Mutige Taten

Frauen im Widerstand
Bild
Zeigen die mutigen Worte und Taten der porträtierten Protestantinnen, was "wahres Christentum" und "wahre Kirche" hätte sein sollen, während die "männergeführte Normalkirche" moralisch versagte?

Mutige Protestantinnen präsentiert dieser Band des Hannah-Arendt-Instituts. Zum himmelschreienden Unrecht der NS-Rassenpolitik konnten und wollten sie nicht schweigen. Sie reagierten mit persönlichem Einsatz. Die von fünf Autorinnen und acht Autoren vorgestellten Biografien zeigen Frauen, die die Leitung der oppositionellen Bekennenden Kirche (BK) aufforderten, gegen die Judenverfolgung in Wort und Tat Stellung zu beziehen. Die Gründe dieser Frauen, ihren Glauben in Wort und Tat zu leben und daher ihrer Kritik am Regime Ausdruck zu verleihen, werden, soweit es die Quellen zulassen, rekonstruiert. Sie standen zur Bekennenden Kirche, bildeten darin jedoch eine Art eigener Opposition. Denn sie äußerten Kritik am Judenbild der BK, wie es sich zum Beispiel in Walther Künneths Schrift gegen Alfred Rosenberg zeigte. Sie vermissten eine deutliche kirchliche Äußerung gegen die NS-Rassenpolitik.

Ebenso kritisierten sie die konservative Rolle, die Frauen in der BK zugewiesen wurde (Agnes von Zahn-Harnack). Mit weitsichtigen Denkschriften (Marga Meusel, Elisabeth Schmitz) und mit ihrem Sachwissen (Elisabeth Schiemann) wollten sie als Kirchenmitglieder ihren Beitrag leisten. Bewusst setzten sie sich Gefahren aus, indem sie jüdische Menschen versteckten (Elisabeth Abegg, Helene Jacobs, Agnes, Ruth und Angelika Wendland). Ein Vergleich der Biografien zeigt Gemeinsamkeiten: Wert der Bildung, Achtung der Menschenwürde, Anteilnahme, soziales und gesellschaftspolitisches Engagement in christlicher Verantwortung. Unterschiedlich sind die persönliche Religiosität (Kulturprotestantismus, Quäker, lutherische und reformierte Kirche), die Nähe oder Distanz zur BK und die politische Einstellung. Der Großteil dieser Frauen wirkte in Berlin, das die Herausgeber als "Zentrum protestantischer Kultur" bezeichnen. Erkennbar werden nichtinstitutionelle Netzwerke (Soziale Arbeitsgemeinschaft Berlin-Ost), innerhalb derer Frauen gemeinsam mit Männern gegen die NS-Rassenpolitik tätig wurden. Als Kontaktperson und Ideengeber fällt immer wieder der Name Friedrich Siegmund-Schultze.

Die spannenden, mit Fotos ausgestatteten Biografien ausgewiesener Autorinnen und Autoren leisten, was die Herausgeber wollen: Die lange vergessenen "protestierenden Protestantinnen" sollen in das kulturelle Gedächtnis von Kirche und Öffentlichkeit eingehen. Einige von ihnen wurden von der Gedenkstätte Yad-Vashem als "Gerechte unter den Völkern" geehrt. Neben den bereits erwähnten Protestantinnen sowie Elisabeth von Harnack und Elisabeth von Thadden werden auch vier Theologinnen, Katharina Staritz, Ruth Wendland, Sofie Benfey-Kunert sowie Ina Gschlössl porträtiert. Ihre Biografien zeigen die einengenden Bedingungen, die Frauen hinnehmen mussten, wenn sie in der Kirche ein geistliches Amt beanspruchten. Zur Orientierung der Leserschaft wäre eine Übersicht über die Theologinnen-Gesetzgebung und ihre Notordnungen in der NS-Zeit sinnvoll gewesen.

Die Herausgeber Manfred Gailus und Clemens Vollnhals sparen in der Einleitung nicht mit polemischen Spitzen. Berechtigt ist der Vorwurf, die Kirche habe lange nur die großen Männer der BK geehrt, zudem, ohne deren Lebensleistung kritisch zu betrachten. Dass diese Diskussion inzwischen in Wissenschaft und Kirchen seit einiger Zeit geführt wird, sollte aber erwähnt werden. Unpassend sind manche Begriffe: Die "bruderrätliche Kirchenopposition" sei eine "durch männliche Theologen geführte Frauenbewegung". Nicht ordinierte Theologinnen werden entgegen evangelischem Amtsverständnis, das den Begriff der Priesterweihe nicht kennt, als "ungeweiht" bezeichnet.

Die These der Herausgeber fordert heraus: Zeigen die mutigen Worte und Taten der porträtierten Protestantinnen, was "wahres Christentum" und "wahre Kirche" hätte sein sollen, während die "männergeführte Normalkirche" moralisch versagte? Die provozierende Formulierung nötigt, genauer hinzuschauen. Das vorgelegte Buch leistet hierzu einen wichtigen Beitrag.

Manfred Gailus / Clemens Vollnhals (Hg.): Mit Herz und Verstand - Protestantische Frauen im Widerstand gegen die NS-Rassenpolitik. V & R unipress, Göttingen 2013, 280 Seiten, Euro 29,99.

Auguste Zeiß-Horbach

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Politik"