Subversiv

Unbekannter Katholizismus
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Die römisch-katholische Kirche muss nicht evangelisch werden, um Laien an der Kirchenleitung zu beteiligen.

Reformkatholiken wird manchmal sogar von Protestanten entgegengehalten, die römisch-katholische Kirche höre auf römisch-katholisch zu sein, wenn Papst und Bischöfe nicht mehr wie absolute Monarchen schalten und walten können. Doch dieser Einwand ist falsch.

Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf, der an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster lehrt, macht deutlich: Die römisch-katholische Kirche muss nicht evangelisch werden, um Laien an der Kirchenleitung zu beteiligen, sondern sie kann dafür auf eigene Traditionen zurückgreifen. Diese muss man nur aus der Krypta, wo sie autoritäre Amtsträger und ihre Anhänger vergraben haben, herausholen. Und das tut Wolf. Er schreibt anschaulich, und was er darlegt, ist spannend, so dass die Lektüre ein Genuss ist.

"Wer allen vorstehen soll, muss auch von allen gewählt werden." Was ein Papst(!), Leo der Große (geboren um 400), über die Bestellung der Bischöfe sagte, haben die meisten Theologen vielleicht schon im Studium gehört. Weniger bekannt dürfte dagegen sein, dass das Recht des Papstes, Bischöfe nach eigenem Gutdünken zu ernennen, noch recht jung ist. Wolf erinnert daran, dass im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation die Domkapitel, als Vertretung des Diözesanklerus, die Bischöfe wählten. Der Papst habe zwar "im Gegenzug ein formales Bestätigungsrecht" erhalten, aber das habe "in der Praxis fast keine Rolle" gespielt. Und bei der Leitung der fünf südwestdeutschen Bistümer, darunter Limburg(!), wirkte das Domkapitel noch im 19. Jahrhundert mit. Es bildete ein Kollegium mit dem Bischof, und dieser konnte "überstimmt werden".

Mit der Reformation übernahmen die Landesherren in evangelischen Kirchen die Funktion des "Obersten Bischofs". Und damit folgten sie einer katholischen Tradition, die Wolf schildert. Dem Abendmahl vorstehen und Priester weihen, durften natürlich nur geweihte Bischöfe. Aber es gab auch nichtgeweihte Bischöfe. Sie hatten die juristische Leitung ihrer Diözese inne, setzten zum Beispiel Pfarrer ein und hielten Visitationen ab. Diese "über tausendjährige Tradition" wurde - Ironie der Geschichte - durch das Zweite Vatikanische Konzil beendet. Es band die Jurisdiktionsgewalt an die Bischofsweihe, um "das Bischofsamt gegenüber dem päpstlichen Primat aufzuwerten". Würde man die alte Tradition wiederbeleben, könnten in der römisch-katholischen Kirche Laien, sogar Frauen, Führungspositionen bekleiden.

Auch in den anderen Kapiteln des Buches zeigt sich, wie subversiv Geschichtswissenschaft ist, wenn sie fachkundig und intellektuell redlich betrieben wird. Dann stellt sich heraus: Traditionen, die als uralt gelten, wurden relativ spät erfunden, um Machtinteressen durchzusetzen und zu verbrämen.

Hubert Wolf ist Priester der Diözese Rottenburg. Deren Bischof Carl Joseph von Hefele (1809–1893) war ebenfalls ein renommierter Kirchenhistoriker. Er lehnte das Unfehlbarkeitsdogma ab, aber beugte sich schließlich dem Papst, um eine Kirchenspaltung zu vermeiden. Diejenigen, die das nicht taten, wurden aus der römischen Kirche hinausgedrängt und bildeten die altkatholische Kirche. Und es ist kein Zufall, dass die ersten altkatholischen Bischöfe Deutschlands und der Schweiz Professoren der Kirchengeschichte waren.

Für manche Zeitgenossen ist das römisch-katholisch, was sie in Rom und anderswo vorfinden. Sie sollten sich vom Katholiken Hubert Wolf sagen lassen (was Protestanten wissen): Die "Ämter und Institutionen" der römisch-katholischen Kirche "haben sich im Lauf der Zeit entwickelt und sind nicht von Jesus Christus so gestiftet worden, wie sie heute sind."

Hubert Wolf: Krypta. Unterdrückte Traditionen der Kirchengeschichte. Verlag C.H. Beck, München 2015, 231 Seiten, Euro 19,95.

Jürgen Wandel

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