Horrorismus

Passion: Zwischen Leiden und Hoffnung
Foto: privat
Der Terrorismus hat seine ultimative Form gefunden.

Ich habe den Fehler gemacht, mir den Clip anzuschauen, den die Mörder des "Islamischen Staates" ins Internet gestellt haben. Nie habe ich etwas Schrecklicheres gesehen. 21 Männern wird die Kehle durchgeschnitten. Einzeln, nacheinander, vor laufender Kamera, festgehalten in Großaufnahme, die Erniedrigung, die Angst, die Qual, das Blut, der Tod. Stattgefunden hat diese Barbarei nicht in Syrien, sondern ein paar Hundert Kilometer weiter südwestlich in Libyen. Alle Opfer waren koptische Christen, Gastarbeiter aus Ägypten, junge Männer die meisten, viele Familienväter.

Gemacht ist dieser widerliche Kurzfilm schockierend professionell und professionell schockierend. Sein Genre: Horror. Die Gräuel sind inszeniert. Bedrohlich ruhig das Mittelmeer im Vorspann, nach einigen Sekunden überlagert vom Schriftzug: "Message to the Nation of the Cross". Dann erscheint am Horizont eine Kolonne, zuvorderst ein Gefesselter in grell-orangem Overall, nach vorne gebeugt, die Hände hinter dem Rücken gebunden; dahinter ein schwarz vermummter Scherge mit einem blank gezogenen Messer in der Hand, Kampfstiefel, senkrechter Gang; dann wieder ein Gefangener, ein Mörder, Gefangener, Mörder, zweimal einundzwanzig Männer. Dann kommt die Kolonne näher, die Todgeweihten, hinter ihnen die Schlächter. Dann die halb geschriene Ansprache ihres Anführers, hasserfüllt und messerfuchtelnd. Was dann kommt: Ich mag es nicht schreiben noch denken.

Erschüttert gestehe ich mir ein: Was hier gezeigt wird, gleicht einem Horrorfilm. Menschen werden geschändet und dabei gefilmt, das langsame, qualvolle, pervers zelebrierte Sterben. Es herrscht blanker Horror. Der Terrorismus hat seine ultimative Form gefunden: Horrorismus.

Wir stehen in der Passionszeit. Im Film ist ein kniender Mann zu sehen, der vor seiner Ermordung betet. Vielleicht spricht er jene Worte, die vor ihm Jesus schon gebetet hat: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun." Und vielleicht auch: "In deine Hände lege ich meinen Geist." Irgendwo ist immer Passionszeit. Und irgendwo gibt es immer Menschen, die leiden müssen, weil sie ihre Taufe ernstnehmen, so ernst, dass sie den Leidensweg Christi auch gehen müssen. In jedem Jahrhundert gab es sie, und so gibt es sie also auch im unseren. Passionszeit: Sie stehen mir vor Augen, all diese Zeugen, all diese Zeuginnen von damals und heute, glaubwürdig, viel mehr, als ich es je sein werde. Alt ist das Wissen darum, dass das Christentum seine Kraft in besonderer Weise dem persönlich erlittenen Zeugnis einzelner Menschen verdankt. Niemand verkündigt den Gekreuzigten glaubwürdiger, als wer seine Passion teilt. Mit ihnen aber, den im Christi Namen Geschundenen und Getöteten, schauen wir, die wir leben dürfen, wir, die wir ohne Angst um Leib und Leben bekennen dürfen, über den Karfreitag hinaus. Mit ihnen und allen Getauften, auch mit den schon gestorbenen und den noch nicht geborenen, gehen wir auf jenes letzte Ereignis zu, von dem eine Hoffnung kommt, die jeden Horror, jedes Leiden und jeden Tod überwinden wird: Ostern.

Gottfried Locher ist Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes und Herausgeber von zeitzeichen.

Gottfried Locher

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