Klanglabsal

Geist und Ungeist
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Es spricht und wirkt die spannungsvolle Schichtung von Klang und Rhythmus, die packt.

Trance, oft drogenbefeuert, ist nun bereits im dritten Jahrzehnt programmatischer Fluchtpunkt etlicher Elektro-Spielarten. Wenn aktuell mehr Afro-Electro-Musik in unsre Wahrnehmung gerät (siehe zz 10/2015: Mbongwana Star), kommt die Trance also gleichsam nach Hause, spielen doch deren Trommelmuster und Rhythmen seit Jahrtausenden eine zentrale Rolle bei Geisterbeschwörung und Induzierung von Trance, in der jene begegnen. Wir haben zwar nicht die Begabung für Trance wie sie, die sei angeboren, sagt Westafrika- und Voodoo-Forscher Henning Christoph, aber stumpf sind wir jedenfalls nicht. So fahren uns die Tracks „Tokolanda“ und „Um Nzonzing“ des Albums „Konono N°1 meets Batida“ auch gleich in Bauch, Beine, Po und verwirbeln den Geist. Einnehmend sind ebenfalls die sexuellen Implikationen, die im Wechsel von Männer- und Frauenstimmen entstehen, ob absichtlich oder nicht entzieht sich mangels Sprachverständnis der Kenntnis. Es spricht und wirkt die spannungsvolle Schichtung von Klang und Rhythmus, die packt.

Den Sound der bereits in den Sechzigerjahren in Kinshasa gegründeten Band prägt die virtuos gespielte Likembe, das auch Daumenklavier genannte Lamellophon. „Congotronics“ war ihr erstes Album, das 2004 bei uns erschien. Die hypnotische Kraft von elektrisch verstärkten Likembes und wilder Rhythmusgruppe faszinierte. Krachend, scheppernd, groovy, zugleich urban-modern und archaisch. Trance als Abfahrt. Und willkommen. Das war in kirchlichen Kreisen, besonders in pietistisch geprägten, lange anders: So manche, die nun begeistert Aktivist in der Gospel- und Poporatorien-Bewegung sind, waren in der Jugend zur Hochzeit des „Gemeindetag unter dem Wort“-Kulturkampfes mit schrillen Verboten konfrontiert. Es gab Rock- und Pop-Warnungen und offene Verteufelung. Trance- und Sündenangst, die man verschwurbelt damit begründete, dass „schwarze Musik“, in Pop-, Rock- und Jazz-Formaten getarnt und über England und die USA importiert, mit Körperrhythmen und bös verführerischen „blue notes“ die Seelen verderbe oder gar raube. Welcher moralisierende Dreisatz auch dahintersteckte - ihren Weg aus derlei Verdammung haben viele Jugendliche gefunden. Einfach war das oft aber nicht.

Insofern gelte das aktuelle Konono N°1-Album hier nun als nachträglicher symbolischer Post-Exorzismus für einen Geist, der hoffentlich gebannt bleibt. Doch die Menschen sind leider nicht so. Unter dem Einfluss expandierender Pfingstkirchen werden in Westafrika inzwischen nämlich wieder Frauen als Hexen verbrannt. „Konono N°1 meets Batida“ steht insofern für sich und allenfalls das, was wir daraus machen.

Udo Feist

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