergründen, die sich ehrenamtlich engagieren. Im März 2013 haben sie den Verein gegründet und sich das Ziel gesetzt, Begegnungen, Austausch und gemeinsames Lernen zwischen Teilen der Gesellschaft zu fördern. "Querstadtein" ist ihr erstes Projekt (www.querstadtein.org).

Der tägliche Überlebenskampf

Etwa viertausend Menschen leben auf Berlins Straßen. Zu ihnen zählen Armutsmigranten vornehmlich aus Osteuropa. Sie hatten einmal gehofft, in Deutschland eine bessere Perspektive zu finden und wurden enttäuscht. Und es gibt eine Gruppe von etwa tausend Jugendlichen, die vorrangig am Alexanderplatz und am Ostbahnhof ihre Nische haben. Der Entschluss "ich hau ab und geh nach Berlin" ist allen gemein.

Voss räumt auf mit dem Vorurteil, dass alle Obdachlosen auch auf den ersten Blick als solche zu identifizieren sind. Es gibt auch die, die gar nicht auffallen wollen, die versuchen, sich ganz normal zu kleiden, um überhaupt noch ein wenig am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Den Mythos, das Leben auf der Straße könnte ein romantisches Abenteuer sein, erklärt er für Quatsch: "In erster Linie ist es ein täglicher Überlebenskampf", Freundschaften gäbe es wenige, Obdachlose sind Einzelgänger.

Allein die WOTAs, die Wohnungslosentagesstätten, sind so etwas wie Treffpunkte, Orte des Austauschs und der Hilfe. Auch in Schöneberg findet sich eine. Carsten Voss erzählt, wie es dort zugeht. "Hier gibt es ein ganz bodenständiges Netzwerk - ohne Facebook und Handy", sagt er. Hier wird schon einmal miteinander geredet. Etwa darüber, wo die Sozialarbeiter nett oder weniger nett sind oder wo das Essen besonders gut schmeckt. Hier kann man duschen, seine Wäsche waschen, Zeitungen lesen. Die Sozialarbeiter helfen beim Ausfüllen von Formularen oder sind einfach nur da und hören zu. Hier hat auch Carsten Voss zum ersten Mal seine Geschichte erzählt - einer Sozialarbeiterin.

Der nächste Halt ist am Viktoria-Luise-Platz in Schöneberg. Hier hatte Voss einst seine Wohnung. Und hier erzählt er davon, wie er nicht mehr auf der Sonnenseite des Parks saß, sondern im Schatten. Es drängt sich die Frage auf: Wie wird man eigentlich obdachlos? Oft sei ein "Bruch" im Leben der Auslöser - Gewalterfahrungen in der Familie, Scheidungen oder Arbeitslosigkeit. "Das kann ganz schnell gehen", sagt Voss. Er selbst hat nach einem "Burn Out", einer "psycho-vegetativen Erschöpfung", wie es in der Fachsprache heißt, alles verloren. In der "heißen Phase" war seine Wohnung innerhalb von drei Monaten weg. Durch den Verkauf seines Hab und Guts konnte er sich noch ein paar Monate über Wasser halten. Zeitweise nächtigte er bei Freunden in einer Gartenlaube: "Eine Maus war in dieser Zeit mein einziger Kontakt - das war irgendwie meditativ." Später schlug er sich in Nachtcafés die Zeit um die Ohren: "Mit dem Erfolg, dass mein ganzer Biorhythmus den Bach runter ging." Das sei seine "Mir-ist-alles-egal-Phase" gewesen. Die mache jeder durch, ehe er ganz unten landet. Voss` persönliche Wende kam mit dem Winter: "Ich habe mir nicht zugetraut, auf der Straße zu übernachten, mir war klar, dass ich Hilfe brauchte." Und dass war für den ehemaligen Geschäftsführer eine ganz neue Erkenntnis, liebte er es doch, autark zu sein.

Viele Menschen, die auf der Straße leben, wollen das nicht, sagt Voss. Doch allein der Wille reiche nicht, meint er. Manchen fehle schlicht die Lebenstüchtigkeit - Formulare ausfüllen, Organisatorisches händeln, um das eigene Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. "Wer es innerhalb eines Jahres nicht schafft, schafft es nie mehr", sagt Voss. Länger als zehn bis zwölf Jahre schaffe es kaum einer, auf der Straße zu überleben - permanent in der Öffentlichkeit zu leben sei unheimlich anstrengend. "Deshalb sind viele Obdachlose so pampig, wenn man sie anspricht. Oft ist das gar nicht böse gemeint, aber sie sind schlicht dauergestresst", sagt Voss.

Wer es nicht mehr schafft, dieses Leben, ist eines Tages einfach weg, verschwunden, taucht auch in der WOTA nicht mehr auf.

Die Teilnehmer der Stadtführung, auch die jungen Leute, sind beeindruckt. "Es ist wichtig zu wissen, wie andere leben, die vielleicht weniger Glück im Leben haben", sagt ein Mann. Er werde diese Tour nicht vergessen. Mehr könne man von einer Stadtführung nicht erwarten.

Am Bahnhof Zoo

Der nächste Halt ist am berühmt-berüchtigten Bahnhof Zoo. Das Milieu, das in dem Klassiker "Die Kinder vom Bahnhof Zoo" beschrieben wurde, existiere immer noch. Nur eben nicht mehr so offensichtlich. Ein paar Meter weiter weg von dem regen Treiben der ein- und aussteigenden Menschen findet sich die Bahnhofsmission. Endstation für die, die in den Wohnungslosentagesstätten nicht mehr aufgenommen werden. "Hierhin kommen auch die, die sich nicht mehr empfinden, weder körperlich noch seelisch", sagt Voss. Ganz in der Nähe ist der Supermarkt Ullrich. Für Obdachlose ein Anlaufpunkt, 24 Stunden geöffnet. Hier wird das Pfandgeld zumeist in Alkohol umgesetzt. Das Regal, in dem sich der günstigste Alkohol finden lässt, heißt in der Szene "Pennerglück". Nur fünfzig Schritte entfernt erhebt sich das Luxushotel "Waldorf Astoria". In keiner anderen Großstadt lägen die Welten von Reich und Arm so nah beieinander, sagt Voss. "Man sieht sich zwar, kommt aber nicht miteinander in Kontakt."

Und wie fühlt sich Carsten Voss selbst, wenn er Menschen Einblicke in diese Welt gibt, die auch einmal die seine war? "Gut. Ich habe mich entschlossen, mich zu outen und dazu stehe ich."

Die letzte Station ist vor der Gedächtniskirche. Ja, die Kirchen. Ohne deren Hilfsangebote würde es obdachlosen Mensch wesentlich schlechter gehen, sagt Voss. Ohne das Engagement der vielen Ehrenamtlichen, die sich aus Überzeugung und Nächstenliebe kümmern, würde alles zusammenbrechen. Voss selbst arbeitet derzeit ehrenamtlich für die WOTA, in der er den Weg zurück ins Leben fand.

Die Frage, ob er in sein erstes Leben vor der Obdachlosigkeit zurück wolle, beantwortet er mit einem klaren "Nein".

Für ihn, sagt er, schließe sich ein biographischer Kreis: "Ich erinnere mich, dass ich in meiner Jugend Jungscharführer war und mir das sehr viel Spaß gemacht hat, jetzt komme ich zu diesen Wurzeln zurück. Man kann doch auch Geschäftsführer sein und sich in der Kirche engagieren - das machen nur wenige - leider", meint er. Carsten Voss wünscht sich im Umgang miteinander mehr Achtsamkeit - das sei ein altes Wort mit großer Bedeutung und könne so etwas wie eine Lebensrichtlinie sein.

Constanze Broelemann

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