Von Wölfen und Wollschweinen

Die Begegnung von Mensch und Tier im Wildpark kann nachhaltige Wirkung haben
Der Wolf ist zurück in Deutschland. 69 freilebende Rudel wurden in diesem Sommer gezählt. Dieser hier lebt im Wildpark Schorfheide. Foto: dpa/ Patrick Pleul
Der Wolf ist zurück in Deutschland. 69 freilebende Rudel wurden in diesem Sommer gezählt. Dieser hier lebt im Wildpark Schorfheide. Foto: dpa/ Patrick Pleul
Der Wolf ist zurück in Deutschland. Wer sich darüber informieren will und einen Wolf oder ein Wisent sicher aus der Nähe betrachten möchte, kann dies zum Beispiel im Wildpark Schorfheide tun, etwa eine Autostunde von Berlin entfernt. Stephan Kosch war dort und hat mit Leiterin Imke Heyter über Begegnungen von Mensch und Tier gesprochen.

Hermine zögert. Hinter dem Zaun am Wolfsgehege lauert das Tier, das über Jahrhunderte eine tödliche Gefahr für ihre Vorfahren darstellte. Und nicht nur eines, ein ganzes Rudel ist hier unterwegs. Die Begegnungen der beiden Spezies in freier Wildbahn endeten früher fast immer tödlich. Diese Erfahrung, weitergegeben durch die Generationen, steckt offenbar auch in Hermine, obwohl doch hier im Wildpark Schorfheide gar nichts passieren kann. Trotzdem kommt die Wölfin nur langsam aus dem Gebüsch und nähert sich der Gruppe Menschen auf der anderen Seite des Zauns. Dort steht in Outdoorjacke und Jeans Imke Heyter, Leiterin des Wildparks Schorfheide. Sie spricht mit kräftiger, aber beruhigender Stimme auf Hermine ein. Die beiden kennen sich fast seit Hermines Geburt, die blonde Frau hat das Wolfsjunge bei sich im Haus gehabt, mit der Flasche gefüttert und erst nach zwei Monaten ins Gehege zu den anderen Wölfen gebracht.

Durch diesen Trick soll die angeborene und berechtigte Scheu des Wolfes vor den Menschen verringert werden. Sonst würden die Wildparkbesucher wohl kaum einen Wolf zu Gesicht bekommen. Und weil das Wolfsrudel, anders als andere Wildtiere, auch die Jungtiere mit menschlicher Prägung akzeptiert, funktioniert das Wechselspiel zwischen Tier und Mensch im Wolfsgehege des Wildparks: Die Tiere leben die meiste Zeit über ungestört in ihrem weitläufigen Gehege, nicht frei, aber bequem, denn sie werden gefüttert und zeigen sich dafür immer wieder den Besuchern, die regelmäßig auch in der Dämmerung und besonders gerne in Vollmondnächten kommen, um die Wölfe zu sehen und ihr Geheul zu hören.

Heute ist Imke Heyter jedoch am hellichten, wenn auch etwas grauen Herbsttag mit Hund Lupus (!) und rund zwei Dutzend Besuchern unterwegs, geht mit ihnen knapp zwei Stunden die sieben Kilometer große Runde durch den Wildpark, füttert die Luchse und zeigt den Gästen begeistert die vor wenigen Monaten geborenen Jungtiere. Sie lockt die Otter aus dem Wasser und macht Späße mit ihnen. „Das hat schon auch etwas von einer Peep-Show hier“, schmunzelt Imke Heyter, doch sie hat damit kein Problem. Denn für die meisten Besucher ist es das erste Mal, dass sie Wildtiere aus nächster Nähe sehen können. Und sie hören aufmerksam zu, wenn die Leiterin des Wildparks über die Tiere spricht und - wie etwa bei den Wölfen - mit alten Vorurteilen aufräumt. „Der böse Wolf, der alleine durch den Wald streift und kleine Kinder frisst, ist eine Figur aus dem Märchen“, sagt sie. Wölfe gehen den Menschen in der Regel aus dem Weg, weil sie ihn als todbringenden Feind kennengelernt haben. Die wenigen Tiere, die Menschen attackiert haben, litten meist unter Tollwut oder wurden durch Anfütterung an den Menschen gewöhnt, was dann natürliche Scheu abbauen und zu provokantem und für Menschen gefährlichem Verhalten führen kann.

Solche Informationen sind wichtig, denn der Wolf ist zurückgekehrt nach Deutschland, wo er im 19. Jahrhundert durch intensive Jagd ausgerottet worden war. Seit der Wende steht der Wolf unter Schutz, so dass er sich durch Zuwanderung aus Polen auch wieder in Deutschland verbreiten konnte. 69 nachgewiesene Rudel leben nach Expertenberichten wieder in Deutschland, viele von ihnen in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Niedersachsen. Immer wieder kommt es zu Konflikten mit Haltern von Schafen und Ziegen. Denn die Tiere können eine leichte Beute für Wölfe sein. Doch dies könne man dem Wolf nicht vorwerfen, sagt Imke Heyter den Besuchern. Vielmehr müsse man die Nutztiere schützen, ohne dem Wolf zu schaden - etwa durch „Bio-Fencing“, also dem Verteilen von Wolfskot rund um die Weiden. Das würden Wölfe als Reviermarkierung eines anderen Rudels verstehen und weiterziehen.

Für Imke Heyter ist der Wolf kein bedrohliches Tier, sondern ein „sehr soziales Wesen“. Wölfe leben in Rudeln, gemeinsam geleitet von einem männlichen und einem weiblichem Alpha-Tier. In freier Wildbahn sind das in der Regel die Eltern, die ihren Nachwuchs durchbringen. In Gefangenschaft, wo nicht alle Mitglieder eines Rudels miteinander verwandt sind, können die Alpha-Tiere auch wechseln. „Das Rudel bestimmt immer wieder neu, wer führen soll und es sind meistens die Tiere, die sich am besten um das Rudel kümmern können“, sagt Imke Heyter. Das vermittelt sie auch gerne Managern, die hin und wieder zu Seminaren in den Wildpark kommen: Beim Führen einer Gruppe sei nicht die Dominanz entscheidend, sondern die soziale Kompetenz.

Im Kreislauf

Nach diesem Grundsatz leitet Imke Heyter auch den Wildpark mit seinen 15 festangestellten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Auf 105 Hektar leben hier in sehr weitläufigen Gehegen neben Wölfen, Luchsen und Ottern sowohl andere heimische Wildtiere als auch Arten, die mittlerweile in freier Wildbahn in Deutschland ausgestorben sind, wie Wisente und Elche. Aber auch das eher in Asien beheimatete Przewalski-Pferd, die letzte noch lebende Wildpferdart und seltene Haustierrassen wie Wollschweine oder das Rauhwollige Pommersche Landschaf sind hier zu sehen.

Dass Imke Heyter für all das einmal verantwortlich sein wird, hatte sie nicht in ihrer Planung. Reisekauffrau hat sie gelernt, weil das Fernweh so groß war und sie in die weite Welt hinaus wollte. Dann aber hatte ihr Vater, Jäger und Landwirt, nach der Wende die Idee, den Wildpark zu gründen - auch, um aus der eigenen Arbeitslosigkeit zu kommen. „Das war in der Aufbruchstimmung nach der Wende möglich“, erinnert sich Imke Heyter. „Eine Handvoll Leute haben mitgemacht, und es hat funktioniert.“ In diesem Jahr feierte der Park sein zwanzigjähriges Bestehen, vor zehn Jahren hat der Vater die Leitung des Parks abgegeben und der Tochter dringend abgeraten, diese Aufgabe zu übernehmen. „Er hat gesagt, Du wirst keine ruhige Minute mehr haben. Ich habe gesagt: Topp, die Wette gilt.“

Mittlerweile ist das Elchgehege in Sicht, wo ein Hirsch etwas einsam wirkt. „Vor kurzem ist die Elchkuh gestorben, wir haben aber schon eine neue Kuh in einem bayerischen Wildpark gefunden, die bald hierherkommen wird“, erklärt Imke Heyter den Besuchern. Und sie bleibt sie beim Thema Tod, der einem in der Natur auch immer wieder begegnet. „Wir haben die tote Kuh an die Wölfe verfüttert. Es ist mir wichtig, alles zurück in den Kreislauf von Leben und Tod zurückzugeben.“ Das klingt nach einem nicht nur naturwissenschaftlichen Zugang zur Natur. In der Tat, dem der weiter fragt, beschreibt die Wildparkleiterin ihre „Religion“. Sie sei atheistisch aufgewachsen, insofern spielen klassische konfessionelle Glaubensmuster keine allzu große Rolle. Doch im Umgang mit den Tieren und der Natur sei ein eigenes „religiöses Weltbild“ entstanden, in dem der Respekt vor der Natur und den Elementen auch der Respekt vor „dem Göttlichen“ ist. Imke Heyter ist fasziniert von den vorchristlichen Gottheiten, Odin etwa, der auf einem achtbeinigen Ross unterwegs ist, begleitet von zwei Raben und zwei Wölfen. Auch bei den amerikanischen Ureinwohnern und ihrem spirituellen Zugang zur Natur fühlte sie sich wohl. Imke Heyter ist mittlerweile Schamanin, trommelt auf einer Trommel, die sie aus einem im Wildpark verstorbenen Heckrind gemacht hat. Und sie ist sicher: „Die Tiere und auch die Pflanzen sprechen zu Dir, man muss nur zuhören.“

Ihre Sicht der Dinge drängt sie niemanden auf, das Gespräch über Natur und Religion findet zu zweit auf der Terasse vor dem kleinen Café am Eingang des Parks statt. Die Besuchergruppe ist schon lange weg, ein Mitarbeiter bringt Imke Heyter eine Wildbratwurst. Tiere essen? Geht das, wenn man sich sogar auf einer spirituellen Ebene mit ihnen verbunden fühlt? Eineinhalb Jahre hat Imke Heyter daran gezweifelt und streng vegetarisch gelebt, aber dann spürte sie, dass ihrem Körper das tierische Eiweiß fehlt. „Der Mensch ist ein Allesfresser und in diesem Punkt dem Schwein sehr ähnlich“, sagt sie. Wer auf Fleisch verzichten will, soll das tun. „Aber niemand soll denken, er sei ein besserer Mensch, weil er Vegetarier ist.“

Die feuchte Herbstkälte kriecht unter die Jacke, aber es ist nicht leicht, sich von dem Panorama zu trennen, das sich bietet. Von der Terasse des Cafés fällt der Blick auf das Gehege mit den Ziegen, die bei den Kindern sehr beliebt sind. Als Erwachsener schaut man lieber auf die Weide mit den Panje-Pferden, gleich neben dem Schwalbenbauch-Wollschwein, das man gerade tiefenentspannt im Schlamm hat liegen sehen. Keine Frage, in einem Zoo sind sicher mehr Tiere zu sehen als hier im Wildpark, viel exotischere obendrein. Aber während sich nach einem Rundgang im Zoo mit all dem Rummel und den vielen Reizen meist Erschöpfung breitmacht, kommt man hier zu Ruhe und kann sich tatsächlich als Teil eines Ganzen fühlen. Aber eine Pflicht dazu gibt es nicht. Imke Heyter formuliert den gewünschten Effekt des Wildparks auch etwas bodenständiger: „Wenn die Besucher hier mit ihrem Hintern auf der Wiese sitzen und sich entspannen, dann haben wir was erreicht.“

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Stephan Kosch

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