Mehr Kopf als Kampf

Religion muss endgültig der Gewalt entsagen
Foto: privat
Nach den Anschlägen von Paris wird einmal mehr deutlich: Religiöse Beheimatung und ein friedliches Zusammenleben der Religionen brauchen Kopfarbeit.

Bringen die Morde von Paris eine Wende im Umgang mit religiös begründetem Terror? Signalisiert der Trauermarsch der Millionen in Paris und vielen anderen europäischen Städten, dass Menschen zusammenrücken über die Grenzen von Parteien, Hautfarben und Religionen hinweg? Ich wünsche mir, dass die Erfahrung gemeinsamer Trauer und gemeinsamen Widerstandes zur nachhaltigen Verteidigung unserer offenen und pluralen Gesellschaft wird. Die wohl größte Stärke offener Gesellschaften liegt in ihrer Bereitschaft und ihrer Fähigkeit zur geistigen Auseinandersetzung - der Zeichenstift symbolisiert diese Stärke, nicht das Sturmgewehr!

Das Gespräch, der Diskurs und auch der Streit der Religionen um "richtige" Gottesvorstellungen und Lebenshaltungen sind Teil dieser geistigen Auseinandersetzung. Grundbedingung dabei ist der Verzicht auf Gewalt und auf staatliche Macht zur Durchsetzung der je eigenen Wahrheitserkenntnis. Religiöse Überzeugungen dürfen nicht befohlen, angeordnet oder dem Denken und Fühlen der Menschen aufgezwungen werden. Religiöser Fanatismus, der meint, im Namen Gottes die Wahrheit des Glaubens festlegen und das Leben der Menschen im Namen dieser Wahrheit normieren zu müssen, tendiert zum Terror. Er ist eine tödliche Perversion menschlicher Religiosität.

Alle Religionen müssen sich mit Fanatikern und mit deren missbräuchlicher Religionsausübung auseinandersetzen! So haben etwa die Kirchen der Reformation erst in einem langen Prozess für sich geklärt, dass Staat und Kirche zu trennen sind und dass Gewalt ein untaugliches Mittel zur Durchsetzung theologischer Wahrheiten ist. Mit den Worten der Barmer Theologischen Erklärung gesagt: "Sie (die Kirche) vertraut und gehorcht der Kraft des Wortes, durch das Gott alle Dinge trägt." Die Stärke der Kirche liegt in Gottes Wort und eben nicht in der Kraft von Gewehren oder in staatlichen Machtmitteln. Die jüngsten Statements von Frankfurter Islamwissenschaftlern zu den Ereignissen in Paris setzen einen ähnlichen Akzent. Etwa wenn Harry Harun Behr in seinen Anmerkungen "Tinte wiegt schwerer als Blut" darauf hinweist: Islamische Theologie habe auch die Aufgabe, den Islam vor der feindlichen Übernahme aus seiner eigenen Anhängerschaft zu bewahren. Unter Verweis auf den Koran (Sure 96, Vers 3) erinnert er an einen wenig bekannten Weisheitsspruch des Propheten. Es heißt dort, dass am Ende die Tinte der Gelehrten schwerer wiege als das Blut des Märtyrers.

Um die geistige Auseinandersetzung der Religionen zu fördern, tut unsere Gesellschaft gut daran, den Weg der Etablierung einer akademischen islamischen Wissenschaft an unseren Universitäten fortzusetzen. Respekt vor der Freiheit wissenschaftlicher Arbeit ist gerade auch in theologischen Belangen unverzichtbar, auch wenn deren Ergebnisse manche Gläubige irritieren - im Islam wie im Christentum. Denn religiöse Beheimatung und ein friedliches Zusammenleben der Religionen brauchen Kopfarbeit, damit deren Fundament in einer offenen und pluralen Gesellschaft nicht wegbricht. Damit unser Glaube uns zu solidarischer Mitmenschlichkeit und respektvoller Toleranz motiviert und eben nicht zu Abgrenzung, Ausgrenzung oder gar Terror.

Präses i.R. Nikolaus Schneider ist Herausgeber von zeitzeichen.

Nikolaus Schneider

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