Näher heran

Claudio Abbados letztes Konzert
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Mit diesem Bruckner verdeutlichte Abbado ein letztes Mal sein Kunstverständnis, das der Spiegel in einem Nachruf trefflich mit der "Kargheit der Empathischen" beschrieben hat.

Man übersieht den Vermerk zunächst: Nicht auf dem Cover, sondern unterhalb des durchsichtigen Bereichs, an dem man die CD aufklappt, heißt es weiß auf hellgrau: "The final recording". Final nicht im Sinne von "letztgültig", denn so etwas kann es in der Musik, die ja immer eine Frage persönlicher Auffassung und Deutung ist, nie geben. Sondern final im reinsten Sinne des Wortes: Die CD dokumentiert den Hauptteil des letzten Konzertes, das Claudio Abbado am 26. August 2013 in Luzern dirigierte. Danach musste er alle Konzertverpflichtungen absagen, und am 20. Januar 2014 erlag er einem langjährigen Krebsleiden.

Im Nachhinein wirkt das Programm des letzten Abends in Luzern wie eine Fügung des Schicksals, denn Abbado dirigierte zwei Werke, die ihre Erschaffer nicht zu Ende bringen konnten, weil der Tod schneller war: Schuberts "Unvollendete in h-moll", die auf der CD leider fehlt, und Bruckners ebenfalls unvollendet gebliebener Koloss der neunten Symphonie. Claudio Abbado liebte die Zusammenstellung und hat sie mehrfach aufgeführt. Dass sie sein Schwanengesang werden würde, hat er nicht ahnen können. Ein passender und würdiger Abschied ist es allemal.

Mit diesem Bruckner verdeutlichte Abbado ein letztes Mal sein Kunstverständnis, das der Spiegel in einem Nachruf trefflich mit der "Kargheit der Empathischen" beschrieben hat: Die Gefühlsebene ist der Ausgangs- und Angelpunkt dieses Musizierens, das aber nie der Versuchung erliegt, sich im Überschwang zu verausgaben, schon gar nicht im Monumentalen. Selbst bei Bruckners Neunter, deren Anlage von Dirigenten oft als Aufforderung verstanden wurde, die Klangmacht des Orchesters ins Extreme zu forcieren, selbst diese Symphonie bleibt bei Abbado und dem von ihm selbst gegründeten "Lucerne Festival Orchestra" transparent bis in die kleinsten Details.

Die Konsequenz: Hörer, die Bruckner bisher als zu schroff, zu gewaltig, zu erbarmunglos-pathetisch empfunden haben, um ihn wirklich lieben zu können (der Autor dieser Zeilen reiht sich hier ein), bekommen einen neuen Zugang. Kraftvoll ist diese Version unbedingt, aber sie wirkt auch leicht, mitunter überraschend sanft. An Pathos mangelt es ihr an den erforderlichen Stellen durchaus nicht, doch es erdrückt nicht die helleren Passagen des Werkes.

Bruckner, der strenge Katholik, hatte seine Symphonie "dem lieben Gott" gewidmet. Und Abbado und das "Lucerne Festival Orchestra" haben diesen manchmal so fern scheinenden Gott ein wenig näher herangeholt.

Bruckner: Symphonie No. 9. Lucerne Festival Orchestra unter der Leitung von Claudio Abbado. Deutsche Grammophon 479 3441.

Ralf Neite

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