Die andere Maria

Ein Oratorium von John Adams
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Wer ist diese andere Maria? Und was hat sie zu sagen, das wir nicht schon aus den eigentlichen Evangelien kennen?

Schon der Titel von John Adams' neuem Werk macht neugierig: "The Gospel according to the other Mary". Das Evangelium, wie es die andere Maria berichten würde. Wer ist diese andere Maria? Und was hat sie zu sagen, das wir nicht schon aus den eigentlichen Evangelien kennen?

Adams' Oratorium, ein 2012 uraufgeführtes Auftragswerk der Los Angeles Philharmonic Association, widmet sich Maria Magdalena, die der Komponist gemeinsam mit dem Regisseur und Librettisten Peter Sellars als äußerst vielschichtige Persönlichkeit darstellt. Dazu verwendet er nicht nur Texte des Alten und Neuen Testaments, sondern unterschiedliche Quellen, die von Hildegard von Bingen bis zu Dorothy Day (1897-1980) reichen, der Anführerin der Katholischen Arbeiterbewegung in den USA. Oder zur mexikanischen Dichterin Rosario Castellanos, der die Erde als ein im Flug gekreuzigter Vogel erscheint. Adams und Sellars wechseln permanent zwischen biblischer Geschichte und Bildern der Gegenwart. So werden Maria Magdalena und ihre Schwester Martha zu Betreiberinnen einer Herberge für arbeits- und wohnungslose Frauen in Bethanien. Sie haben selbst Gefangenschaft und Missbrauch erlebt. Hier kehrt Jesus vor seiner Kreuzigung ein. Die Ölung seiner Füße durch Maria Magdalena und die Erweckung des toten Lazarus sind zwei Schlüsselszenen.

John Adams, Jahrgang 1947, schickt diese Passionsgeschichte musikalisch durch ein Wechselbad der Emotionen - mit Sprüngen so heftig und groß wie auf der zeitlich-inhaltlichen Schiene. Ohne Einleitung springt die Musik direkt ins Geschehen, Maria Magdalena im Gefängnis. Turbulent-entfesselt ist dieser Beginn, mit knackigen, zeitweise an Bernstein erinnernden Arpeggien des Los Angeles Philharmonic unter der Leitung von Gustavo Dudamel, dazu dem Los Angeles Master Chorale, der feurig-entschlossen in die Breschen springt, die einige Zeilen aus dem Buch Jesaja ins Heute schlagen. Dann endet der Aufruhr urplötzlich, als die oft im Trio erscheinenden Countertenöre Daniel Bubeck, Brian Cummings und Nathan Medley einen samtigen Szenenwechsel einleiten und Martha (Tamara Mumford) vorstellen. Russel Thomas als Lazarus komplettiert das Sextett der Solostimmen - Jesus hat keinen eigenen Part, seine Sätze werden von den anderen Rollen gesungen.

Besonders eindringlich ist die Golgatha-Sequenz mit atonalen Passagen und Stimm-Clustern, mit intimen wie auch zornerfüllten Momenten, wenn Jesus sich in den Worten Louise Erdrichs an den Vater wendet: "Ash to ash, you say, but I know different. I will not stop burning." Dieser Gospel hat es in sich.

John Adams: The Gospel according to the other Mary. Deutsche Grammophon.

Ralf Neite

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