Wen gibt es zum Abendessen?

Auch Nutztiere und Wild haben ein reiches Gefühlsleben und empfinden Schmerz
Foto: privat
Fällt den christlichen Apologeten des Essens von Tieren nicht auf, dass sie die gleichen Argumentationsstrategien verwenden wie einst die Apologeten der Sklaverei und des Patriarchats?

In einer Wiener Buchhandlung entdeckte ich vor einigen Jahren eine Postkarte mit der Aufschrift „Mein Lieblingstier heißt Schnitzel“. Dieser auf den ersten Blick humorvoll wirkende Satz beschreibt bei genauerem Hinsehen eine durchaus düstere Tatsache: Nicht lebende Kälber und Schweine auf einer Weide sind für viele Menschen von vorrangigem Interesse, sondern Tierkadaver, in Schnitzel und Koteletts zerteilte tote Kälber und Schweine auf einem Teller. Fleischesser und Fleischesserinnen hören Aussagen wie diese nicht gerne. „Der unwiderlegbare Satz ‚Sie essen eine Leiche‘ wird als Übertreibung bezeichnet“, schreibt Jonathan Safran Foer in seinem Buch „Tiere essen“ und hält dagegen: „Nein, es ist schlicht die Wahrheit.“

In Österreich werden pro Jahr etwa 80 Millionen Tiere geschlachtet, in Deutschland, wo knapp zehn Mal mehr Menschen leben, etwa 750 Millionen. Die zum weit überwiegenden Teil in konventioneller und industrieller Intensivtierhaltung gezüchteten und in automatisierten Schlachthöfen getöteten Tiere sind empfindungsfähige Wesen. Doch in Tierfabriken ist der Platz eng, der Boden hart, die Lebensfreude gering, das Leid groß und der baldige brutale Tod im Schlachthof sicher.

Jane Goodall, die weltbekannte englische Primatologin, zieht aus ihrer langen und umfangreichen Forschungstätigkeit folgendes Resümee: „Wenn ich auf diese fünfzig Jahre zurückblicke, wird sehr klar, dass wir Menschen nicht die einzigen Lebewesen mit Persönlichkeit, Verstand und Gefühlen sind.“ Es ist heute weitgehend unbestritten, dass eine große Anzahl von Tieren empfindungsfähig ist, also Schmerz und Leid, Lust und Freude empfindet. Zahlreiche Tiere haben Bewusstsein, einige, Primaten, Elefanten, Delfine, Schweine und Elstern, nachgewiesenermaßen sogar Ich-Bewusstsein.

Zu den empfindungsfähigen Tieren gehören Säugetiere, Vögel und Fische. Tiere also, die wir als „Nutztiere“ qualifizieren und daraus das menschliche Recht ableiten, sie in horrender Weise und in großem Stil zu quälen, zu töten und zu verspeisen. Nach dem amerikanischen Verhaltenswissenschaftler Marc Bekoff ist es wissenschaftlich erwiesen, dass sowohl „Nutztiere“ als auch Wildtiere ein reiches Gefühlsleben aufweisen. Wer Schweine und Rinder, Hühner und Truthähne, Enten und Fische, Hirsche und Rehe isst, müsste nach Bekoff demnach die traditionelle Frage „Was gibt es heute zum Abendessen?“ umformulieren in die Frage: „Wen gibt es heute zum Abendessen?“

Irritierende Rülpser

Christliche Verteidiger des Essens von Tieren werfen Vegetarierinnen und Veganern häufig ethischen Rigorismus vor und verweisen auf eine hierarchische Naturordnung, in die der Mensch eingeordnet sei und in der eben Fressen und Gefressen werden herrschten. Bestimmte, aus ihrem spezifischen historischen Kontext gerissene Bibelstellen wie Genesis 9,3 („Alles Lebendige, das sich regt, soll euch zur Nahrung dienen“) und die Ernährungspraxis Jesu Christi, der angeblich oder tatsächlich Fleisch und Fisch gegessen habe, werden angeführt, um eine überzeitliche göttliche Legitimation für das Essen von Tieren zu erschleichen. Man kann all diese Argumente relativ leicht entkräften, und ich habe dies in einer umfangreicheren Publikation auch getan (siehe Literaturhinweis). Hier kann nur so viel gesagt werden: Fällt den christlichen Apologeten des Essens von Tieren nicht auf, dass sie die gleichen Argumentationsstrategien verwenden wie einst die Apologeten der Sklaverei und des Patriarchats? Rassismus, Sexismus und Speziesismus, also die Diskriminierung aufgrund der Artzugehörigkeit, liegen nahe beieinander.

Wem es gelingt, die Qualen sogenannter Nutztiere zu verdrängen, den sollten zumindest die Rülpser von Rindern und anderen Wiederkäuern irritieren. Das dabei entweichende Methangas trägt nämlich deutlich mehr zur Erderwärmung bei als Kohlendioxid. Nach der von der fao, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der uno, durchgeführte umfangreichen Studie Livestock’s Long Shadow („Der lange Schatten der Viehzucht“) aus dem Jahre 2006 verursacht die weltweite Viehzucht insgesamt mehr Treibhausgase als der weltweite Verkehr mit Flugzeugen, Schiffen, Autos und Eisenbahnen zusammen. Sie vernichtet riesige Regenwaldgebiete, die abgeholzt werden, um Weideflächen für Rinder oder Anbauflächen für Futtermittel zu gewinnen, die in die so genannte Erste Welt exportiert werden. Viehzucht reduziert Biodiversität und zerstört Ökosysteme. Der britische Philosoph und anglikanische Christ Stephen R. L. Clark hat bereits im Jahre 1977 erklärt, dass das Essen von Fleisch in unserem Lebenskontext, in dem es genügend schmackhafte und gesunde oder gesündere Möglichkeiten pflanzlicher Ernährung gibt, nichts Anderes darstelle als „gedankenlose Völlerei“. Tiere zu essen sei ebenso wenig zu rechtfertigen wie Tierhetzen und Stierkämpfe: „Ehrenwerte Menschen können auf ehrenwerte Art und Weise darüber streiten, wie man Tiere im einzelnen behandeln soll. Was jedoch eine vegetarische Ernährungsweise betrifft, so ist sie heute ein ebenso verpflichtendes Zeichen der Bereitschaft, moralisch zu handeln, wie es die Bereitschaft der frühen Christen war, sich dem römischen Kaiserkult zu verweigern.“

Literatur

Kurt Remele: Die Würde des Tieres ist unantastbar. Eine neue christliche Tierethik, Verlag Butzon & Bercker, Kevelaer 2016, 232 Seiten, Euro 19,95.

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Kurt Remele

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