Mehr als ein Vereinsheim

Kirchen sollten offen stehen
Foto: EKM
Die vielerorts geschlossenen Kirchentüren verkünden unsere Selbstbezogenheit und Selbstgenügsamkeit.

Martin Luthers erste These zum Ablass von 1517 lautet: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: ‚Tut Buße‘ usw. (Matth. 4,17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.“

Wenn wir nun bald im Jahr 2017 500 Jahre Reformation feiern - wie feiern wir dies im Horizont dieser These angemessen? Es steht uns gut an, auch uns selbst kritisch im Licht unseres Auftrags zu sehen und zu beurteilen. Wo müssen wir als Kirche Buße tun? Und von welchem falschen Weg umkehren?

Unsere Kirchenleitung hat sich mit dieser Frage mehrfach und intensiv beschäftigt. Dabei ist unsere Aufmerksamkeit auch auf die meist verschlossenen Türen unserer Kirchen gelenkt worden. Wir sind in alle Welt und zu allen Menschen gesandt! Aber: Dürfen auch alle zu uns kommen, so, wie sie kommen wollen, nach ihren Bedürfnissen und nicht nach unseren Vorgaben? Zum Gottesdienst, ja, da öffnen wir die Kirchentüren. Aber für die stille Andacht, oder auch nur, wenn jemand einen Raum der Ruhe im Geplärr und der Geschäftigkeit des Alltags sucht - da findet er und sie die Kirche meist verschlossen. Wir wollen sie für uns haben.

So verkündigen die vielerorts geschlossenen Kirchentüren unsere Selbstbezogenheit und Selbstgenügsamkeit. Sie verkündigen: Wir schließen uns ab. Wir verschließen uns gegenüber anderen. Wir haben Angst um unsere Räume und um unsere Schätze. Wer weiß, was andere da anrichten können! Kein Wunder, dass uns viele Mitmenschen zunehmend als einen religiösen Verein wahrnehmen, der ein Vereinsheim hat. Dabei ist gerade in den vergangenen 26 Jahren deutlich geworden, wie groß das Interesse der Öffentlichkeit gerade an der Kirche im Dorf - und auch der Stadt - ist. Zu über 90 Prozent sind die über Jahrzehnte nur notdürftig erhaltenen, zum Teil fast verfallenen Kirchengebäude mit Hilfe vieler, auch vieler öffentlicher Mittel und vieler Nicht-Christen in den Kirchbauvereinen wunderbar wieder aufgebaut, restauriert, unter Dach und Fach gebracht. So viele Kirchen strahlen in neuem Glanz. Sie erzählen jahrhundertealte Glaubensgeschichten, oft mit besonderem Charme. Und die sollen nun geschlossen bleiben? Sie sind ja offenbar für viele ein wichtiges Zeugnis. Auch wenn sie keine Ahnung mehr haben von den biblischen und Frömmigkeitsgeschichten, die die Bilder und Altäre erzählen. Gleichwohl verstehen sie in einem anderen Sinn, dass sich in diesem besonderen Gebäude ein besonderer Raum auftut. Da werden wir doch wohl nicht gerade diesen Raum verschließen? Den Raum der Hoffnung. Den Raum für Verzweiflung und Klage. Den Raum für andere Worte. Dieser Raum soll an jedem Ort für alle zugänglich sein. Die Kirchenleitung bittet die Gemeindekirchenräte, darüber zu beraten und zu beschließen.

So wollen wir uns vom Evangelium der freien Gnade Gottes, von Gottes offenem Herzen neu formen lassen. Das ist mehr als eine Reform. Das ist eine Buß- und Umkehrbewegung hin zum Evangelium und zum Dienst allein am Evangelium - und weg von unserem Dienst an unseren Ängsten und Interessen. Wir sind gespannt, wie viele Kirchentüren ab dem Jahr 2017 geöffnet sind!

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Ilse Junkermann ist Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und Herausgeberin von zeitzeichen.

Ilse Junkermann

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Ilse Junkermann

Ilse Junkermann ist Landesbischöfin a.D. und Leiterin der Forschungsstelle „Kirchliche Praxis in der DDR. Kirche (sein) in Diktatur und Minderheit“ an der Universität Leipzig.


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