Eiserner Luther im Arbeitszimmer

Für Thomas Mann war der Reformator die „Inkarnation deutschen Wesens“
Am Ende ein Drama: „Luthers Hochzeit“ war das letzte literarische Projekt Thomas Manns. Foto: dpa/ Bifab
Am Ende ein Drama: „Luthers Hochzeit“ war das letzte literarische Projekt Thomas Manns. Foto: dpa/ Bifab
Am Anfang seines schriftstellerischen Wirkens stand der ironische Bruch mit der lutherischen Tradition. Doch als alter Mann mit fast 80 Jahren nannte sich Thomas Mann selbst einen „Lutheraner“, der der protestantischen Tradition „sehr viel“ schulde. Immer wieder in seinem Leben schrieb der Schriftsteller über Martin Luther, mal verehrend, mal vernichtend. Karl-Josef Kuschel, der bis 2013 an der Universität Tübingen Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs lehrte, beschreibt die Auseinandersetzung Manns mit dem Reformator.

Ganze 26 Jahre ist Thomas Mann alt, als er 1901 seinen ersten Roman „Buddenbrooks“ veröffentlicht, Wer das Buch kennt, wird sich an die allererste Szene erinnern, mit der der Autor sein Werk nicht zufällig eröffnet. Die kleine Tony Buddenbrook sitzt mit ihren acht Jahren auf dem Schoss des Großvaters, und dieser hat seinen Spaß daran, seine Enkelin mit einer Katechismus-Frage zu testen. Nur mit Hilfe ihrer dabei sitzenden Großmutter kann die Kleine das Auswendiggelernte herausstottern. „Was ist das – Was – ist das...“, beginnt der Großvater aufmunternd, zugleich der allererste Satz des Romans, und Tony bringt mühsam hervor: „Ich glaube, dass mich Gott ... geschaffen hat samt allen Kreaturen. ... Dazu Kleider und Schuhe ... Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker und Vieh“. An dieser Stelle aber bricht der alte Johann Buddenbrook in Gelächter aus, als ob er nur darauf gewartet hätte: „Er lachte vor Vergnügen, sich über den Katechismus moquieren zu können, und hatte wahrscheinlich nur zu diesem Zweck das kleine Examen vorgenommen. Er erkundigte sich nach Tonys Acker und Vieh und fragte, wie viel sie für den Sack Weizen nähme und erbot sich, Geschäfte mit ihr zu machen.“

Worauf Tony Buddenbrook getestet worden war, war die Erläuterung zum ersten Artikel des zweiten Hauptstückes des Kleinen Katechismus von Martin Luther, der Thomas Mann in einer Lübecker Ausgabe von 1837 vorlag. Die mokante Parodie aber und das Gelächter, in das Thomas Mann den alten Buddenbrook ausbrechen lässt, unterstreichen bereits die Gebrochenheit der lutherischen Glaubenswelt, die in der Großvater-Generation beginnt und sich in der Enkelgeneration durchgesetzt hat.

Doch die Beschäftigung mit einer so epochalen Gestalt wie Martin Luther war damit nicht erledigt. Dazu war Thomas Mann bis nach dem Ersten Weltkrieg viel zu sehr deutschnationaler Patriot, um nicht wie viele andere auch stolz zu sein auf den „großen Mann deutscher Nation“, wie er Luther nennen kann. Auch Thomas Mann bedient diesen Topos deutschnationaler Lutherverehrung, nachzulesen in seinem Riesenessay „Betrachtungen eines Unpolitischen“, der unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg 1918 veröffentlicht wird. Hier grenzt Thomas Mann sich programmatisch von zwei Seiten ab: von einem Republikanismus französischer Herkunft ebenso wie von einem Kollektivismus russischer Herkunft und plädiert zugleich für einen dritten Weg Deutschlands zwischen den Blöcken. Martin Luther dient dabei seinen Interessen. „Unpolitisch“, ja „apolitisch“ sei Luther gewesen, erklärt Thomas Mann, ein „religiöses Genie“, um „Christus bekümmert“, aber „nicht um Politik“.

Gewiss: Die Wirkung der Revolte Luthers gegen Rom besitze mit der Figur des allgemeinen Priestertums aller Glaubenden unleugbar „demokratischen Charakter“, meint der Autor, doch die „eigentliche und tiefste Wirkung“ Luthers sei antidemokratisch gewesen, denn in dem Maße, in dem Luther die religiöse „Freiheit und Selbstherrlichkeit des deutschen Menschen“ vollende, verinnerliche er sie zugleich und entrücke sie damit aus der Sphäre der Politik.

Das Luther-Jubiläum 1917 im Krieg war eine Aufwallung des Deutschtums gewesen, so wie das von 1883, als man nach der Reichsgründung des 400. Geburtstags Luthers gedachte. Bis heute unvergessen die ungemein wirkmächtige Rede des deutschnationalen Historikers Heinrich von Treitschke „Luther und die deutsche Nation“. Es schreibt für Generationen ein nationalistisch aufgeladenes Luther-Bild fest: Der Weg zur deutschen Einigung unter preußischer Führung? Kein Geringerer als Martin Luther hat ihn gebahnt. Otto von Bismarck? Der kongeniale Nachfolger Luthers! Die Deutschen? Nur sie sind in der Lage, Luther richtig zu verstehen. Warum? Luther hat das tiefste Innere des deutschen Volkes verkörpert. Und diese Überzeugung spiegelt sich auch in einem Detail aus Thomas Manns Leben. 1918 hatte er einem Münchner Bildhauer den Auftrag zu einer Skulptur gegeben: „Bestellte den Jungen Luther in Eisen für mein Zimmer u. freue mich herzlich darauf“, notiert er in sein Tagebuch. Ein Luther „in Eisen“ im Arbeitszimmer von Thomas Mann!

Umso schärfer der Kontrast zwanzig Jahre später. Tagebucheintrag vom 20. Oktober 1937: „N.[Nietzsche] über die Deutschen: ‚Ein Volk, das sich der Intelligenz eines Luther unterordnet!‘ – Nein Hitler ist kein Zufall, kein illegitimes Unglück, keine Entgleisung. Von ihm fällt ‚Licht‘ auf Luther zurück, und man muss diesen weitgehend in ihm wiedererkennen. Er ist ein echtes deutsches Phänomen.“ Von Hitler fällt ein „Licht“ auf Luther zurück? Ja, in Adolf Hitler muss man Luther „weitgehend wiedererkennen“? Was ist passiert, dass Thomas Mann auf einmal solche Linien ausziehen kann?

Schonungslose Bilanz

Passiert ist – knapp gesagt – im Vergleich zu 1918 die Verfallenheit des deutschen Volkes nicht nur an den reichsdeutschen Nationalstolz, sondern an einen demagogischen Verführer, rücksichtslosen Diktator und mörderischen Rassisten vom Schlage Adolf Hitlers. 1937 sind er und Seinesgleichen in Deutschland schon vier Jahre an der Macht. In dieser Zeit werden deutsche Bürger jüdischer Herkunft systematisch mit Hasskampagnen überzogen, entrechtet und aus Deutschland herausgedrängt, herrscht Terror gegen Andersdenkende, werden demokratische Parteien verboten, ungezählte Intellektuelle, Künstler und Wissenschaftler außer Landes getrieben, darunter Thomas Mann. Der Hass auf all die, die ihm das angetan haben, sitzt tief in Thomas Mann. 1937 lebt er noch im Exil in der Schweiz, und die Frage ist brennender denn je: Wie war das möglich, dass ein Volk von Kultur und Niveau einem solchen verbrecherischen Scharlatan hatte folgen können?

Martin Luther ist von der Nazi-Propaganda und den Deutschen Christen schamlos ausgenutzt worden. Luther ist zum Urbild des „heldischen arischen Menschen“ und als gewaltiger deutscher Streiter gegen „undeutsches Wesen“ geworden, vor allem aber zum Kronzeugen des Antisemitismus mit seinem vor allem in den Spätschriften zutage tretenden vernichtenden Judenhass. Dass man Hitler in Luther „weitgehend wiedererkennen“ könne, diese Beobachtung ist keine Erfindung von Thomas Mann. Luther und Hitler wurden verstanden als die Retter und Führer aus deutscher Not, beide von Gott gesandt, um dem deutschen Volk wieder eine Seele zu geben.

Als alles vorbei ist, zieht Thomas Mann schonungslos Bilanz und versucht erneut, den Ursachen der deutschen Katastrophe nachzugehen. Literarisch führt das 1944/45 zu einem doppelten Ergebnis: zu einem in seiner diagnostischen Schärfe beispiellosen Vortrag über „Deutschland und die Deutschen“ und zu einem neuen großen Roman, „Doktor Faustus“, der 1947 erscheint, ein Roman über einen Komponisten, der um der Schaffung genialer Kunstwerke willen einen Pakt mit dem Teufel eingeht und der für Thomas Mann gerade so zu einer Symbolfigur des deutschen Charakters und Schicksals geworden ist.

Der Mensch in seinem Größenwahn im Pakt mit dem Teufel: in der deutschen Kultur steht dafür die Figur des Dr. Faust. Unser „größtes Gedicht“, schreibt Thomas Mann, Goethes „Faust“, hat nicht zufällig zum Helden den Menschen, „der sich aus vermessenem Erkenntnistriebe der Magie, dem Teufel ergibt“. Und haben die Deutschen nicht genau diese faustische Fratze in den Jahren des Faschismus sichtbar gemacht? Für Thomas Mann besteht kein Zweifel: Es gibt „eine geheime Verbindung des deutschen Gemütes mit dem Dämonischen“. Und „wo der Hochmut des Intellektes sich mit seelischer Altertümlichkeit und Gebundenheit gattet, da ist der Teufel“! Thomas Mann wörtlich: „Und der Teufel, Luthers Teufel, Faustens Teufel, will mir als eine sehr deutsche Figur erscheinen, das Bündnis mit ihm, die Teufelsverschreibung, um unter Drangabe des Seelenheils für eine Frist alle Schätze und Macht der Welt zu gewinnen, als etwas dem deutschen Wesen eigentümlich Naheliegendes.“

Aber das einzige, was Thomas Mann an der klassischen Figur fehlt, ist die Tatsache, dass Faust nicht Musiker war. Die Musik sei das eigentliche „dämonische Gebiet“, Kalkül und Rausch zugleich. Soll Faust „der Repräsentant der deutschen Seele sein, so müsste er musikalisch sein; denn abstrakt und mystisch, i.e. musikalisch ist das Verhältnis des Deutschen zur Welt, – das Verhältnis eines dämonisch angehauchten Professors, ungeschickt und dabei von dem hochmütigen Bewusstsein bestimmt, der Welt an ‚Tiefe“ überlegen zu sein.“

Damit gerät Martin Luther ins Visier von Thomas Mann, genauer: das nationalistisch-faschistische Luther-Bild, die Luther-Funktionalisierung für ein angebliches „deutsches Wesen“. Entsprechend ist Martin Luther in Thomas Manns Augen „eine riesenhafte Inkarnation deutschen Wesens“ und nicht zufällig „außerordentlich musikalisch“, folglich eine typisch deutsche Verschmelzung von Grobheit und Zartheit, von äußerer Kraft und gefühlvoller Innerlichkeit.

Dass das deutsche Volk sich dem Hitlerregime derart fügen konnte, hat in Manns Lesart jetzt mit einer durch die lutherische Zwei-Reiche-Lehre gestärkten Untertanengesinnung zu tun, die Widerstand gegen eine legitimierte Obrigkeit ausschloss: „Seine antipolitische Devotheit, dies Produkt musikalisch-deutscher Innerlichkeit und Unweltlichkeit, hat nicht nur für die Jahrhunderte die unterwürfige Haltung der Deutschen vor den Fürsten und aller staatlichen Obrigkeit geprägt; sie hat nicht nur den deutschen Dualismus von kühnster Spekulation und politischer Unmündigkeit teils begünstigt und teils geschaffen. Sie ist vor allem repräsentativ auf eine monumentale und trotzige Weise für das kerndeutsche Auseinanderfallen von nationalem Impuls und dem Ideal politischer Freiheit. Denn die Reformation, wie später die Erhebung gegen Napoleon, war eine nationalistische Freiheitsbewegung.“

„Luthers Hochzeit“

Aber fertig mit Luther und seinen Wirkungen auf das deutsche Volk ist Thomas Mann noch lange nicht. Im Gegenteil. Es ist, als hätte die kritische Distanz, zu der er sich unter dem Eindruck faschistischer Lutherrezeption gedrängt sieht, sein Interesse für die Geschichte der Reformation eher noch verstärkt. 1952 ist er fast 80 Jahre alt, hat noch drei Jahre zu leben, bis er im August 1955 stirbt. Er will mehr, er will Präziseres wissen, plant Erzählungen zur Gestalt des Dichters Ulrich von Hutten (1488–1523), der im Bauernkrieg sein Schicksal fand, und zu Erasmus von Rotterdam (1466–1536), dem größten Humanisten seiner Zeit und Zeitgenossen Luthers, der mit seinem „dritten Weg“: Reform der Kirche ohne Reformation, Kirchenkritik oder Kirchenspaltung zwischen Rom und Wittenberg zerrieben worden war. Stefan Zweigs Buch „Triumpf und Tragik des Erasmus von Rotterdam“ von 1934 hatte Thomas Mann gelesen, dann auch Biographien und Briefe dieses großen Gelehrten, mehr denn je auf der Seite des auf Ausgleich der Gegensätze bedachten Erasmus und nicht auf Seiten Luthers. Neuerscheinungen zur Reformationsgeschichte werden von Thomas Mann noch bis in die letzten Monate seines Lebens hinein studiert.

Ein literarisches Projekt aber gewinnt genauere Konturen: eine Arbeit direkt zu Martin Luther. Auch dafür betreibt Thomas Mann wie üblich ausführliche Studien, liest Werke von Luther und über Luther. Leider haben wir von der geplanten Dichtung weder eine einzige ausgearbeitete Zeile noch auch nur den Umriss einer Fabel. Was Thomas Mann uns hinterlassen hat, sind kurze Tagebucheinträge sowie 47 Oktavseiten handschriftlicher Exzerpte aus Quellen- und Sekundärliteratur. Fest aber stehen immerhin drei Dinge: 1. der Titel der geplanten Dichtung: Er sollte „Luthers Hochzeit“ lauten, 2. die Gattung: Geplant ist ein Drama und 3. der theatralische Charakter des Stücks: Es sollte ein „aufführbares Stück“ werden, ein Stück für die Bühne also, kein reines Lesedrama, wobei der Verfasser wohl an eine Komödie gedacht hat.

Seltsam zu denken: Wir hätten als letztes Werk Thomas Manns eine Komödie unter dem Titel „Luthers Hochzeit“. Ob er in diesem Stück seinem bisherigen Luther-Bild andere oder gar neue Aspekte abgewonnen hätte? Wir wissen es nicht. Auch nicht, ob der Dichter jetzt stärker auf die Inhalte von Luthers Theologie eingegangen wäre als in den bisherigen Stellungnahmen. Dass er den Schwerpunkt allerdings auf dieses dramatische Detail in Luthers Leben setzen wollte, den kühnen Doppelentschluss, als ehemaliger Mönch sich aus biblischen Gründen nicht mehr an das Zölibatsversprechen gebunden zu fühlen und eine ehemalige Nonne, Katharina von Bora, zu heiraten, lässt zumindest unterstellen, dass Thomas Mann bestimmte bisher nur skizzenhaft angedeutete Komplexe der Vita Luthers hatte vertiefen wollen: die Rolle der Frau etwa und der Geschlechtlichkeit allgemein, der Ehe, die Beziehung der Geschlechter und der Generationen. Und damit der ganze Komplex von Gnade und Welt, von Geistigkeit und Sinnlichkeit.

Karl-Josef Kuschel

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