Mord

Vergessene Euthanasie-Opfer
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Klaus Vellguth hat sich mit seinem Buch sich um die Erinnerungskultur Deutschland verdient gemacht. Eine Pflichtlektüre eigentlich für alle.

Der Boden war bereits bereitet, auf dem die Nationalsozialisten vor 75 Jahren ihr systematisches Mordprogramm "T4" zur Tötung von - wie sie es nannten - "unwertem" Leben begannen, zynisch als Euthanasie, "schöner Tod", verharmlost. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts machten Schlagworte die Runde wie "Defektmenschen" oder "Menschenhülsen". Eugeniker und "Rassenhygieniker", forderten die Freigabe der Vernichtung "lebensunwerten" Lebens - und das beileibe nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Ländern Europas und auch in Nordamerika.

Im Jahre 1923 wurde an der Universität München der erste Lehrstuhl für Rassenhygiene in Deutschland eingerichtet, Rassenhygiene als Wissenschaft etabliert. Noch vor dem Ersten Weltkrieg hatten sich zahlreiche Rassehygieniker in Europa für eine gesteuerte Fortpflanzungspolitik ausgesprochen - durch Eheverbote, Zwangsasylisierung und Zwangssterilisierung. Eine Stimmung breitete sich aus, bei der sogar in der eigenen Familie Menschen mit Behinderung das Lebensrecht abgesprochen wurde.

Niemand aber, so Vellguth, hatte die Rassenhygiene so folgenschwer in die eigene Ideologie eingewoben und in die politische Praxis umgesetzt wie die Nationalsozialisten. In einem offiziellen Gesetzeskommentar aus dem Jahr 1934 wurde die Kleinmütigkeit einer "übertriebenen selbstmörderischen Nächstenliebe" gegenüber kranken Menschen gegeißelt.

Mit ihrem Gesetz zur "Verhütung erbkranken Nachwuchses", das unter anderem Zwangssterilisationen legalisierte, sollte nach den Worten Adolf Hitlers verhindert werden, dass "Millionen Gesunder das zum Leben Nötigste entzogen werden muß, um Millionen Ungesunder am Leben zu erhalten". Nach heutigen Schätzungen wurden in der Zeit der NS-Herrschaft zwischen 200.000 und 350.000 Menschen auf der Grundlage des Gesetzes sterilisiert.

Die nächste Stufe der Radikalisierung der rassenhygienischen Politik war die Aktion "T4", benannt nach der Berliner Adresse Tiergartenstraße 4, von wo aus die systematische Ermordung kranker und behinderter Menschen bürokratisch organisiert wurde.

Dem Autor, Professor an der Hochschule der Pallottiner in Vallendar, ging es aber nicht nur um die Darstellung der Durchführung der Aktion T4 und die Entstehungsgeschichte der Rassehygiene in Deutschland. Entsprechend der Mahnung des Friedensnobelpreisträgers Elie Wiesel, die Opfer nach der Ermordung und Verbrennung nicht ein drittes Mal zu töten, indem man sie durch ein Ver- und Auslöschen der Erinnerung ihrer Vergangenheit beraubt, ging Vellguth auch auf die Opferperspektive ein.

Er zeichnete, soweit die eher dürftige Quellenlage dieses zuließ, das Leben und Ende eines Opfers aus seinem familiären Umfeld nach: Wilhelm Vellguth, der mit Downsyndrom zur Welt kam und als geistig behindert galt, wurde 1940 in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein ermordet - eines von 70.273 bürokratisch erfassten Opfern der Aktion T4. Doch die tatsächliche Zahl der Euthanasie-Opfer liegt viel höher, denn die Aktion wurde auch nach ihrem offiziellen Abbruch 1941 nach Protesten einiger weniger Kirchenmänner wie Fritz von Bodelschwingh (Anstaltsleiter in Bethel), des württembergischen Landesbischofs Theophil Wurm und des Münsteraner katholischen Bischofs Clemens August Graf von Galen "wild" fortgesetzt.

Klaus Vellguth hat mit seinem Buch Elie Wiesels Mahnung, durch ein Verlöschen der Erinnerung die Opfer nicht ein drittes Mal zu töten, nicht nur umgesetzt - er hat auch ein schon beinahe vergessenes Kapitel finsterster deutscher Geschichte aufgezeichnet und sich um die Erinnerungskultur Deutschland verdient gemacht. Eine Pflichtlektüre eigentlich für alle.

Klaus Vellguth: Aktion T4 Mord mit System. Topos Verlagsgemeinschaft/Lahn Verlag, Kevelaer 2014, 155 Seiten, Euro 9,95.

Manfred Gärtner

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