Nach Zahlen und Qualität fragen

Gespräch mit EKD-Vizepräsident Thies Gundlach
Foto: EKD
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Er gilt als heimlicher Vater des EKD-Impulspapiers: Thies Gundlach, damals Abteilungsleiter und heute Vizepräsident im EKD-Kirchenamt in Hannover, steht auch nach zehn Jahren zu „Kirche der Freiheit“.

zeitzeichen: Herr Gundlach, was ist in Ihren Augen der größte Erfolg, der auf das vor zehn Jahren veröffentlichte Impulspapier „Kirche der Freiheit“ zurückzuführen ist?

THIES GUNDLACH: Das Impulspapier hat vieles verstärkt, was vorher auch schon im Bereich der Landeskirchen gedacht wurde. Ein Erfolg des Impulspapiers ist sicherlich, dass die „Wettbewerbssituation der Kirchen“ in der (Freizeit-)Gesellschaft deutlicher wahrgenommen wurde; deswegen sind die gegründeten Zentren zu Fragen der Qualität von Gottesdienst und Predigt, von Mission und Führung in der Kirche schnell akzeptiert worden. Auch die bundesweite Kampagnenfähigkeit der evangelischen Kirche hat zugenommen; die Themenjahre der Luther- beziehungsweise Reformationsdekade konnten danach angestoßen werden. Außerdem hat das Impulspapier die Pluralisierung von Gemeindeformen und kirchlichen Orten angeschoben und die Rollenverteilung zwischen Pfarrerinnen und Pfarrern und Ehrenamtlichen zur Diskussion gestellt. Im Verlauf dieser Diskussion ist deutlich geworden: Pfarrerinnen und Pfarrer sind schon der Schlüsselberuf unserer Kirche, aber keineswegs der einzig zentrale Beruf. Zuletzt hat der Reformprozess auch die Debatte um die Frage angestoßen, was in der Kirche eigentlich steuerbar ist und was nicht.

… und was ist der größte Misserfolg?

THIES GUNDLACH: Die Formel „Wachsen gegen den Trend“ ist nur an wenigen Orten unserer Kirche in Gestalt eines quantitativen Wachstums verwirklicht worden. Als Globalansage hat sie sogar eher entmutigende Wirkung gehabt. Der Megatrend der Individualisierung und der Distanz zu Institutionen ist nicht zu brechen – das mussten wir erkennen. Damals dachten wir, das Thema „Religion im 21. Jahrhundert“ käme neu auf die Agenda unserer Gesellschaft, und dieser Megatrend könnte Wind unter die Flügel der Institution Kirche wehen. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass die neue öffentliche Diskussion über Religion oftmals mehr über ihre kritischen, fundamentalistischen Ausprägungen diskutiert als über ihre Chancen. Die Herausforderung, öffentlich die befreiende Rolle der Kirche sichtbar zu machen, wird umso dringlicher – auch dies ist eine Aufgabe, die das Impulspapier erkannt hatte.

Als Ziel wurde damals ausgegeben, es sollte flächendeckend ein Gottesdienstbesuch von durchschnittlich zehn Prozent erreicht werden. Hat man damals wirklich geglaubt, dass man das erreichen kann?

THIES GUNDLACH: Diese Vorgabe war eher als Provokation gedacht, um überhaupt einmal bewusst zu machen: Auch wir als Kirche können und sollten auf Zahlen achten. Damals hat das Wort „Taufquote“ und die Forderung dieselbe zu steigern große Kritik ausgelöst. Heute ist die Erkenntnis, dass die Kirche auch die kommenden Generationen erreichen muss, überall ganz oben auf der Agenda – auch aufgrund der Anregung durch „Kirche der Freiheit“. Auch ist es selbstverständlich, dass wir heute als Kirche ganz konkret nach Erfolg und Qualität unserer Arbeit fragen. Und es gibt viele Gemeinden, die sehr gute Arbeit leisten und die sicher zehn Prozent ihrer Gemeindeglieder regelmäßig erreichen. Dazu kommt, dass wir uns selbst klein rechnen, weil die so genannten Zählsonntage, die den Durchschnitt definieren, das gottesdienstliche Leben der Kirche nicht mehr abbilden.

Das Papier atmet Sprache und Denken der Betriebswirtschaft. Wie beurteilen Sie es heute: Passt dieser Denk- und Sprachstil zur evangelischen Kirche oder eher nicht?

THIES GUNDLACH: Heute regt sich darüber niemand mehr auf, wenn man in Bezug auf kirchliche Arbeit von „Markenkern“ oder „Profil“ redet – damals gab es Prügel. Aber so ist es immer und überall, ob in Gesellschaft oder Kirche: Wenn ein neuer Impuls kommt, ist Kritik die Form der Wahrnehmung. Zu sagen „Das ist alles ganz falsch“, ist die Form, in der eine neue Botschaft und die eigene Position reflektiert werden. Vor diesem Hintergrund bedaure ich keinen einzigen Satz aus „Kirche der Freiheit“, denn die Diskussion hat neue Formen der Selbstaufklärung und des Selbstbewusstseins in unserer Kirche hervorgebracht, die dann sicher auf ganz andere Wege geführt haben als wir sie damals vorgeschlagen haben, aber das liegt in der Natur der Sache. Und vielleicht gibt es ja irgendwo in unserer Kirche eine Gruppe, die längst an dem nächsten Impulspapier arbeitet, denn solche Debatten tun uns gut.

Ganz bewusst war „Kirche der Freiheit“ als Top-down-Aktion geplant, von oben nach unten. Sollte man so etwas wieder machen, oder gilt hier – frei nach Matthäus 23: „Nein, so soll es unter uns nicht sein?“

THIES GUNDLACH: Jetzt wäre so ein Top-down-Prozess im Raum der EKD nicht möglich, denn wir brauchen im Moment viel Abstimmung und die Beteiligung vieler. Andererseits ist so ein Top-down-Prozess mit vorausschauenden Perspektiven auch eine Dienstleistung an allen, auch wenn es zunächst Gegenwind gibt. Das ist aber genau die Aufgabe von richtig verstandener Leitung. Im Jahre 2006 sah der damalige Rat der EKD mit dem Vorsitzenden Wolfgang Huber die große Notwendigkeit, Veränderungen anzuregen; das ist in keiner Institution ein Spaziergang.

Im Zusammenhang mit dem Reformationsjubiläum wurde von katholischer Seite Kritik an der Formel „Kirche der Freiheit“ geübt. Hätten Sie damals lieber eine andere Überschrift wählen sollen?

THIES GUNDLACH: Nein, hätten wir nicht. Es ist schade, dass sie in der Ökumene falsche Assoziationen ausgelöst hat, weil damit ein Exklusivanspruch verbunden wurde, den wir gar nicht haben. Die Freiheit der Kirche ist ein Thema, das alle Kirchen betrifft. Kirche der Freiheit heißt, dass wir das Evangelium vor Augen haben und uns nicht anpassen an falsche Mächte und Gewalten. Genau diese Intention hatte und hat dieses Impulspapier.

Zehn Jahre Impulspapier der EKD

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