Protestantische Vielstimmigkeit

Zum Kongress "500 Jahre Reformation: Herausforderung und Bedeutung heute"
Der Kongressort Zürich. Foto: H. D. Volz/pixelio.de
Der Kongressort Zürich: Foto: H. D. Volz/pixelio.de
Im Oktober vorigen Jahres fand in Zürich ein internationaler Kongress zur Vorbereitung des 500-Jahr-Jubiläums der Reformation mit rund 240 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus 35 Ländern und fünf Kontinenten statt. Veranstalter waren der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). Michael Bünker, Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich und Generalsekretär der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE), wirft einen Blick zurück und einen voraus.

Schon im Eröffnungsgottesdienst erklangen sie: Die "Zäuerli", jener urtümliche mehrstimmige Gesang ohne Worte, der für den evangelischen Teil des Kantons Appenzell typisch ist. Haben die Veranstalter vor Ort damit auf die Vielstimmigkeit des Protestantismus angespielt, die gerade bei der gemeinsamen Ausrichtung auf ein Jahr (2017) und einen Anlass (500 Jahre Reformation) unüberhörbar ist? Die Kongressteilnehmenden kamen aus aller Welt und brachten die Geschichte, die aktuellen Kontexte und die Perspektiven auf das Jubiläumsjahr mit, so, wie sie in ihren jeweiligen Kirchen gegeben sind.

Für Europa hat sich die Ausgangslage durch die vor vierzig Jahren abgeschlossene "Leuenberger Konkordie" grundlegend geändert. Die lebendige Kirchengemeinschaft von lutherischen, reformierten, unierten und methodistischen Kirchen sowie Kirchen wie den Waldensern und Böhmischen Brüdern, die auf eine lange vor dem Jahr 1517 erfolgte Reformation zurückgehen, macht es möglich, ja verlangt direkt danach, das Reformationsjubiläum gemeinsam zu feiern. Die Reformation war ein europäisches Ereignis, das Kirche und Gesellschaft grundlegend verändert hat.

In der "Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE)", die auf die Leuenberger Konkordie zurückgeht, gehen die evangelischen Kirchen gemeinsam den Weg zum Jahr 2017. So bereiten sich etwa in Österreich die methodistische, reformierte und lutherische Kirche gemeinsam darauf vor. Dass die EKD und der SEK gemeinsam zum Kongress eingeladen haben, ist ein deutlich sichtbares Zeichen dieser gewachsenen Gemeinschaft und der Überzeugung, dass das Reformationsjubiläum verkürzt würde, wenn es als deutsches, auf Luther konzentriertes Anliegen gestaltet würde.

Der Kongress hat den unterschiedlichen Stand der Vorbereitungen, die zentralen dabei zu beachtenden Themen und die Perspektiven für das Jubiläumsjahr durch eine Reihe von wichtigen Vorträgen, zahlreiche Workshops, Diskussionen, Präsentationen, Ausstellungen und Begleitveranstaltungen sichtbar gemacht. Dabei wurde deutlich, dass die gemeinsame Ausrichtung auf das Jahr 2017 einer gemeinsamen Abstimmung zu verdanken ist und nicht einfach die historischen Tatsachen des Reformationsverlaufs für alle darstellt.

Wie in einem Brennglas

Das ist gut so, denn schon allein deswegen kann es nicht bei einem rückwärtsgewandten nostalgisch ausgerichteten Gedenken bleiben. Es geht - fokussiert wie in einem Brennglas auf das Jahr der 95 Thesen Luthers - um das Grundanliegen, dass die Reformation in ihren unterschiedlichen Abläufen ausgemacht hat: Die Wiederentdeckung des Evangeliums von der freien Gnade Gottes und seiner verändernden Kraft für Kirche und Gesellschaft. Fürwahr ein Grund sich zu freuen und zu feiern! In ihrem Aufruf zum europäischen Reformationsjubiläum formulierte die GEKE auf ihrer Vollversammlung im Jahr 2012 so: "Das Evangelium lässt aufatmen, vertreibt die Angst, schenkt neues Leben, macht frei, öffnet die Augen für die Not der anderen und vertreibt die Trauergeister. Wo auch immer das unter uns erfahren wird, werden die Impulse der Reformation unter uns lebendig. Die Reformation wird dann angemessen gewürdigt, wenn sich die christlichen Kirchen vom Evangelium leiten lassen." Es geht also um das Potential reformatorischer Theologie für das 21. Jahrhundert, wie es Ulrich Körtner in seinem Zürcher Vortrag zum vierfachen "Allein" ausgeführt hat.

Das Reformationsjubiläum unterscheidet sich von den vorigen Hundertjahrfeiern dadurch, dass es das erste im Zeitalter der Ökumene ist. Der Einleitungsvortrag von Rowan Williams und der Abschluss durch Kardinal Kurt Koch sowie die Beteiligung orthodoxer Gesprächspartner/innen am Kongress haben das sichtbar gemacht. Ob es zu einem gemeinsamen Feiern kommen wird? Nach dem Vortrag des Kardinals, in dem es nicht nur um Bezeichnungen ("Gedenken" statt "Jubiläum"), sondern um deutliche Bedingungen ("Ein ... öffentlicher Bußakt muss jedenfalls der erste Schritt bei einem gemeinsamen Reformationsgedenken sein") ging, scheint es geraten, die Erwartungen dafür derzeit nicht zu hoch anzusetzen. Aber wer weiß?

Die Schattenseiten der Reformation, vor allem der Konfessionalisierung, sind am Kongress jedenfalls von den evangelischen Kirchen selbst ungeschminkt thematisiert worden. Dennoch überwiegt die Freude auf das Jubiläum gerade bei den Vertretern und Vertreterinnen kleinerer Kirchen, die sich als Diaspora verstehen. Dass sie in Zürich eine Möglichkeit des Austauschs und der vielfältigen Anregung und Orientierung gefunden haben, beweist, dass und wie "die Großen", in dem Fall SEK und EKD, ihre gesamteuropäische, ja globale Verantwortung wahrnehmen. Fortsetzung - am besten zur Halbzeit 2015 - erwünscht.

Michael Bünker

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