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Religion und Helfen
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Wer sozial oder diakonisch handelt, macht Erfahrungen von Selbsttranszendenz, die auch in religiöser Hinsicht gedeutet werden können.

Die Diakonie hat in der Wahrnehmung der deutschen Öffentlichkeit einen festen Platz als evangelisch geprägte Einrichtung der „Freien Wohlfahrtspflege“ und Stütze des Sozialstaates. Doch damit ist die Diakonie nicht allein. In der deutschen Gesellschaft gibt es neben der Diakonie verschiedene Anbieter sozialer Arbeit, von denen viele auch ohne religiöse Begründung auskommen. Sie leisten einen genauso guten und wertvollen Beitrag für die Gesellschaft. Was unterscheidet die Diakonie von ihnen? Und worin liegt überhaupt das Religiöse an der Diakonie? Der Marburger Praktische Theologe Tobias Braune-Krickau geht diesen Fragen aus theologischer und sozialphilosophischer Perspektive nach.

Zu Beginn des Buches macht Braune-Krickau eine „Säkularisierung des Helfens“ aus. Es hat ein historischer Wandel stattgefunden, der eine Unterscheidung zwischen religiöser und nicht-religiöser sozialer Arbeit schwierig macht: Helfen braucht keine Religion. Darum verwendet er zur Bestimmung der modernen Idee des Helfens konsequenterweise zunächst auch keinen religiösen Terminus. Vielmehr bietet sich der Begriff „Anerkennung“ als „Schlüsselthema für jede Form moderner sozialer Hilfeleistung“ und als Leitbegriff des ersten Hauptteils an. Dabei lehnt Braune-Krickau sich an die Sozialphilosophie Axel Honneths an, die ihre Wurzeln im Denken Hegels hat. Anerkennung wird hier als eine Form intersubjektiver Akzeptanz und Zuwendung verstanden. Erst durch solche „Verhältnisse wechselseitiger Anerkennung“ gelangen Menschen auch für sich zu einem positiven Selbstverständnis. Dies birgt zugleich eine politische Dimension: Anerkennung ist die Voraussetzung von Freiheit und Garant eines sozial-gerechten Gemeinwesens. Was die soziale Arbeit und mit ihr die Diakonie tut, lässt sich vor diesem Hintergrund als „Praxis der Anerkennung“ begreifen. Sie möchte Anerkennungsverhältnisse fördern und schaffen, um individuelle Freiheit unter sozialen Bedingungen zu ermöglichen.

Bis hierher hat die Religion kaum eine Rolle gespielt. Die gestiegene Relevanz des Anerkennungsthemas ist selbst schon Ausdruck der Säkularisierung des Helfens. Was ist nun aber mit der Diakonie? Wo es um Anerkennung geht, da geht es auch um Grundthemen des menschlichen Lebens. Und wer anderen hilft, der begegnet diesen Themen auf besonders dichte und prägnante Weise. Tobias Braune-Krickau spielt das im zweiten Hauptteil an den Erfahrungen von Leiden, Lieben, Handeln und Hoffen durch. Dabei zeigt sich: Genau diese Erfahrungen machen das Helfen noch heute so eigentümlich religionsaffin, selbst wenn seine äußere Form säkular bleibt. Wer sozial oder diakonisch handelt, macht Erfahrungen von Selbsttrans-zendenz, die auch in religiöser Hinsicht gedeutet werden können. Diakonie wird deshalb als „prägnanter Ort religiöser Erfahrung“ verstanden.

Die Pointe dieses Ansatzes liegt darin, dass der Autor so nicht nur das Verhältnis zwischen diakonischem und säkularem Helfen bestimmt. Er hebt damit zugleich die konstitutive Bedeutung der Diakonie für das Christentum im Ganzen hervor: Die Diakonie ist eine nicht zu ersetzende Sphäre der christlichen Religion, eine „eigene religiöse Vollzugsform“. Ohne die Diakonie würde dem Christentum ein wesentlicher Erfahrungsort fehlen. Es braucht Diakonie, um seiner selbst willen. Tobias Braune-Krickau hat mit diesem gut lesbaren und stilistisch eleganten Werk eine herausragende theologische Arbeit vorgelegt, die im Gespräch mit der gegenwärtigen Sozialphilosophie auf der Höhe ihrer Zeit ist. Die Lektüre ist nicht nur für Interessierte der Diakoniewissenschaften, sondern insbesondere auch aus gesamttheologischer Perspektive ein Gewinn.

Gregor Bloch

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Foto: Mario Brink

Gregor Bloch

Gregor Bloch ist Pfarrer und theologischer Mitarbeiter des Evangelischen Bundes Westfalen und Lippe. Er wohnt in Detmold.


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