Lob der Langeweile

Ein Lese-Exerzitium
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Wallace schreibt einen Angestelltenroman, der der menschlichen Bürokratie in jedem Leben auf die Schliche kommt.

Große Literatur bietet selten unendliche Bespaßung. Seit die zeitdiagnostischen Warnrufer die Gültigkeit der Existentialien des Leichtsinns und der Zerstreuung in Frage stellen, weil wir im bequemen und verdösten Leben der Gegenwart per Knopfdruck zu den Sklaven der Leichtmacher verkommen sind, werden jetzt in einer Gegenbewegung die Existentialien der Anstrengung und Konzentration aufgerufen: Du musst dein Leben ändern, eine Diät in Leichtsinn ist angesagt, eine neue Athletik gefordert. Das Exerzitium für diese Gegenbewegung liegt jetzt backsteingroß als Roman vor: Der bleiche König. Keine Human Interest Story. Kein mentaler Exhibitionismus. Kein Befindlichkeitsplüsch. In seinem Fragment gebliebenen und erst posthum, drei Jahre nach seinem Selbstmord erschienenen Roman schickt Wallace seinen Protagonisten Claude Sylvanshine Mitte der Achtzigerjahre nach Peoria in Illinois an die Bundesteuerbehörde, um sein Leben der organisierten Langeweile anzupassen.

Wallace schreibt einen Angestelltenroman, der der menschlichen Bürokratie in jedem Leben auf die Schliche kommt. "Ich habe eine ungewöhnlich hohe Schmerztoleranz", heißt es im Roman, die sollte der Leser in der Tat mitbringen, will er die Textcollage stemmen. Er wird mit großen Einsichten entschädigt: "Wenn Sie die Einstellung eines Menschen zu Steuern kennen, dann können Sie sich einen Begriff von [seiner] ganzen Philosophie machen. Wenn man das Steuerrecht erst einmal durchdrungen hat, umfasst es das ganze Wesen des [menschlichen] Lebens: Gier, Politik, Macht, Güte, Barmherzigkeit."

Es gibt funkelnde Miniaturen im Roman, eine verknappte Erzählung etwa über eine der Hauptfiguren, der sich für seine unkontrollierten Schweißausbrüche vor anderen schämt. Oder die unerträglich langweiligen Gespräche, die zwei Arbeitskollegen während der Pause führen. Und ein Dialog über Produktivitätsstatistiken endet mit einer Gegenfrage: "Was bin ich denn, eine Maschine"?

Bewusst oder nicht bestätigt Wallace in seinem Roman, der die post- oder spätmodernen Techniken der Literatur noch einmal nachhaltig einsetzt, eine These Heideggers, der in einer veröffentlichen Vorlesung aus dem Wintersemester 1929/30 die tiefe Langeweile feierte, weil in der tiefen Langeweile alle konkreten Möglichkeiten ausgesetzt werden und sich die reine Möglichkeit oder die ursprüngliche Ermöglichung erst offenbart. Vielleicht ist diese reine Möglichkeit nichts anderes als die Freiheit, die - auch gegen Heidegger gesagt, der in späten Jahren bekanntlich ein Anhänger der Gelassenheit war - die Freiheit des Widerstandes und der Mündigkeit ist.

Es bedarf einer großen Portion protestantischer Leidensfähigkeit, um dieses Lese-Exerzitium zu durchlaufen, denn manchmal dehnt sich, offenbar vom Autor intendiert, die Zeit während der Lektüre unerträglich, der Gewinn aber wäre nicht klein. In der faz hat jüngst Enzensberger als Geste des Widerstands dazu aufgerufen, das Handy wegzuwerfen. Der Hass auf das Handy ist unter Intellektuellen offenbar sehr groß, denn auch Giorgio Agamben bekennt: "Wer sich vom Dispositiv 'Mobiltelefon' gefangen nehmen lässt, wie intensiv auch immer das Verlangen, das ihn dazu getrieben hat, gewesen sein mag, erwirbt deshalb keine neue Subjektivität, sondern lediglich eine Nummer, mittels derer er gegebenenfalls kontrolliert werden kann."

Laufen wir also nicht länger vor der Langeweile davon. Wallace her, Handy aus!

David Foster Wallace: Der bleiche König. Verlag Kiepenheuer & Wisch, Köln 2013, 640 Seiten, Euro 29,99.

Klaas Huizing

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Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.


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