Die Verbrennung der Gans

Auf den Spuren des böhmischen Reformators Jan Hus in Konstanz
Das Inselhotel. Foto: TIK/Giuseppe di Domenico
Das Inselhotel. Foto: TIK/Giuseppe di Domenico
Vor 600 Jahren trafen sich Kirchenführer, Gelehrte und Fürsten in Konstanz, um die Spaltung der Kirche zu überwinden. Auch Jan Hus aus Prag machte sich auf den Weg an den Bodensee, um seine Reformvorstellungen zu verteidigen. Doch er endete auf dem Scheiterhaufen. In diesem Jahr wird in Konstanz auf unterschiedlichste Weise an ihn erinnert.

Wenn ein Paar in seiner Hochzeitsnacht eine Suite in einem Luxushotel betritt, hat es in der Regel anderes im Sinn, als den Wandschmuck neben der Eingangstür zu betrachten. Wer die Hochzeit im Konstanzer Inselhotel feiert sollte damit tatsächlich auch bis zum nächsten Morgen warten, sonst könnte die Stimmung kippen. Denn das große Gemälde neben der alten Holztür in dem Turm, in den sich heute Brautpaare zurückziehen, zeigt einen Mann, der vor 600 Jahren hier unter widrigsten Bedingungen nahe der Kloake des damaligen Dominikanerklosters eingekerkert war.

Vertrauen auf Argumente

Jan Hus war im Vertrauen auf das vom König zugesicherte freie Geleit und die Kraft seiner Argumente aus Böhmen nach Konstanz gekommen. Dort wollte er auf dem Konzil mit den höchsten Vertretern der Kirche seine Ansichten diskutieren. Das ging schief, von Freiheit keine Spur, ihm wurde stattdessen der Prozess gemacht, er wurde als Ketzer verurteilt und am 6. Juli 1415 vor den Toren der Stadt verbrannt.

Foto: Katja Angermeier
Foto: Katja Angermeier

Geprägt von John Wycliff: Der böhmische Magister Jan Hus lehrte an der Universität Prag und predigte in der Bethlehemskirche - auf Tschechisch.

Über das große Treffen am Bodensee und die vielfältigen Angebote aus Anlass des Jubiläums wurde an dieser Stelle bereits berichtet. Der historische Hintergrund sei deshalb hier nur nochmal in aller Kürze geschildert: Die Kirche in Europa war zu Beginn des 15. Jahrhunderts gespalten, es gab zwei Päpste, einen in Rom, einen in Avignon. Der Versuch, das sogenannte Große Abendländische Schisma 1409 durch ein Konzil in Pisa zu überwinden, endete aber statt einer Einigung mit der Wahl eines dritten Papstes.

Der römisch-deutsche König Sigismund von Lothringen initiierte nun als Schutzherr der Kirche ein neues Krisentreffen in Konstanz. Schließlich wollte er von einem einzigen und von allen anerkannten Papst zum Kaiser gekrönt werden. Und so kamen ab 1414 Könige, Patriarchen, Kardinäle, Bischöfe und Äbte an den Bodensee. Bis zu 10.000 Gäste sollen sich auf einmal in der Stadt aufgehalten haben, im Laufe der vier Jahre sollen es über 72.000 gewesen sein.

Tatsächlich wurde nach drei Jahren des Konzils in Konstanz der Jurist Oddo di Colonna zum neuen Papst (Martin V.) gewählt, die anderen drei Päpste dankten ab, die Einheit der Kirche war wieder hergestellt. Zudem wurden viele Reformen beschlossen, die zwar nur zum Teil umgesetzt wurden, aber doch von dem Willen zur Erneuerung zeugten.

Kostümierter Stadtführer

Es lassen sich also 600 Jahre später viele positive Geschichten rund um das Konzil erzählen. Dennoch haben sich Organisatoren des Jubiläums entschieden, in diesen Monaten den Vorreformatoren Jan Hus ins Zentrum der Veranstaltungsreihen und der touristischen Angebote zu stellen. Warum? "Jan Hus symbolisiert so etwas wie die zu früh aufgestandene Wahrheit", sagt Holger Müller, Konzilsbeauftragter der evangelischen Kirche. Sein Tod habe den Verlauf der Geschichte geprägt und zu Lebzeiten habe er in Böhmen vieles von dem gelehrt und gepredigt, was 100 Jahre später in ganz Europa wirkte. Und Ralph Haas, der als Dekanatsreferent der Konzilsbeauftragte von katholischer Seite ist, ergänzt: "Die Erinnerung an Jan Hus kann die Ökumene befördern".

Foto: Tourrismus-Information Konstanz
Foto: Tourrismus-Information Konstanz

Konstanz zur Zeit des Konzils: Die Stadt konnte insgesamt rund zehntausend hochrangige Gäste während des Konzils aufnehmen. Am Hafen ist das Konzilsgebäude zu sehen, in dem ein neuer Papst gewählt wurde.

Es geht also um "healing Memorys", unter anderem in einem ökumenischen Festgottesdienst am 6. Juli, aber auch in Poetry-Slams, zwei Oratorien zu Jan Hus oder der Vergabe des Jan-Hus-Preises durch die Evangelische Kirche an Menschen oder Gruppen, die in ihrer Arbeit Standhaftigkeit und Wahrhaftigkeit zeigen und so dem Vorbild von Jan Hus folgen.

Lebendige Geschichte

Doch auch an ganz anderen Stellen in Konstanz wird die Geschichte von Jan Hus in Kunst und Gesprächen in diesem Jahr lebendig. Und dabei dürfen die Besucher auf manche Überraschung gefasst sein. Zum Beispiel auf Henry Gerlach. Er steht an diesem kalten Morgen vor dem Inselhotel, rückt sein braunes Gewand aus dicker Wolle zurecht, setzt eine rote Jakobinermütze auf. "Hier müssten wir noch etwas anbringen", sagt Gudrun Schnekenburger, die ihm als Historikerin das Kostüm geschneidert hat, und zeigt auf das Revers. Und noch sind auch die historisch korrekten Schuhe in Arbeit. Aber dennoch gelingt die optische Verwandlung des Stadtführers und Konzilsexperten in Hieronymus von Prag, einen Freund und Wegbegleiter von Jan Hus. Dieser wollte ihm in Konstanz beistehen, wurde aber ein knappes Jahr später ebenfalls dort verbrannt. Doch die letzten Wochen von Jan Hus erlebte er noch als freier Mann, weshalb Henry Gerlach nun in dieser Rolle die Gäste durch Konstanz an die Schauplätze der Geschichte führt.

Foto: Katja Angermeier
Foto: Katja Angermeier

Gudrun Schnekenburger ...

Foto: Katja Angermeier
Foto: Katja Angermeier

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Vom Inselhotel und dessen früheren Verlies im Turm geht es zum Konstanzer Münster, dort wurde Jan Hus verurteilt. Wo heute Kirchenbänke stehen, waren damals Tribünen aufgebaut, auf denen die Geistlichen saßen. Ihnen war die Lehre, die Jan Hus unter anderem in der Prager Bethlehem-Kirche in zahlreichen Predigten trotz bischöflichen Verbotes auf Tschechisch verbreitet hatte, ein Dorn im Auge. Unter anderem sah Hus die Bibel als alleinigen Maßstab an, nach dem sich das Leben richten müsse. Sie sei "ganz wahr und hinreichend zur Seligkeit des Menschengeschlechts." Alle religiöse Wahrheit sei in ihr enthalten, keine Kirche und auch kein Papst stehen über ihr. Deswegen hatte er auch, wie später Martin Luther, ein hohes Interesse an ihrer Verbreitung und übersetzte sie in seine Landessprache - ein wichtiger Schritt zur Bildung eines tschechischen Nationalbewusstseins.

Zorn zugezogen

Doch es gab noch andere Punkte, die den Zorn der Kirchenoberen auf sich zogen: Hus forderte von ihnen ein strenges, tugendhaftes Leben, kritisierte das Vermögen der Kirche, das lasterhafte Treiben vieler Kleriker und prangerte den Ämterkauf in der Kirche und den Ablasshandel an. Sein Kirchenideal war geprägt von dem englischen Theologen John Wycliff, von dem Hus auch die Prädestinationslehre übernahm. Die wahre, unsichtbare Kirche war für Hus die Gemeinschaft der Prädestinierten, also aller von Gott erwählten Menschen. In der sichtbaren Kirche gebe es jedoch auch viele, die eigentlich Glieder des Teufels seien - vor ihnen müsse man sich hüten.

Foto: Spitaler Chronik
Foto: Spitaler Chronik

Foto: Rosgartenmuseum Konstanz
Foto: Rosgartenmuseum Konstanz

All das wurde gegen den Gelehrten aus Böhmen und zeitweiligen Rektor der Prager Universität in drei Anhörungen in Konstanz vorgebracht, er widerrief nicht und damit war sein Schicksal besiegelt. Noch im Münster wurde er zunächst in sein Priestergewand gekleidet, danach wurde es ihm wieder vom Leibe gerissen und seine Tonsur zerschnitten. Sie stülpten ihm einen Papierhut mit der Aufschrift "Erzketzer" auf den Kopf. So entweiht konnte der Teufel in ihn fahren.

Wunden unter der Kanzel

"Hier soll es passiert sein", sagt der als Hieronymus verkleidete Stadtführer und weist auf einen dunklen Fleck auf dem Steinboden am Eingang. Mit etwas Fantasie ist er auch zu erkennen. Viel deutlicher zu sehen sind da schon die Wunden in der deutlich malträtierten Holzfigur, welche die Kanzel trägt. In dieser glaubten die Konstanzer lange, Jan Hus zu erkennen, weshalb sie auch 300 Jahre nach dem Konzil noch Nägel und Löcher in die Figur schlugen. Dass die Figur Abraham darstellte, interessierte so recht wohl nicht.

Foto: Hus-Haus
Foto: Hus-Haus

Im Husmuseum.

Hinaus aus der Kirche, über die Paradiesstraße hinweg, die auch Jan Hus auf dem Weg zu seiner Verbrennung vor den Toren der Stadt ging. Heute führt diese zur Lutherkirche. Passend, denn von Jan Hus, dessen Name übersetzt Gans bedeutet, wird überliefert, dass er auf dem Scheiterhaufen gerufen haben soll: "Heute bratet ihr eine Gans, aber aus der Asche wird ein Schwan entstehen." Ein Satz, der gerne auf Luther hingedeutet wird und erklärt, warum in manchen Darstellungen des Wittenberger Reformators ein Schwan auftaucht.

Stein am falschen Ort

Die historische Wahrheit solcher Sätze ist natürlich schwer zu belegen. Auch der Stein, an dem Henry Gerlach alias Hieronymus von Prag jetzt steht, markiert ziemlich sicher nicht den Ort, an dem Jan Hus verbrannt wurde. Dennoch wird dieser Gedenkort genutzt, Hussitengemeinden aus aller Welt legen hier Kränze ab. Denn die Verbrennung von Hus war Ausgangspunkt für eine historische Entwicklung, die das damalige Böhmen verändern sollte. Die dortigen Anhänger von Hus sollten nach dessen Hinrichtung nämlich aus den öffentlichen Ämtern ausgeschlossen werden. So hatte es der damalige König Wenzel beschlossen, doch die Hussiten ließen das nicht mit sich machen. Es kam zu Aufständen und 1419 zum Sturm auf das Prager Rathaus, bei dem die Hussiten einige Ratsherren aus dem Fenster warfen - der erste Prager Fenstersturz.

Foto: Katja Angermeier
Foto: Katja Angermeier

Im Husmuseum.

Foto: Katja Angermeier
Foto: Katja Angermeier

Im Münster hält nicht Jan Hus die Kanzel, sondern Abraham.

Foto: Konzilstadt Konstanz
Foto: Konzilstadt Konstanz

Am Hussenstein.

Foto: Hus-Haus
Foto: Hus-Haus

Büste von Jan Hus im Hus-Haus, Konstanz.

Nach dem Tod von König Wenzel wollten die Hussiten seinen Bruder Sigismund, der ja das Konzil einberufen und Jan Hus freies Geleit zugesichert hatte, es aber nicht wirklich durchsetzte, nicht als König anerkennen. So kam es zu schweren Kämpfen und Kriegen, zahlreiche Adlige hatten sich den Hussiten angeschlossen, auch um den Reichtum der Kirche für sich zu gewinnen. Am Ende unterlagen die Hussiten zwar, dennoch haben sie eine große Bedeutung für die tschechische Nationalgeschichte.

Beim Ketzertest

Über all das kann man vieles erfahren im Jan-Hus-Haus in der heutigen Hussenstraße nahe beim alten Stadttor. Lange Zeit dachte man, dass Jan Hus hier nach seiner Ankunft Quartier genommen hatte, mittlerweile ist klar, dass er einige Häuser weiter gewohnt hat, sagt Henry Gerlach. Doch das tut dem Informationswert der kürzlich überarbeiteten Ausstellung keinen Abbruch. Interaktiver Höhepunkt ist wohl der Ketzertest, ein Computerspiel, bei dem jeder selber auf Fragen antworten muss, die Jan Hus während des Konzils gestellt wurden. Wer sich dem Test stellt, erahnt, wie schmal der Grat war, auf dem sich Kirchenreformer damals bewegten und wie schnell der Scheiterhaufen drohte. Doch diese Zeiten sind vorbei, auch Ketzer dürfen das Hus-Haus wieder als freie Menschen verlassen. Und das ist auch gut so ...

Konstanzer Konzil
Touristeninformation Konstanz
Ökumene zum Jubiläum
Maria Wetzel: Päpste, Prälaten, Prostituierte (nur für Abonnenten)

Stephan Kosch

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