Etwas hinterher

Für die medienethische Bibliothek
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Lück geht der Lust, sichtbar zu sein, und der Angst, gläsern zu werden, auf den Grund.

In ihrer theologischen Dissertation an der Universität Zürich widmet sich Anne-Kathrin Lück der internetethischen Reflexion des Web 2.0, insbesondere sozialen Netzwerken und Online-Bewertungsportalen. Dazu wählt sie eine Perspektive der theologischen Anthropologie mit den Kategorien Sichtbarkeit, Leiblichkeit und Personalität.

Die Titelmetapher vom "gläsernen Menschen" entstand 1930, als das Dresdner Hygienemuseum in einer Ausstellung mit Glaselementen Einblicke ins Innere des Menschen ermöglichte. Die Metapher hat einen Wandel erfahren und befriedigt heute nicht mehr anatomische Neugier, sondern bezeichnet die Transparenz von Lebensgewohnheiten: wo jemand gerne isst, einkauft, sich aufhält, welche Freunde oder Hobbys er hat, und so weiter.

Lück geht der Lust, sichtbar zu sein, und der Angst, gläsern zu werden, auf den Grund. Dazu unterscheidet sie das aktive "sich selbst gläsern machen" durch die Veröffentlichung in sozialen Netzwerken vom "gläsern gemacht werden" in Online-Bewertungsportalen. Dass aus Spuren im Netz auch Kundenprofile erstellt werden, streift sie am Rande. Das Internet versteht sie als "Hybridmedium", das auf Computertechnik basiert und Menschen in einem Kommunikationsraum verbindet.

Bücher zur Internetethik hinken ihrem Gegenstand leider meist etwas hinterher. So hatten sich Lücks Beobachtungen am sozialen Netzwerk "StudiVZ" durch den Siegeszug von "Facebook" bereits überlebt, bevor die Studie erschien. Sie fokussiert deshalb auf die Bewertungsportale für Lehrer (spickmich.de) und Pfarrer (hirtenbarometer.de). Letzteres baut seit dem Erscheinen der Dissertation seine Plattform um.

Theologisch postuliert die Arbeit, dass im Internet neben dem Recht auf freie Meinungsäußerung auch "der Andere", über den gesprochen wird, zu seinem Recht kommen müsse. Lück fordert eine Pflicht, Bewertete über die Erstellung eines Profils zu informieren, sowie ein Widerspruchsrecht gegen Fremdbewertungen. Unberücksichtigt bleibt die Möglichkeit, die mittlerweile zahlreiche Portale einräumen, dass die Bewerteten ihrerseits Stellung beziehen können.

Beim Lesen des Buches taucht, wie es für Bereichsethiken nicht ungewöhnlich ist, ein subtiles Bauchgrummeln auf über die Frage, was daran spezifisch theologisch sei. Ist es die Beschäftigung mit Internetportalen, in denen Pfarrer überdurchschnittlich häufig vorkommen? Oder die Entdeckung, dass auch im Internet der Nächste zu lieben und zu achten ist?

Die Anlehnung an Johannes Fischers Anthropologie ist gemessen am Ertrag zu umfangreich und lässt Fragen offen. So kann für einen Begriff von Personalität, der in der sozialen Anerkennung gründet, Robert Spaemann nur mit Gewalt als Gewährsmann herangezogen werden, für den Personalität allein der "Zugehörigkeit zum Menschengeschlecht" entspringt.

Die Stärken der Arbeit über den gläsernen Menschen im Internet liegen in aktuellen und gründlichen Passagen zur Kommunikationstheoretie sowie treffenden und manchmal überraschenden Einzelbeobachtungen zum Web 2.0. In einer medienethischen Bibliothek darf die meist gut lesbare Studie nicht fehlen.

Anne-Kathrin Lück: Der gläserne Mensch im Internet. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2013, 253 Seiten, Euro 39,90.

Gunther Barth

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