Pointenreich

Taufe in Theorie und Praxis
Bild
Sowohl informativ als auch pointenreich - Lehrbuch und Plädoyer in einem.

Auf den zweiten Blick ist das Thema der Taufe von sehr viel mehr Unklarheiten und Spannungen durchzogen, als man auf den ersten Blick meinen könnte. Zwar erfreut sie sich auch unter den eher distanzierten Kirchenmitgliedern immer noch großer Beliebtheit. Doch die Gründe für diese Wertschätzung bewegen sich nicht am Rande 'theologischer Korrektheiten'. Theologisch stand die hohe Bedeutung der Taufe nie in Frage. Umso mehr kann erstaunen, dass sie in vielen Gemeinden ein liturgisches Nischendasein führt: Oft wird die Taufe zusammengezwängt auf wenige Minuten im Ablauf des normalen Gottesdienstes am Sonntagmorgen.

Dass man sie genau dort einfügt, soll zumeist zum Ausdruck bringen, dass die Täuflinge zu Mitgliedern einer konkreten Gemeinde getauft werden, obwohl die Taufe eigentlich ja nicht auf eine Gemeinde, sondern auf den Namen des dreieinigen Gottes vollzogen wird. Man könnte es auch so sagen: Das für die Volkskirche charakteristische, aber nicht immer ganz spannungsfreie Nebeneinander von Kasual- und Kerngemeinde wird bei kaum einer anderen Amtshandlung so greifbar wie hier.

Angesichts solcher Unklarheiten und Spannungen scheint es nur folgerichtig, dass das Buch, das der Münsteraner Praktische Theologe Christian Grethlein in der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig nun über das grundlegende christliche Sakrament Taufe geschrieben hat, einen eigentümlichen, aber anregenden Doppelcharakter aufweist: Es ist sowohl informativ als auch pointenreich. Es ist Lehrbuch und Plädoyer in einem.

Die titelgebende Trias von Geschichte, Gegenwart und Zukunft gibt den Aufbau des Buches wieder. Im ersten Drittel des Werkes erzählt Christian Grethlein die Geschichte der Taufe als eine Geschichte der Auseinandersetzung um ihre eigentliche Bedeutung. In der Taufe nimmt der religiöse Grundimpuls Jesu eine rituelle, lebensprägende Gestalt an; zugleich lagern sich über die Jahrhunderte an diesen menschlichen Vollzug immer neue Deutungsmuster an, die seinem ursprünglichen Sinn bisweilen deutlich zuwiderlaufen.

Das zweite Drittel widmet der Münsteraner Theologieprofessor Grethlein einer Erkundung der gegenwärtigen Taufpraxis und ihres gesellschaftlichen Umfelds. Dabei zieht er neben empirischen Einsichten auch ökumenische Stimmen und praktische Erfahrungen heran. Dies bahnt bereits an, worauf das Buch im Ganzen zulaufen soll: sich jenem ursprünglichen Sinn der Taufe wieder anzunähern und ihn von mancher Verkrustung zu befreien.

Dieses Ziel steht im Zentrum des dritten und letzten Teils, in dem der Plädoyercharakter des Buches am deutlichsten zu Tage tritt. Nur einige zentrale Anliegen seien hier kurz erwähnt: Grethlein tritt dafür ein, die Taufe nicht im Sonntagsgottesdienst zu feiern, sondern als eigenständiges Tauffest. Er plädiert für eine Entkopplung von Mitgliedschaft und Taufe. Gegen die Verrechtlichung der Taufe und die Ausschlussmechanismen "bürgerlicher Moral" bringt er den "inklusiven und egalitären" Grundzug zur Geltung, der der Taufe von Jesus her eingeschrieben sei.

Im Ganzen möchte Grethlein die Taufe nicht so sehr von der Kirche, sondern von der "Kommunikation des Evangeliums" her verstanden wissen. Und zwar umso mehr angesichts der Tatsache, dass die Taufe heute für viele Menschen zu einer "Option" geworden sei. Denn eine lebendige und attraktive Option - so könnte man Grethlein vielleicht zusammenfassen - wird die Taufe nur dann bleiben, wenn in ihrem Vollzug erfahren wird, dass das Wesentliche des Lebens gerade keine Option, sondern ein Geschenk ist.

Christian Grethlein: Taufpraxis in Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2014, 204 Seiten, Euro 38,00.

Tobias Braune-Krickau

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Rezensionen