Der Teich ist voll

"Postwachstum" heißt die Herausforderung für die Ökonomie des 21. Jahrhunderts
Sichtbares Wirtschaftswachstum auf einem Containerschiff im Hamburger Hafen. Foto: dpa/ Daniel Reinhardt
Sichtbares Wirtschaftswachstum auf einem Containerschiff im Hamburger Hafen. Foto: dpa/ Daniel Reinhardt
Unendliches Wachstum ist noch immer die Grundannahme der klassischen Ökonomie. Was passiert aber, wenn alle Konsumbedürfnisse befriedigt sind? Hans Diefenbacher von der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) beschreibt die Hintergründe.

Wachstum ist heute, mehr denn je, Credo der etablierten Wirtschaftspolitik. "Wachstum, Innovation und Wohlstand", lautet die Überschrift des Koalitionsvertrages der jetzigen Regierungsparteien; "Wachstum, Bildung, Zusammenhalt" stand über dem Koalitionsvertrag der letzten Legislaturperiode - Wachstum war und ist der gemeinsame Nenner. Nahezu jede Krise soll bekämpft werden, indem Wachstumspakete geschnürt werden: 2012 waren es 130 Milliarden Euro für die europäische Konjunktur, Ende 2014 schon 315 Milliarden Euro. Nur: Was genau soll denn eigentlich wachsen? Darauf scheint es nur noch in zweiter Linie anzukommen. Man könnte meinen, dass sich das Ziel verselbständigt hat. Mit einer längerfristigen Perspektive ist dies aber in einem reichen Land zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht mehr vereinbar.

Es muss aber nicht nur gefragt werden, was eigentlich wachsen soll, sondern auch, wie Wachstum denn gemessen werden kann. Wenn Wachstum als Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) verstanden wird, kann ihm als Fortschrittsindikator mit Fug und Recht misstraut werden. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen.

So sind der Abbau von Ressourcen und der Verbrauch von Naturkapital im BIP nicht berücksichtigt. Es kann durchaus sein, dass ein Land A das gleiche BIP pro Kopf erzielt wie ein Land B, jedoch viel stärker in Form einer Kreislaufwirtschaft organisiert ist als das Land B, das einen hohen Verbrauch nicht erneuerbarer Ressourcen ausweist.

Umweltschäden können mit Reparaturmaßnahmen beseitigt oder abgemildert werden. Diese Kosten erscheinen dann im BIP als Steigerung, obwohl sie im Grunde nur den status quo wiederherstellen, der vor der Umweltschädigung existierte. Dieser Teil des Wachstums kann als Leerlaufwachstum bezeichnet werden, jedenfalls trägt er nicht zu einer Wohlfahrtssteigerung bei.

Wirtschaftliche Aktivitäten können auch zu immateriellen Schäden in der Natur führen, etwa zu einer deutlichen Verringerung der Ästhetik des Landschaftsbildes oder Zerschneidung von Brutrevieren geschützter Vogelarten. Eine Verödung von Landschaften und Lebensräumen muss nicht unmittelbar zu direkten ökonomischen Folgekosten führen, kann aber die Lebensqualität auch von Menschen deutlich senken. Dagegen kann die Vermeidung von Schäden und Folgekosten in der Zukunft, etwa durch Unterlassen bestimmter wirtschaftlicher Aktivitäten heute, zu einer Verringerung des BIP führen. Die langfristigen positiven Folgen derartiger Unterlassungen werden in der herkömmlichen volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung nicht abgebildet. Daher kann ökologisches Wirtschaften in einer herkömmlichen Wohlfahrtsbetrachtung systematisch zu niedrig bewertet werden.

Die Verteilung der Einkommen werden im BIP nicht beachtet; einem bestimmten BIP sieht man nicht an, ob es der Bevölkerung weitgehend gleich verteilt zur Verfügung steht oder ob etwa Zuwächse nur einem sehr kleinen Teil der Menschen zugute kommen. Wenn das BIP als Wohlfahrtsmaß verwendet wird, steht dies im Grunde sogar im Widerspruch zur klassischen Wohlfahrtsökonomie, denn der Wohlfahrtszuwachs eines Euros ist in der Regel für jemanden mit geringem Einkommen deutlich höher als für jemanden mit sehr hohem Einkommen.

Da sich das BIP auf die über den Markt vermittelte Wertschöpfung konzentriert, gibt es bedeutende Aktivitäten zur Wohlfahrtssteigerung, die hier unberücksichtigt bleiben: vor allem Hausarbeit, aber auch alle ehrenamtlichen Aktivitäten. Diese müssen in einer Wohlfahrtsrechnung mit betrachtet werden - sonst wird vor allem die Wertschöpfung von Frauen systematisch unterbewertet.

Zunehmend widersprüchlich

Nun werden in einer endlichen Welt unbegrenzte Wachstumsprozesse generell kaum stattfinden können. Das zeigt schon das berühmte Beispiel des Teichs, bei dem sich der Anteil der mit Seerosenblättern bedeckten Oberfläche jeden Tag verdoppelt und der nach 50 Tagen halb bedeckt ist: Die Grenze des möglichen Wachstums wäre hier dann schon am 51. Tag erreicht. Im Bereich der Ökonomie, vor allem der Geldökonomie, kann man sich aber recht lange der Illusion hingeben, als könne man natürliche Wachstumsgrenzen überwinden.

Aber gerade in reichen Ländern schleichen sich zunehmend Widersprüchlichkeiten ein, wenn unbeirrt am Wachstumsziel festgehalten wird. Viele Konsumgütermärkte bergen kaum noch Wachstumspotenziale, etwa weil jeder Haushalt schon Fernseher oder Kühlschrank besitzt und der Verbrauch von Lebensmitteln auch nicht mehr wirklich zunehmen kann. Was dann? Neue Konsumgüter oder einen immer schnelleren Austausch der alten? Die geschätzt 106 Millionen "Alt-Handys" in Deutschland zeigen, dass auch diese Strategie Probleme hervorbringen kann, genauso wie zu viele Autos dazu führen, dass die Zeit im Stau sowie die Belastungen durch Luftschadstoffe und Lärm zu gravierenden Problemen werden können. Wasser- und Bodenbelastungen oder die Verringerung der Artenvielfalt entstehen zum großen Teil durch Produktions- oder Konsumaktivitäten von Menschen. Offenkundig gibt es auch immer wieder zu viel Geld am falschen Ort. Virtuelles Wachstum kann auf Finanzmärkten zu Blasen führen, deren Platzen dann verheerende Auswirkungen haben kann. Es ist nicht nur, dass die Besitzer von Wertpapieren oder anderer Anlagegüter dann einer Wachstumsillusion erlegen waren, in der sie sich nur reich gerechnet haben, ohne es wirklich zu sein. Gravierender hingegen sind immer die Auswirkungen der unvermeidlichen Korrekturen auf die reale Wirtschaft, auf die Bereitschaft zu Investitionen, auf den generellen Verlust an Vertrauen in eine Ökonomie, die wenig andere Rezepte bereit hält, als den heiß gelaufenen Motor durch noch mehr Gas geben zu reparieren.

Die negativen Folgen eines zu sehr am Wachstum orientierten Lebensstils überschreiten aber die Grenzen der Ökonomie. Es gibt offenkundig zu viel Stress und Hektik in der Arbeitswelt und gerade in den letzten Jahren eine stark steigende Zahl behandlungsbedürftiger Depressionen. Dem entspricht ein neu gewachsenes Interesse an der Frage, was Wohlstand und Lebensqualität in einer Gesellschaft wirklich ausmacht. Glücksforscher haben Konjunktur, auch innerhalb der Ökonomie, was zuweilen von den ökonomischen Ursachen der Probleme eher ablenkt - oder vielleicht sogar ablenken soll?

Man sollte also meinen, dass diese Entwicklungen auch in der wissenschaftlichen Volkswirtschaftslehre und in der Wirtschaftspolitik zu einer Ergänzung des Blickwinkels führen müssten. Parallel zur Wachstumsstrategie nach hergebrachtem Muster müsste ein "Plan B" entwickelt werden, der dann zur Verfügung stünde, wenn sich das traditionelle Wirtschaftswachstum nicht mehr einstellt oder wenn dessen negative Folgen überhand nehmen. In einem solchen "Plan B" müsste ein Szenario entworfen werden, wie man sich den Übergang zu einer Wirtschaft denken kann, die per Saldo nicht mehr wächst. Ein solches Bild wird in der traditionellen Politik üblicherweise mit einer schleichenden Katastrophe gleichgesetzt, eine nicht wachsende Wirtschaft als Anzeichen einer versagenden Politik gedeutet. Die wissenschaftliche Ökonomie hätte also die Aufgabe zu zeigen, dass eine zukunftsfähige Wirtschaft in den ökologischen Grenzen dieses Planeten möglich sein kann, ohne auf dem herkömmlichen Leitgedanken eines permanenten Wachstums - verstanden als ein quantitatives Wachstum des Bruttoinlandsprodukts - aufbauen zu müssen.

Vielversprechende Ansätze

Ein Blick in die Forschungsliteratur zeigt, dass diese Aufgabe durchaus von Wissenschaftlern und Praktikern angenommen wird - jedoch selten vom sogenannten "Mainstream", weder in der Wissenschaft noch in der Politik oder der wirtschaftlichen Praxis. Aber es gibt viel versprechende Ansätze.

Das wohl bekannteste Vorläufermodell einer "Postwachstumsökonomie" ist im 19. Jahrhundert als stationary state economy, also als Modell einer stationären Wirtschaft, von John Stuart Mill entwickelt worden. Die Überlegungen gehen von der Hoffnung aus, dass es möglich sein müsse, sich an eine Obergrenze des BIP quasi heranzuarbeiten, also an ein Niveau, das dann einem optimalen Entwicklungsstand entsprechen würde. Doch geht man heute in der Regel davon aus, dass die dynamischen Wirkungen des technischen Fortschritts und externe Schocks, die auf eine Volkswirtschaft einwirken, dazu führen werden, dass ein solcher Idealzustand kaum derart stabil gedacht werden kann.

Erfolgversprechender sind Analysen, wie ein Wirtschaftsmodell konkret entwickelt werden kann, das ohne Wachstum auskommt; ein solches Modell wurde unter anderem in den Arbeiten des kanadischen Ökonomen Peter Victor (Managing without growth) 2008 vorgelegt. Wenig überraschend zeigt sich dabei, dass der Umgang einer Gesellschaft mit Arbeit, genauer gesagt: mit der Zeit, die für Erwerbsarbeit verwendet wird, ein entscheidender Faktor ist. Eine notwendige Verringerung der Arbeitszeit wird sich aber nur verwirklichen lassen, wenn die Grundsicherung der Menschen in dieser Gesellschaft neu geregelt wird - etwa durch die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Vermutlich wird es auch darauf ankommen, lokale und regionale Wirtschaftsstrukturen neu zu stärken - auch als "Rückversicherung" gegen Krisen, die aus einer globalisierten Wirtschaft sonst genau leicht importiert werden können wie Güter und Dienstleistungen. Eine differenzierte Ausarbeitung von Modellen dieser Art wäre eine wichtige Aufgabe gerade auch der wissenschaftlichen Ökonomie, die sich nicht mehr damit begnügen sollte, die neoliberal-keynesanische Synthese der letzten Jahrzehnte weiter zu denken - es ist eben nicht auszuschließen, dass dieser Weg die Krisen eher verstärkt und ins Abseits führt.

Außerdem müssen auch jene Stimmen ernst genommen werden, die davon ausgehen, dass in den reichen Industrieländern bereits jetzt das Wirtschaftsniveau auf Dauer nicht tragbar ist, insbesondere dann nicht, wenn es sich erweisen sollte, dass eine dafür notwendige Entkopplung zwischen BIP und Ressourcenverbrauch beziehungsweise Umweltbelastung nicht möglich sein wird. Eine Wirtschaft "nach" dem Wachstum würde dann zunächst einmal Schrumpfungsprozesse voraussetzen. Wissenschaftler wie Tim Jackson, Serge Latouche oder in Deutschland Niko Paech haben mit ihrer Arbeiten zu einer "Degrowth"- oder "Postwachstumsökonomie" in den letzten Jahren gezeigt, wie der Übergang zu einer solchen zukunftsfähigen Wirtschaft aussehen könnte, dass es eines Zusammenspiels zwischen differenzierten makroökonomischen Rahmenbedingungen und einer anderen Einstellung von ProduzentInnen und KonsumentInnen bedarf, die mit Begriff eines "ressourcenleichteren" Lebensstils in Verbindung gebracht werden kann. Aber eine Ökonomie der Genügsamkeit, wie sie in schon vielen Sonntagsreden gefordert wurde, ist mit dem traditionellen Menschenbild der Ökonomie, ist mit dem "homo oeconomicus", der gerade nicht als genügsam definiert wird, nicht zu machen. Vielleicht aber ist das Bild, das die Ökonomie von den Menschen hat, in ihren Modellen viel zu einfach. Vieles deutet darauf hin, dass es nicht nur Konkurrenz und Wettbewerb ist und eine schier unbegrenzte Neigung zum Konsum, was die Menschen bewegt, sondern auch Mitgefühl, Kooperation und Solidarität - und ein ihnen angemessener Umgang mit ihrer Lebenszeit.

Neues Menschenbild

Wenn das so wäre, führt die Auseinandersetzung mit den Bedingungen, unter denen eine Postwachstumsökonomie möglich ist, zu weit reichenden Schlussfolgerungen. Denn eine Bedingung wäre, dass die Grundannahmen der Wirtschaftstheorie im Blick auf ihr Bild von Menschen erneut bedacht werden müssten. Es wäre auch notwendig, neu in einen gesellschaftlichen Dialog über das Verhältnis von Ethik und Ökonomie einzutreten. Hier haben auch die Kirchen vielfältige Möglichkeiten, immer wieder deutlich zu machen, dass eine hohe Lebensqualität von Menschen zu wesentlichen Teilen eben nicht mit einer steten Ausweitung der materiellen Güterausstattung verbunden ist. Das ist das Ziel der kirchlichen Initiative "anders wachsen", kam aber auch etwa in kirchlichen Beiträgen zum Kongress über Fragen der Transformation der Gesellschaft zum Ausdruck, den Naturschutzverbände, Gewerkschaften und Institutionen der Evangelischen Kirchen im Juni 2012 organisiert hatten. Dieser Dialog sollte wieder aufgenommen und verstärkt werden, denn wenn im 21. Jahrhundert Ziele erreicht werden sollen, die - etwa im Bereich Klimaschutz - für die nachfolgenden Generationen von größter Bedeutung sind, muss die Gesellschaft zu einem Konsens finden, der die Auseinandersetzung um die tagesaktuellen Probleme weit hinter sich lässt.

Dazu würde maßgeblich auch die Erkenntnis gehören, dass die Überwindung von Über- und Unterentwicklung in verschiedenen Teilen der Erde nur zusammen angegangen werden kann - durch Eröffnung von Räumen einer nachholenden Entwicklung in armen Ländern, die gleichzeitig die "Umwege" der Industriestaaten zu vermeiden sucht. Die reichen Länder müssten sich in diesem Zusammenhang einer an ethischen Überlegungen orientierten Diskussion um Grenzen ihres Wirtschafts- und Konsumniveaus stellen. Einen neuen Schub in einer solchen Dabatte könnte dabei die Verabschiedung der "Sustainable Development Goals" durch die Vereinten Nationen bringen, die für September 2015 geplant ist - denn auch hier wird deutlich werden, dass die gemeinsame Verantwortung für das "Raumschiff Erde" reichen und armen Ländern sehr unterschiedliche Rollen abverlangen wird.

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Hans Diefenbacher

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