Bisweilen noch autoritär

Die Neuapostolische Kirche verliert zunehmend den Charakter einer Sekte
Friedlich vereint am Ortseingang von Weingarten/Oberschwaben. Foto: epd-bild/Gustavo Alabiso
Friedlich vereint am Ortseingang von Weingarten/Oberschwaben. Foto: epd-bild/Gustavo Alabiso
Die Neuapostolische Kirche (NAK) galt lange als Sekte wegen ihrer Sonderlehren, der Abschottung von anderen Kirchen und des Anspruchs, die wahre Kirche zu sein. Doch seit zehn Jahren öffnet sie sich. Wie dieser Prozess voranschreitet, zeigt Kai Funkschmidt, Wissenschaftlicher Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen.

"Als ich aufwuchs, waren wir eine Sekte, die von anderen Christen geschnitten wurde. Auch wir schotteten uns ab und hielten uns allein für auserwählt. Heute haben wir ökumenische Gemeinschaft mit anderen und nehmen wie alle christlichen Gemeinden hier im Ort bei kommunalen Veranstaltungen und der offenen Nacht der Kirchen teil. Sie glauben kaum, wie befreiend sich das anfühlt!" Mit diesen Worten schilderte vor einigen Jahren ein neuapostolischer Priester in einer ökumenischen Begegnung die jüngsten Veränderungen seiner Kirche.

Tatsächlich hat sich die Neuapostolische Kirche (NAK) in den vergangenen zehn Jahren dramatisch verändert. Noch in den Neunzigerjahren wirkte sie auf Außenstehende ähnlich abweisend wie die Zeugen Jehovas: Strikte Hierarchie, Exklusivismus und Desinteresse an Ökumene und Theologie. Sie pflegte eine starke Sozialkontrolle und lebte in einer extremen Naherwartungsspannung. Doch anders als die Zeugen verzichtete sie auf Polemik gegen andere Kirchen. Heute ist die NAK aktives Mitglied in über zwei Dutzend lokalen Arbeitsgemeinschaften Christlicher Kirchen (ACK). Sie führt ökumenische Dialoge, präsentiert sich auf dem Kirchentag und verhandelt mit der Bundes-ACK über einen Beitritt. Dabei ist sie keine Randgruppe: Mit 350000 Mitgliedern und einem durchschnittlichen Gottesdienstbesuch von 40 Prozent ist sie größer als alle evangelischen Freikirchen Deutschlands zusammen. Und – die NAK ist eine reine Laienkirche. Fast alle Ämter werden ehrenamtlich ausgeübt.

Der Kurswechsel der 150 Jahre alten Kirche bahnte sich seit den Neunzigerjahren zunächst unauffällig an und nahm am 24. Januar 2006 plötzlich Fahrt auf. Da verkündete der deutsche Ingenieur Wilhelm Leber, als Stammapostel eine Art neuapostolischer Papst, in einer Fernsehsendung, die über Satellit weltweit in alle Gemeinden ausgestrahlt wurde, die ökumenische Öffnung der NAK.

Damit erfand sich die Kirche einerseits neu und kehrte andererseits zu ihren Ursprüngen zurück. Denn sie ist ein Kind der angelsächsischen Erweckungsbewegung des frühen 19. Jahrhunderts. Durch prophetische Berufung im Kreise einiger Frommer wurden 1832 in England zwölf Apostel eingesetzt. Sie sollten die gesamte Christenheit auf die nahe Wiederkehr Christi vorbereiten. Deren Reform und Sammlung, nicht eine Kirchengründung, waren das Anliegen. Aber schließlich entstand nach Irrungen und Wirrungen – wie meist in solchen Fällen – eine neue Kirche, 1860 in Deutschland die NAK, während der englische Zweig ausstarb. Ihr Kernmerkmal ist das Apostelamt, das den biblischen Aposteln gleichgestellt ist.

Da die Christenheit sich den neuen Aposteln aber nicht unterstellte, zogen sich diese langsam zurück. Eine Hierarchie von Aposteln und Bezirksaposteln bis zum Stammapostel entstand. Dieser galt als „Stellvertreter des Herrn“ und konnte direkte Offenbarungen Gottes verkünden. Vom Anspruch einer ökumenischen Bewegung verabschiedete man sich und sah nur noch sich selbst als wahre Kirche, als „Christi Brautgemeinde“. Denn allen anderen fehlte ja „das einzige von Jesus gestiftete“ heilsnotwendige Apostelamt. Und mit der Totentaufe und dem „Entschlafenenabendmahl“ etablierte sich eine in der Christenheit einmalige Sakramentspraxis. Die Apostelmacht reichte so bis ins Jenseits.

Zur totalen Isolation kam es, als 1951 Stammapostel Johann Gottfried Bischoff (1871–1960) in der „Botschaft“ erklärte, der Herr werde noch zu seinen Lebzeiten wiederkehren. Und wer diese Offenbarung nicht gläubig annahm, wurde ausgeschlossen. Konflikte und Spaltungen folgten. Als nach Bischoffs Tod 1960 die Wiederkunft ausblieb, erklärte die NAK, Gott habe „seinen Willen geändert“. Die Frömmigkeit der Neuapostolischen konzentrierte sich personenkultartig auf die Apostel, „in denen man Jesus begegnete“. Theologie war „tote Buchstabengelehrsamkeit“, die Bibel wurde gegenüber dem Wort der „lebenden Apostel“ abgewertet. Der Selbstisolierung entsprach die Außenwahrnehmung als „Sekte“. Doch soziale Enge ist nur die Kehrseite von Geborgenheit. Für die Mitglieder war die NAK "Unsere Familie" – wie bis heute der Titel der Kirchenzeitung lautet.

Als Stammapostel Leber vor zehn Jahren 2006 den neuen Kurs ankündigte und das Tabuwort „Ökumene“ positiv gebrauchte, waren damit einige Lehrveränderungen verbunden: 1. Taufen anderer Kirchen bleiben bei Übertritt zur NAK gültig. Umgekehrt wurde die NAK -Taufe stets anerkannt. 2. Der Heilige Geist wirkt auch in anderen Kirchen und ist nicht auf die sakramentale Spendung durch Apostel beschränkt. Daher können auch nichtneuapostolische Christen das Heil erlangen. Hier übernahm Leber mehrfach Formulierungen des Zweiten Vatikanischen Konzils. 3. Die Heilsnotwendigkeit des Apostelamts ist nicht absolut.

Im Kern bedeutet dies eine starke Relativierung des theologischen Exklusivismus. Viele Faktoren förderten die Neuorientierung, die Unzufriedenheit der NAK-Jugend mit der eigenen Isolierung, das Internet erleichterte den Gedankenaustausch kritischer Mitglieder, und auch das rapide Wachstum in Afrika bei gleichzeitigem Mitgliederschwund in Deutschland erleichterte die Suche nach neuen Wegen. Und schließlich wird die Verzögerung der Wiederkunft Jesu zum Identitätsproblem. Denn man kann kaum jahrhundertelang in gespannter Naherwartung leben.

Hierarchische Strukturen erleichtern einerseits einen Autoritarismus, aber andererseits auch die schnelle Umsetzung von Kurskorrekturen. Was die oberste Leitung verkündet, das gilt. Mancherorts schien die Basis nur auf ein solches Signal des Stammapostels gewartet zu haben. Denn binnen weniger Monate trat die erste NAK -Gemeinde einer lokalen ACK bei. Und bis heute sind ihr über zwei Dutzend gefolgt. Regional und national begannen NAK und ACK Lehrgespräche über kontroverstheologische Themen wie die Entschlafenensakramente, das Apostelamt mit seinen „neuen Offenbarungen“ und die exklusivistische Heilslehre. Was bedeutete „Anerkennung der Taufe“, wenn diese doch durch das dritte neu-apostolische Sakrament, die heilsnotwendige „Versiegelung“ durch einen Apostel, ergänzt werden muss? Auch mit der „Apostolischen Gemeinschaft“, die 1955 durch den massenhaften Ausschluss von NAK -Mitgliedern entstanden war, suchte die NAK das Gespräch. Das ist eine Versöhnungsgeste, denn der damalige Bruch hatte Familien zerrissen, und zwischenkirchliche Kontakte waren fünfzig Jahre lang undenkbar.

Die ACK Baden-Württemberg und die NAK legten vor acht Jahren eine „Orientierungshilfe für die Gemeinden“ vor. Ausgehend von der Taufanerkennung empfahl sie liberale Regelungen bei konfessionsverschiedenen Amtshandlungen und eine gastweise Raumnutzung. Zugleich wurde klargestellt: Ökumenische Gottesdienste sind nicht gewünscht und Abendmahlsgemeinschaft besteht nicht, auch wenn beides dennoch gelegentlich stattfindet.

Als die NAK 2007 die Geschichte der „Botschaft“ von 1951 offiziell aufarbeitete, konnte sie sich nicht zu einer Absage an deren Offenbarungscharakter durchringen. Denn man scheute die theologischen Auswirkungen für das Verständnis des Apostelamts. Das führte zu einem Massenprotest ökumenischer Basiskräfte und vieler Amtsträger – ein in der NAK-Geschichte einmaliger Vorgang. Und die Apostolische Gemeinschaft verließ empört die Versöhnungsgespräche, weil der Bericht ihr die wesentliche Schuld an der Spaltung 1955 gab.

Parallel dazu warnten ehemalige Mitglieder in der Öffentlichkeit, dass die NAK intern unverändert exklusivistisch, rigoros kontrollwütig sei und die ökumenische Öffnung nur eine Fassade zum Imagegewinn durch eine ACK-Mitgliedschaft.

Der Verdacht der Doppelzüngigkeit wurde aber vor vier Jahren durch die Veröffentlichung des lange angekündigten und mehrmals verschobenen „Katechismus der Neuapostolischen Kirche“ widerlegt. Dahinter verbirgt sich die erste umfassende Lehrdarstellung der NAK seit ihrer Gründung. Denn wer hatte schon eine schriftlich fixierte Theologie gebraucht, wenn der Herr jeden Moment kommen konnte? Im Katechismus wurden nun alle ökumenischen Lehrveränderungen schwarz auf weiß festgeschrieben – was natürlich nicht heißt, dass alles – überall und sofort – an der Basis angekommen ist.

Kurz vor seinem Ruhestand 2013 erklärte Stammapostel Leber, dass Bischoffs „Botschaft“ ein Irrtum und keine Offenbarung gewesen sei. Geschickt legte er so seinen Nachfolger fest. Im vergangen Jahr übernahm die ACK Deutschland die Empfehlungen der baden-württembergischen ACK. Und weitergehend fordert sie, aktiv ökumenische Kontakte mit der NAK zu suchen. Denn eine Auswertung der lokalen Erfahrungen mit der NAK hatte zuvor ein überwältigend positives Bild ergeben.

Der Verdacht der Doppelzüngigkeit wurde aber vor vier Jahren durch die Veröffentlichung des lange angekündigten und mehrmals verschobenen „Katechismus der Neuapostolischen Kirche“ widerlegt. Dahinter verbirgt sich die erste umfassende Lehrdarstellung der NAK seit ihrer Gründung. Denn wer hatte schon eine schriftlich fixierte Theologie gebraucht, wenn der Herr jeden Moment kommen konnte? Im Katechismus wurden nun alle ökumenischen Lehrveränderungen schwarz auf weiß festgeschrieben – was natürlich nicht heißt, dass alles – überall und sofort – an der Basis angekommen ist.

Kurz vor seinem Ruhestand 2013 erklärte Stammapostel Leber, dass Bischoffs „Botschaft“ ein Irrtum und keine Offenbarung gewesen sei. Geschickt legte er so seinen Nachfolger fest. Im vergangen Jahr übernahm die ACK Deutschland die Empfehlungen der baden-württembergischen ACK. Und weitergehend fordert sie, aktiv ökumenische Kontakte mit der NAK zu suchen. Denn eine Auswertung der lokalen Erfahrungen mit der NAK hatte zuvor ein überwältigend positives Bild ergeben.

Im November 2014 landete die NAK einen weiteren Coup: Am Ende von vertraulichen Gesprächen wurde feierlich eine Erklärung zur Versöhnung mit der Apostolischen Gemeinschaft unterzeichnet. Darin entschuldigte sich die NAK für die Ereignisse von 1955. Sie räumte damit einen weiteren Stein auf dem Weg in die Ökumene aus. Denn die Apostolische Gemeinschaft war unterdessen in die ACK aufgenommen worden.

Derzeit befindet sich die NAK in ruhigeren Fahrwassern. Die Emanzipation des Kirchenvolks und der unteren Amtsträger gegenüber der Hierarchie, die Relativierung des Exklusivismus und die ökumenische Alltagsarbeit auf Gemeindeebene stellen den Reformprozess auf eine breite Basis und machen ihn unwiderruflich. Doch bisweilen verfällt der neue Stammapostel Jean-Luc Schneider in alte autoritäre Verhaltensmuster: Vergangenes Jahr untersagte er die Veröffentlichung einer von ihm selbst in Auftrag gegebenen unabhängigen Historikerstudie zur Spaltung von 1955. Aber er erntete lautstarken Protest der Kirchenmitglieder. Von den weltweit zehn Millionen Neuapostolischen leben übrigens achtzig Prozent in Afrika. Und hier warten noch weitere kulturelle und theologische Umwälzungen auf die NAK, deren ökumenische Implikationen auch für den provinziell verfassten deutschen Protestantismus spannend sein können.

Dogmatisch ist der NAK die ökumenische Anschlussfähigkeit nicht zu bestreiten. Die oft kritisierten Entschlafenensakramente haben immerhin eine biblische Basis (1. Korinther 15,29; 1. Thessalonicher 4,15–17) und wären ökumenisch auch im Kontext afrikanischer Theologie einzuordnen (Ahnenverehrung). Burkhard Neumann, Direktor am römisch-katholischen Adam-Möhler-Institut Paderborn und Vorsitzender der Dialoggruppe ACK- NAK, meint, man solle an die NAK keine anderen Maßstäbe anlegen als an die Mitgliedskirchen der ACK. So fragte er angesichts von ACK-Mitgliedern, die gar keine Sakramente haben, wie die Quäker und die Heilsarmee und die Baptisten und Orthodoxen, die fremde Taufen nicht anerkennen: „Kann ich einer Kirche, die eine andere Sakramentsauffassung hat, allein darauf hin eine Mitgliedschaft in ökumenischen Gremien verweigern?"

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Kai Funkschmidt

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