Dialogbereit

Lesebuch zur Reformation
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Das „offizielle“ Lesebuch zum Reformationsjubiläum - es ist informativ und anregend.

Zum Reformationsjubiläum stellt sich die Frage: Wo steht die evangelische Kirche heute? Der Aufbau Verlag und die edition chrismon haben ein illustriertes Lesebuch herausgebracht, in dem Heinrich Bedford-Strohm und Margot Käßmann als berufene Repräsentanten Antwort geben. Die Welt verändern - der Titel ist etwas großspurig geraten, denn so weltbestimmende Themen wie Ökonomie und Finanzwirtschaft werden gar nicht berührt. Umso mehr ist die Rede von Hoffnung und Mut, von Engagement, Offenheit und Dialogbereitschaft. Letztere wird sympathischerweise auch ausgiebig praktiziert: Im Zentrum des Buches stehen fünf lange Interviews, in denen sich Käßmann und Bedford-Strohm von Jakob Augstein und Dunja Hayali, vom Islamwissenschaftler Mouhamad Khorchide, vom Rabbiner Walter Homolka und zuletzt auch von Gregor Gysi befragen lassen. In den Gesprächen werden von der Rechtfertigungslehre über die Konsumgesellschaft bis zum Fundamentalismus alle möglichen Themen angeschnitten, die mit Religion im Allgemeinen und Protestantismus im Besonderen zu tun haben. Sehr in die Tiefe kann es nicht gehen, hängen bleibt aber die offene, auch selbstkritische Gesprächshaltung von Käßmann und Bedford-Strohm. Öfter sind die Fragen interessanter als die Antworten. Wenn etwa Dunja Hayali fragt, woher denn der Ratsvorsitzende seine Glaubensgewissheit bezieht und Bedford-Strohm mit der „Kraft der Psalmen“ antwortet, wenn Jakob Augstein den revolutionären Zug der Bibel anspricht und Käßmann mit Wichern pariert, stellt sich zumindest bei der Rezensentin der Eindruck ein, als sei das noch nicht genug der Antwort. Auch wenn Homolka an Luthers sola gratia Fragen stellt oder Khorchide wissen möchte, warum die Protestanten nicht einwilligen wollten, dass Christen und Muslime zu demselben Gott beten, möchte man gern noch weiter denken, als es die Antwortenden tun. Aber darin liegt ja die Stärke der Gesprächsbereitschaft, dass sie die Horizonte des Denkens öffnet.

Auffällig viel Raum nimmt die Distanzierung von Luthers Antijudaismus ein, den Käßmann seine „Schattenseite“ nennt. Natürlich muss diese Distanzierung sein. Es wirkt nur allmählich so, als sei Luther der allein schuldige Antijudaist in der evangelischen Kirche und als solle diese Schattenseite Luthers nun alle andern Schattenseiten überdecken, mit denen sich Protestanten vielleicht außerdem noch auseinandersetzen könnten.

Das Buch will nicht nur Käßmann und Bedford-Strohm im Gespräch zeigen, sondern auch „alles Wissenswerte über die Reformation“ vermitteln. Das geschieht in einer sehr lesenswerten dreißigseitigen Einführung Uwe Birnsteins, die nur ganz am Ende ein wenig ins Schleudern gerät, wo der Autor allerhand Theologen des 20. Jahrhunderts zitiert, um das „protestantische Prinzip“ zu erklären. Es bleibt etwas unklar, aber „kritisch“ ist es jedenfalls.

Am Ende stehen 15 Kurzporträts von „Evangelischen, die die Welt veränderten“. Sie beginnen mit dem Erfinder der nachhaltigen Forstwirtschaft Hans Carl von Carlowitz und enden mit Dorothee Sölle. Einige interessante Entdeckungen sind hier zu machen.

Schließlich wird das Ganze noch ergänzt durch einen bunten „Zeitstrahl“, der mit John Wyclif anhebt, alle wichtigen Reformatoren nennt, Hitlers Machtergreifung und die deutschen Christen nicht übergeht, schließlich über Roger Schutz, Friedrich Schorlemmer und Papst Franziskus zum Reformationsjubiläum führt - nahezu ökumenisch. Das „offizielle“ Lesebuch zum Reformationsjubiläum - es ist informativ und anregend.

Angeika Obert

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