Fußball als Religion

Was die Kirche von den Fans in den Stadien lernen kann
Foto: privat
Wo anders als beim Fußball liegen sich fremde Menschen himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt in den Armen?

Dem angesehenen Jerusalemer Historiker Moshe Zimmermann ist Fußball eine Religion: Mit sportbegeisterten Freunden könne er friedlich auf dem Spielfeld dem Ball nachjagen, während die drei großen monotheistischen Weltreligionen durch ihren Absolutheitsanspruch Gewalt und Feindschaft säten. Der Frankfurter Eintrachtfan Günter Keim glaubt ebenfalls an den Kick und dokumentiert dies mit einem Aufnäher, der ähnlich auch für andere Vereine verfügbar ist. Sie werden zu "meiner Religion" erhoben - und dies "bis in alle Ewigkeit!" Für solcherlei Gläubige stiftet der Fußball Gemeinschaft, ist Quelle hingebungsvoller Identifikation wie Identität und vereint Elemente, die auch das Christentum prägen.

Die Analogien sind offensichtlich: Im Wochenrhythmus pilgern eingefleischte Fans in die Stadien und streben so zyklischen Höhepunkten ihres Lebens zu, wie sie einst der sonntägliche Kirchgang bot. In Fan-Kutten, farbenfrohen Trikots und T-Shirts bekennen sie sich öffentlich zu ihrem Klub und seinen Idolen und huldigen ihnen in liturgieähnlichen Ritualen. Choreographie, Gesang, Wechselgesänge und Segensgesten ziehen die Tribünen in ihren Bann und ermöglichen ein interaktives Eintauchen in eine große Gemeinde. Auswärtsspiele werden zu Wallfahrten, bei denen bereits die gemeinschaftliche Anreise ein wesentliches Ziel ist.

In einem großartigen Romanwerk beschreibt der schwedische Schriftsteller Vilhelm Moberg eindrucksvoll, wie im 19. Jahrhundert der neu errichtete Kirchenraum in der Wildnis Minnesotas den lutherischen Einwanderern aus Smaland zur geistig-geistlichen Heimat und zugleich zum Nukleus ihrer Gemeinschaft wurde. Damit benennt er jene Elemente, die heute auch Fußballgemeinden prägen: der Glaube an ein Größeres und die Sehnsucht nach Gemeinschaft in einer zunehmend vereinzelnden Welt.

Der überzeugte Christ, Moslem oder Jude mag angesichts solcher Überhöhung einer vermeintlich banalen Sportart die Nase rümpfen und das Bekenntnis zum Fußballglauben als verwirrte Verirrung abtun. Damit vergibt er jedoch die Chance zum Diskurs und vor allem auch die Möglichkeit, vom Fußball zu lernen. Dieser bietet jedem Begeisterten unabhängig von Status und Bildung die Chance, ein wichtiges Glied des Fankörpers zu werden und darin seinen Emotionen freien Lauf zu lassen. Wo anders als beim Fußball kommt der Besucher wie selbstverständlich mit seinem unbekannten Nachbarn ins Gespräch, offenbart ihm Hoffnungen und Sehnsüchte und muss sich seiner Enttäuschung nicht schämen? Wo anders als beim Fußball liegen sich fremde Menschen himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt in den Armen?

Überzeugender Gesang der Ultras

Die viel gescholtenen Ultras streben nach perfekter Choreographie und überzeugendem Gesang. Wie ernüchternd kann indes der Blick auf christliche Gottesdiente sein, in denen die Gläubigen sich weit über den Raum verteilen und die tätige Mitwirkung verweigern. Auch der Performance der Pfarrer fehlt bisweilen jener ästhetische Glanz, der den Kirchenbesuch zum emotional-sinnlichen Zusammenspiel der Künste erhebt. Wenn jedoch Geist und Herz unberührt bleiben, werden sich Emotionen kaum entfalten.

"Schalke kann mir Freikarten geben, erlösen kann es mich nicht", bringt der Gelsenkirchener Pfarrer und blau-weiße Ehrenratsvorsitzende Hans-Joachim Dohm seine persönliche Grenzlinie zwischen Fußball und Religion auf den Punkt. Tatsächlich spendet der Fußball im Angesicht des Todes weder Trost noch Hoffnung und bleibt eine Antwort auf die letzten Fragen schuldig. Dies spiegelte sich auch nach dem Suizid von Nationaltorwart Robert Enke in den emotionalen Eruptionen vieler Menschen - in Hannover, in Niedersachsen, in Deutschland und weltweit. Zudem ist der Fußball keinesfalls so gewaltlos, wie Moshe Zimmermann ihn im Kreise seiner interreligiös und interkulturell geprägten Hobbymannschaft erlebt. Aggression auf dem Rasen paart sich mit Fangewalt. Und die Hohepriester der Ballkultur sind gegen Burnout, Depression und Sinnleere nicht gefeit. Gleichwohl tut die Kirche gut daran, jene ernstzunehmen, für die Fußball ihre Religion ist: die an ihren Verein hoffnungsvoll glauben, die sich dabei einem größeren Ganzen ebenso verpflichtet wie verbunden wissen und die bis in den Tod hinein das Bekenntnis zu ihren Farben ablegen, wie Begräbnisrituale und Fanfriedhöfe zeigen.

Zur Eröffnung einer Ausstellung über Fußball und Religion hat der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode angemerkt, ein Schuß Hingabe und Emotionalität der Fußballfans würde auch unseren Gottesdiensten gut zu Gesicht stehen. Und wer deren bisweilen triste Schattenseiten kennt, möchte nicht widersprechen.

Hermann Queckenstedt ist Direktor des Diözesanmuseums Osnabrück und langjähriger Fan des dortigen VfL. Am 23. Mai wurde im westfälischen Landesmuseum Kloster Dalheim die Sonderausstellung "Im Fußballhimmel und auf Erden" eröffnet, für die er das Begleitbuch verfasst hat.

Hermann Queckenstedt

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