Total misslungen

Die Aktion "7 Wochen ohne" gibt immer zweifelhaftere Fastenziele vor
Gewissheiten werden uns zuteil und bestimmen unser Fühlen, Wollen und Denken. Wie sollte man sie abschalten oder vorübergehend suspendieren?

Fasten ist eine uralte religiöse Sitte. Es dient vor allem der inneren Reinigung und Sammlung sowie der Lösung von Gewohnheiten, die zur Sucht werden könnten. Dabei ist Fasten etwas, das zeitlich begrenzt ist, sei es auf einen Wochentag, auf einen Fastenmonat oder auf bestimmte Fastenzeiten. In der Christenheit gelten die Advents- und die Passionszeit traditionell als solche Fastenzeiten. Im Katholizismus spielte das Fasten immer schon auch im alltäglichen Leben der Gläubigen eine Rolle. Das war bei evangelischen Christen im Allgemeinen nicht der Fall, weil Fasten, Wallfahrten etc. oft unter dem Verdacht der "Werkgerechtigkeit" standen. Das hat sich in den zurückliegenden Jahrzehnten erfreulicherweise geändert: Insbesondere das Fasten wird neuerdings auch im evangelischen Bereich vielfach praktiziert. Und es hat überdies Konjunktur bei Menschen, die aus medizinischen oder ästhetischen Gründen auf bestimmte Genüsse verzichten.

Wovon soll man sich beim Fasten enthalten? Jedenfalls nicht vom Tun des Guten. Aber das Fasten dient auch nicht der Enthaltung vom Bösen; denn andernfalls wäre seine Einschränkung auf eine begrenzte Zeit nicht sinnvoll. Als Fasten-Kandidaten kommen daher vor allem so genannte "mittlere Dinge" (Adiaphora) in Frage, die an sich weder gut noch schlecht sind, aber im Übermaß genossen zur Sucht führen können. Es sind vor allem Genussmittel wie Alkohol, Tabak, Süßigkeiten, Spiele oder Medienkonsum, die Menschen während der Fastenzeit zum Gegenstand ihrer Enthaltung machen, je nachdem, wo sie sich gefährdet sehen und eine größere Unabhängigkeit bekommen wollen. Und das kann nur jeder für sich entscheiden.

Aber dann entstand vor mehreren Jahren die Aktion: "7 Wochen ohne", durch die nun Jahr für Jahr ein bis dahin unübliches Fastenziel allgemein vorgeschlagen wird. Charakteristisch daran ist, dass dem eine positiv formulierte Parole vorangestellt wird. Darunter finden sich durchaus sinnvolle und anregende Ziele. Aber, was da im Laufe der Jahre an Aufforderungen und Fastenzielen formuliert wurde, ist doch meist nur dann sinnvoll, wenn man ihm einen ganz anderen als den wörtlich formulierten Sinn unterlegt. Zum Beispiel "Verschwendung! - 7 Wochen ohne Geiz", als sei das Gegenteil von Geiz Verschwendung und nicht Großzügigkeit. Und dass man wirtschaftlich gut situiert sein muss, um sich 7 Wochen Verschwendung leisten zu können, ohne in Schwierigkeiten zu kommen, haben die Erfinder dieser "Fasten"-Idee offensichtlich auch nicht bedacht.

Vorschläge nicht nötig

Mit den beiden Fasten-Parolen von 2013 und 2014 scheinen den Verfassern die brauchbaren Fastenideen vorläufig ganz ausgegangen zu sein:

2013: "Riskier was, Mensch! - 7 Wochen ohne Vorsicht". Weiß oder bedenkt man nicht, wie viele Menschen nach der Finanz(markt)krise immer noch äußerlich und innerlich schwer darunter leiden, dass sie es über Jahre hin bei ihren Geldanlagen an Vorsicht haben mangeln lassen und zu risikofreudig waren? Soll denen nun 7 Wochen lang mit einem "Nur weiter so!" auf die Schulter geklopft werden?

2014: "Selber denken! - 7 Wochen ohne falsche Gewissheiten". Das damit formulierte Fastenziel ist ebenfalls total misslungen, und dafür sind sogar gravierende theologische Gründe maßgeblich:

- Gewissheiten gehören zu den Dingen, auf die man ebenso wenig willentlich verzichten wie sie sich zulegen kann. Das ist eine zentrale Einsicht der Reformation. Gewissheiten werden uns zuteil und bestimmen unser Fühlen, Wollen und Denken. Wie sollte man sie abschalten oder vorübergehend suspendieren?

- Nun sollen wir für 7 Wochen auf falsche Gewissheiten verzichten!? Welche sind denn das? Und wer bestimmt, welche unserer Gewissheiten falsch und welche richtig sind? Darf man da im Zweifelsfall bei der zuständigen Redaktion nachfragen und um lehramtliche Auskunft bitten?

- Und schließlich soll auch dieser Verzicht auf falsche Gewissheiten auf 7 Wochen begrenzt sein. Soll man also nach 49 Tagen die falschen Gewissheiten wieder reaktivieren - oder woran ist da gedacht?

Ich gestehe, dass es nicht leicht ist, vernünftige Fastenideen und -vorschläge für andere zu entwickeln. Die Aktion "7 Wochen ohne" hat mich aber auch immer mehr daran zweifeln lassen, ob das überhaupt sinnvoll geschweige denn notwendig ist. Alle mir bekannten Menschen, die in der Passionszeit fasten, brauchen keine solchen Vorschläge, weil sie selbst gut genug wissen, was bei ihnen "dran" ist. Und sollte jemand da neue Anregungen benötigen oder geben wollen, dann müssten es jedenfalls Beispiele sein, die Hand und Fuß haben, das heißt aber: nicht solche, wie die letztgenannten Aktionen. Auf die könnte ich gerne verzichten, und zwar nicht nur für 7 Wochen.

Wilfried Härle ist Professor em. für Systematische Theologie an der Universität Heidelberg. Die Redaktion hat ihn um diesen Gastkommentar gebeten.

Wilfried Härle

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