Nicht genügend

Selbstzeugnisse Luthers
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Der Reiz dieses Buches besteht darin, dass es uns unmittelbar in den Sprachgestus Luthers bei Tisch hineinführt.

Die Zahl der Veröffentlichungen zu Luther schwillt gegenwärtig ins Unübersehbare an. Umso nachdrücklicher stellt sich die Frage: In welcher Hinsicht hilft uns dieses Buch, Luther besser zu verstehen?

In zwanzig Kapiteln zeichnet Günter Scholz, Kulturhistoriker, ehemals Leiter des Kulturamtes der Stadt Böblingen und Leiter eines Museums zum Bauernkrieg, das Leben Luthers in seinem äußeren Gang und wichtigen thematischen Schwerpunkten nach. Dabei spielen - dem Untertitel „Martin Luther in Selbstzeugnissen“ entsprechend - ganz überwiegend Zitate aus den Tischreden eine entscheidende Rolle. Sie sind geschickt in den Erzählfluss integriert. Kurze Lutherzitate bilden auch die Überschriften der einzelnen Kapitel. Allerdings erscheint der im Klappentext erhobene Anspruch, Scholz habe „erstmals systematisch Luthers Selbstaussagen gesammelt“ und liefere so eine „Lebensgeschichte aus erster Hand“, dann doch erstaunlich.

Zugegeben: Das Buch liest sich gut mit seinen ganz überwiegend kurzen Sätzen und auffällig wenigen Nebensätzen. Der Reiz dieses Buches besteht darin, dass es uns - soweit das durch mitgeschriebene Texte möglich ist - unmittelbar in den Sprachgestus Luthers bei Tisch hineinführt. Aber es muss dann auch die Grenze dieses Vorgehens genannt werden: Das Buch bietet durchweg kurze Luther-Zitate, die Luther häufig als einen prägnant Formulierenden zeigen. In Äußerungen, die bei Tisch zugespitzt und ungeschützt fallen, kommt dann aber naturgemäß deren Zeitgebundenheit stark zum Ausdruck. Dahinter tritt die denkerische und inhaltlich innovative Kraft Luthers deutlich zurück.

Der Autor beansprucht, keiner „vorgefassten Deutungsabsicht“ zu folgen. Aber indem er Luther zwischen Lutherkult einerseits und fataler Rückständigkeit, etwa in Bezug auf Bauern und Juden, andererseits einzeichnet, zwei Sachverhalten, die gar nicht bestritten werden sollen, tritt die ungewöhnliche denkerische und geistliche Leistung Luthers nicht genügend hervor. Aber nur sie ist es, um derentwillen es sich lohnt, in der Gegenwart an Luther zu erinnern. Er hat eben nicht nur „Tumult“ ausgelöst, sondern eine Auslegung des christlichen Glaubens initiiert, die sich bis heute als lebendig und produktiv erweist.

Jede Darstellung wird unvermeidlich von der ihr eigenen Perspektive bestimmt. Wir erfahren viel über Luthers Verhältnis zum Essen, zur Sexualität, zur bildenden Kunst, zu Frauen, Juristen, Bauern, Juden und Türken, zu seinen vielen Feinden und wenigen Freunden, zu seiner sprachschöpferischen Kraft, seinem Grobianismus, seinen Krankheiten, seinem cholerischen Temperament. Aber das Interesse an dem Theologen, der eine epochale Veränderung in der Auslegung des christlichen Glaubens initiiert hat, wird auf diese Weise nicht befriedigt. So erschöpft sich - um nur ein Beispiel zu nennen - unter der Überschrift „Von der rechten Predigt“ die Auskunft darin, dass Luther Wert darauf legte, dass der Prediger würdevoll zur Kanzel emporschritt, dass Predigten volksnah und nicht zu lang waren. Die spezifische Bedeutung, die Luther dem Geschehen der Verkündigung des Evangeliums beimaß, wird dem Leser vorenthalten.

Dass Luther in der Vergangenheit häufig überhöht wurde, wissen wir. Demgegenüber die menschlichen Begrenztheiten Luthers nicht zu verschweigen, ist notwendig. Allein damit wird aber das Ziel, auf dem Hintergrund der damaligen Zeit das Neue an Luthers Einsichten zu erkennen - und nur deshalb beschäftigen wir uns mit Luther -, noch nicht gefördert.

Friedrich Hauschildt

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