Weiter Horizont

Über Christen in Berlin
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Wer über den Zusammenhang von Christsein und Großstadt nachdenkt, kommt an Broses Überlegungen nicht vorbei.

Nichts weniger als eine bedeutende Vorarbeit zu einer generellen "Theologie der Stadt" lege der römisch-katholische Theologe Thomas Brose vor. So bescheinigt es "Im Geleitwort" der Berliner Weihbischof, Matthias Heinrich. Und so nimmt es auch der Leser wahr. Wie Christ und Stadt zusammenpassen ist der wesentliche Inhalt von Broses Buch. Dabei schlägt es einen weiten Bogen, von der unmittelbaren Gegenwart bis zurück zum Apostel Paulus, der vor allem die Großstädte seiner Zeit missionierte: Damaskus, Antiochia, Ephesus und Rom. Paulus habe das Christentum zu einer regelrechten Stadtreligion gemacht und seither bestehe eine "Affinität von Christsein und Stadt".

Nach Georg Simmel beruht das moderne Großstadtleben "auf Machbarkeit, Schnelligkeit und Massenhaftigkeit". Alles Erscheinungen, die einem gründlichen, sowohl massenkompatiblen als auch individuell zu verantwortenden Glauben ungünstig zu sein scheinen.

Anhand dreier Theologen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Berlin gelebt und gearbeitet haben, und anhand ausgewählter religiöser Räume macht Brose seinen (von ihm so genannten) "Berliner Ansatz" deutlich: "Die Lebenswelt der Metropole Berlin auf theologisch-philosophische Weise zu beschreiben, die Verbindung von Leben und Lehre, persönlichem Zeugnis und theologischer Existenzerfahrung." Die "Trias von Widerspruch, Anknüpfung und Überbietung" bietet ihm die Methode, mit der Großstadt-Wirklichkeit umzugehen.

Es erscheint ihm unaufrichtig und nicht zielführend, Erscheinungen des großstädtischen Lebens als "anonym-christliche Tatbestände" umzudeuten und zu vereinnahmen. Im Gegenteil müssen sie "in ihrem Eigenstand" wahrgenommen werden. Für dieses würdigende Wahrnehmen brauche der Betrachter spirituelle Energie, solidarisches Mitgefühl und wissenschaftliche Unterscheidungskraft, das heißt, eine intellektuelle und existenzielle Entscheidung für eine Form von "Nachbarschaft".

Diese "Nachbarschaft" sieht Brose in den Theologen Carl Sonnenschein, Dietrich Bonhoeffer und Romano Guardini exemplarisch verwirklicht. Und sichtbar wird sie für ihn in der St. Hedwigs-Kathedrale, in der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum (in unmittelbarer Nähe der Hinrichtungsstätte Plötzensee), im Denkmal für die ermordeten Juden Europas, der Katholischen Akademie zu Berlin sowie in der Humboldt-Universität und Guardini: gemeint ist der Versuch, christliches Leben an der früheren sozialistischen Universität zu ermöglichen und an das Erbe Romano Guardinis anzuknüpfen, der dort von 1923 bis 1939 am Lehrstuhl für Religionsphilosophie und katholische Weltanschauung lehrte.

Selbstverständlich sieht Brose Berlin nicht isoliert, sondern stellt die Entwicklung der Stadt in größere Zusammenhänge. Deutlich erkennbar und schnell auffindbar werden diese in den angefügten statistischen und historischen Übersichten. Besonders verdienstvoll ist, dass ausgewählte Zeugnisse von Carl Muth, Karl Liebknecht, Harry Graf Kessler, Curt Sonnenschein und Kurt Tucholsky abgedruckt und somit leicht auffindbar werden.

Wer zukünftig über den Zusammenhang von Christsein und Großstadt, im Besonderen in Berlin, nachdenkt, kommt an Broses materialreichen und gründlichen Überlegungen nicht vorbei. Als Desiderat bleibt ein protestantisches Gegenstück, eine protestantische Ergänzung zu "Kein Himmel über Berlin". Bei aller ökumenischen Weite bleibt die Darstellung evangelischen Lebens hinter der Schilderung katholischer Frömmigkeitsäußerungen zurück. Dies schränkt Thomas Broses Verdienste nicht ein, sondern sei als weitere Vorarbeit für eine "generelle Theologie der Großstadt" angemahnt.

Thomas Brose: Kein Himmel über Berlin? Glauben in der Metropole. Verlag Butzon & Bercker Kevelaer 2014, 160 Seiten, Euro 19,95.

Jürgen Israel

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