Besser als erwartet

Interview mit Gerhard Wegner über die Situation der deutschen Kirchengemeinden
Foto: Michael Huisgen
Foto: Michael Huisgen
Wie geht es den Kirchengemeinden? Das war die zentrale Frage, auf die das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD Antworten suchte. Gerhard Wegner, Leiter des Instituts, berichtet im Gespräch mit Stephan Kosch über die Studie.

zeitzeichen: Herr Dr. Wegner, die aktuelle Studie zur Situation in den Kirchengemeinden ist die erste umfassende seit den Sechzigerjahren. Hat die Gemeinde die Wissenschaft nicht mehr interessiert?

Gerhard Wegner: Zumindest wurde sie aus der empirischen Forschung ausgeblendet. Man hat sich auf die Kirchenmitgliedschaft insgesamt konzentriert.

Woran lag das?

Gerhard Wegner: Der Verdacht war immer, dass die Kirchengemeinde eigentlich eine rückständige Form der Organisation darstellt, und die Kirchenmitglieder an der Ortsgemeinde immer weniger Interesse haben. Es stimmt ja auch, dass knapp zwei Drittel der Kirchenmitglieder, die eher passiven, kaum einen Bezug zur Ortsgemeinde haben. Die anderen aber, die sich eng mit der Kirche verbunden fühlen, engagieren sich fast immer auch in einer Kirchengemeinde. Und bis zu achtzig Prozent der kirchlichen Ressourcen gehen in die Kirchengemeinden.

In der Studie wurden neben den Pfarrerinnen und Pfarrern fast 4.000 Kirchenälteste befragte, also Presbyter und Kirchgemeinderatsmitglieder. Was sind das für Menschen?

Gerhard Wegner: Sie sind unterschiedlicher, als gemeinhin angenommen und stammen aus sehr verschiedenen Milieus. Im Schnitt sind sie um die fünfzig und gut ausgebildet. In der Regel sitzen in den Leitungsgremien der Gemeinde kluge Leute, die für die Kirche ein tolles Potenzial darstellen. Das wird auf anderen kirchlichen Arbeitsebenen oft gar nicht ausreichend wertgeschätzt.

Die Kernfrage der Untersuchung lautet: Wie geht es den Kirchengemeinden? Wie lautet die Antwort?

Gerhard Wegner: Insgesamt geht es ihnen besser, als wir erwartet haben. Die Hälfte der Kirchengemeinden sieht sich gut aufgestellt und blickt optimistisch in die Zukunft. Davon etwa die Hälfte sogar sehr positiv, die anderen beschreiben ihre Perspektiven als gut.

Woran liegt es, ob eine Kirchengemeinde sich und ihre Entwicklung positiv sieht?

Gerhard Wegner: Einfach gesagt: Es muss viel los sein. Die Gemeinden, in denen es ein starkes und vielfältiges Engagement der Mitglieder gibt, blicken positiv in die Zukunft. Aber auch eine gute Selbstorganisation der Arbeit ist wichtig, zeitgemäße Methoden des Managements sorgen meist für mehr Zufriedenheit in der Gemeindeleitung. Ein interessantes Ergebnis der Studie ist auch, dass Jugendarbeit fast immer als ein sehr wichtiger Bereich der Gemeindearbeit gesehen wird, im tatsächlichen Gemeindealltag aber häufig keine sehr große Rolle spielt.

Wie ist das zu erklären?

Gerhard Wegner: Das ist eine sehr realistische Wahrnehmung. Die Kirchenvorstände und Pastoren wissen genau, dass die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien für die eigene Zukunft sehr wichtig ist, denn das sind Orte der religiösen Sozialisation. Das hat ja auch die jüngste Umfrage unter den Kirchenmitgliedern gezeigt. Gleichzeitig wissen die Kirchenältesten aber auch um die häufig bestehenden Defizite in diesem Bereich. Diese Lücke schreit geradezu nach Beratung durch die höheren kirchlichen Ebenen.

Lassen sich Kirchengemeinden denn gerne beraten?

Gerhard Wegner: Zumindest stehen die, die sich beraten lassen, oft besser da. Aber es gibt auch einen Trend zur Selbstzufriedenheit in den Gemeinden, gerade da, wo die Gemeinschaft innerhalb der Gemeindeleitung als wichtigstes Erfolgskriterium genannt wird. Hier wird der Blick eines Außenstehenden möglicherweise als Bedrohung empfunden. Aber so eine Haltung ist auf Dauer nicht zukunftsfähig.

Anhand der Untersuchung haben Sie eine Typologie der Kirchengemeinden erstellt. Der Bogen reicht von der urbanen Wachstumsgemeinde bis zur langsam sterbenden ostdeutschen Landgemeinde. Welcher Typus kommt am häufigsten vor?

Gerhard Wegner: Etwa jede dritte Gemeinde kann dem mittleren Bereich zugeordnet werden, also den Typen "zufriedene westdeutsche Kirchengemeinde" und "verhalten optimistische ostdeutsche Kirchengemeinde". Ein Viertel sieht sich als dynamische, zukunftsorientierte Gemeinde. Rund zwölf Prozent sehen sich hingegen im Niedergang begriffen, häufig sind es ländliche Gemeinden in Ostdeutschland. Da sieht es böse aus.

Was kann man diesen Gemeinden anbieten?

Gerhard Wegner: Kirche allein wäre da überfordert, denn häufig geht es um Regionen, die stark vom demographischen Wandel und vom Wegzug der Bevölkerung betroffen sind. Hier müssen mit der Kommune und anderen politischen Ebenen gemeinsame Lösungsansätze vor Ort gesucht werden. Eine halbe Pfarrstelle mehr dort einzurichten, ist keine Lösung.

Heißt das im Umkehrschluss, dass es einer Gemeinde umso besser geht, je dichter besiedelt die Region ist?

Gerhard Wegner: Zumindest liegen die zufriedensten Gemeinden, in denen viel passiert, in den Speckgürteln der Großstädte. Die Kirchengemeinden profitieren sicherlich von einem interessanten Umfeld. Aber sie prägen es auch mit. Es gibt dezidiert religiöse Veranstaltungen, wie etwa Gottesdienste, auf die auch Wert gelegt wird. Aber grundsätzlich verstehen sich Gemeinden vor allem als soziale Einrichtungen. Das ist eines der zentralen Ergebnisse der Studie: Kirchengemeinden sind eingebettet in ein soziales Netzwerk innerhalb der jeweiligen Kommune, und sie tragen viel zum Gemeinwesen bei.

Literatur

Sozialwissenschaftliches Institut der EKD (Hg.): Potenziale vor Ort. Erstes Kirchengemeindebarometer. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2015, 184 Seiten, Euro 14,90.

Gerhard Wegner

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