Geistvoll

Schostakowitschs Cellokonzerte
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Der Geist schwelgt im großen Klang und lässt sich im selben Moment in all die feinen Verästelungen und Schattenfelder entführen.

Die Begegnung mit Dmitri Schostakowitsc hs Cellokonzerten gleicht dem Moment, wenn man eine Hügelkuppe erreicht und unvermittelt auf eine faszinierende, sich weit zum Horizont erstreckende Landschaft schaut. Das Auge weiß nicht, wohin es sich zuerst wenden soll - zu überwältigend ist der Gesamteindruck. So ergeht es beim Hören der beiden Konzerte für Violoncello und Orchester: Der Geist schwelgt im großen Klang und lässt sich im selben Moment in all die feinen Verästelungen und Schattenfelder entführen. Sei es auch, dass er darin verloren ginge.

Im Stile sinfonischer Dichtungen sind beide Werke angelegt. Befreit von den künstlerischen Limitierungen durch die stalinistische Kontrolle, sprühen sie vor musikalischer Vielfalt und emotionalen Wechseln. Vor allem das erste Konzert in Es-Dur von 1959 stellt überdies immense technische Anforderungen an den Solisten. Schostakowitsch hat es seinem Orchestrierungs-Schüler Mtislav Rostropowitsch gewidmet, der auch Solist in der Uraufführung war - wie sieben Jahre später beim zweiten Cellokonzert.

Die Liste vorzüglicher Aufnahmen ist lang, neben Rostropowitsch haben unter anderem Michael Chomitzer, Alexander Ivashkin oder Heinrich Schiff den Stücken ihren Stempel aufgedrückt. Letzterer war einer der Lehrer von Gautier Capuçon, Jahrgang 1981, einem der herausragenden jüngeren Vertreter seiner Zunft. Schostakowitschs Cellokonzerte hätten ihn seit seiner Kindheit begleitet, sagt er. Seine eigene Einspielung braucht nun einen Vergleich mit den großen Vorgängern nicht zu scheuen.

Man nehme nur den zweiten, leisen Satz des Es-Dur-Konzertes: Capuçons Gestaltungskraft selbst in den höchsten Lagen ist bemerkenswert. Wenn das Cello dann tief hinunterstürzt, zunächst noch begleitet von den Streicherinnen und Streichern, dann alleingelassen im Abgrund, verleiht er der dunklen Einsamkeit eine würdevolle Ruhe und Kraft. Im Schlusssatz fegt der Franzose mit souveräner Schwerelosigkeit durch das ungestüm treibende Orchester hindurch.

Ach, überhaupt: das Orchester. Man kann gar nicht genug würdigen, welche Klangpracht Maestro Valery Gergiev und das Orchester des renommierten Mariinsky Opernhauses in St. Petersburg dieser Aufnahme verliehen haben. Perfekt in den Dosierungen, klar in den Akzenten - ein wunderbares Schlagwerk im zweiten Konzert -, brillant im Umgang mit Tempo und Dynamik. Unbedingt anhören.

Shostakovich: The Cello Concertos. Erato, 082564606736.

Ralf Neite

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