Materialreich

Babylons Geschichte
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Babel ist, anders als Sodom, nicht das Stadt gewordene Böse. Es hat viele Facetten, funkelt bunt und ambivalent.

Babylon - was schwingt alles mit, wenn der Name dieser Stadt fällt. Zweieinhalb Jahrtausende hat sie Weltgeschichte mitgeschrieben. Was in und von ihr erzählt wurde, ist für Menschengedenken in Kunst- und Literaturgeschichte eingegangen, hat je nach Interpretation auch unser Religionsverständnis so oder so geprägt. Von ihr ist mit dem Turmbau zu Babel fast am Anfang und mit der Hure Babylon fast am Ende der Bibel, von der Genesis bis zur Apokalypse, die Rede. Nun hat sich der christlich gebildete Journalist Frank Kürschner-Pelkmann vorgenommen, ihre Geschichte und ihre Geschichten zu erzählen. Dabei verwendet er, etwas unscharf und ohne die Begriffe zu klären, für sein gut lesbar geschriebenes, schlicht Babylon genanntes Buch den Untertitel „Mythos und Wirklichkeit“.

Gemeint ist die Unterscheidung zwischen dem historisch nachweisbaren Geschehen und den über die Stadt erzählten Geschichten, von denen es, vor allem in der Bibel, so viele gibt. Zu den wichtigsten gehören der tatsächlich einst stattlich vollendete, für den Gott Marduk bestimmte Tempel-Turm, mit dem die Vielfalt der Sprachen und der Gewerke verbunden werden, die in Keilschrift überlieferten Texte des Schöpfungsepos Enuma-Elisch und der Rechtsordnungs-Stele Hammurapis, die fast endlosen Erzählvarianten über den Jerusalem-Zerstörer Nebukadnezar, über die Männer mordende Judith und Nebukadnezars Kriegshauptmann Holofernes, über die fromme Susanna vor dem Bade im schönen Paradiesgarten und vieles mehr.

Alle diese Geschichten präsentiert Kürschner-Pelkmann in gelegentlich verwirrender Fülle, dabei immer wieder darauf verweisend, was Archäologen und (Keil-)Schriftgelehrte Richtiges dazu sagen - und was Werner Keller in seinem Bestseller „Und die Bibel hat doch recht“ und andere Fundamentalisten falsch behaupten. Er vergisst in der Regel auch nicht, der Leserin, dem Leser aufzuzeigen, wann die Geschichten entstanden sind, wo sie also historisch zu verorten sind; er deutet an, was sie für ihre und für spätere Zeit historisch bedeuten. Das geht dann auch über in Antworten auf die Frage danach, wie sie im Glauben von Juden und von Christen (und von Atheisten) bis heute interpretiert werden. Schließlich finden sich bei ihm auch mannigfache Hinweise auf Werke der Mal-, Musik-, Dicht- und Theaterkunst.

Ist das Buch also als materialreich, anregend, vielseitig angelegt und historisch informativ zu empfehlen, so sei es dem Rezensenten zum Schluss erlaubt anzumerken, was ihm das Lesevergnügen beeinträchtigt hat. Es fehlt ein Spannungsbogen. Die Gliederung erscheint nicht immer stringent, der rote Faden - Ablehnung der Schwarz-Weiß-Malerei mancher Geschichten und Plädoyer für die Vielfalt und den Reichtum der Weltstadt und ihrer Kultur - ist etwas eintönig. Hilfreich wären eine Karte des babylonischen Reiches, eine übersichtliche Chronologie seiner Geschichte(n) und Könige, die Abbildung einzelner Kunstwerke gewesen. Ein Verzeichnis der zitierten Abschnitte aus den biblischen Geschichts- und Prophetenbüchern ließe die Inhalte des Buches besser erschließen. Vor allem aber bleibt der Leser bis zum Schluss abhängig von dem, was der Autor meint und was ihm - manchmal erkennbar zufällig - zum jeweiligen Thema begegnet ist.

Der Wissenschaftler wünscht sich mehr direkten Umgang mit den Quellentexten und die Nutzung von Kommentaren zu den Quellen. Stattdessen dominiert die journalistische Wiedergabe von Sekundärliteratur. Das kommt dem entgegen, der einen gut lesbaren Überblick über die ereignisreiche Geschichte und die vielen Geschichten von Babylon gewinnen will. Er merkt: Babel ist, anders als Sodom, nicht das Stadt gewordene Böse, mögen die Geschichten über sie es auch so manches Mal nahelegen. Nein, sie hat viele Facetten, funkelt bunt und ambivalent. Mit den Juden, die auch nach dem die Heimkehr gestattenden Kyros-Edikt 539 vor Christus dort geblieben sind und unter denen ein Jahrtausend später der babylonische Talmud entstand, lässt sich sagen: es lebt sich anders, aber nicht schlechter in Babylon als in Jerusalem.

Ulfrid Kleinert

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