Mit allen Sinnen

Kirchenräume werden wie literarische Texte gelesen
Foto: Rolf Zöllner
Foto: Rolf Zöllner
In seiner Doktorarbeit beschäftigte sich Clemens Bethge mit der Beziehung von Kirchen und ihren Nutzern. Und er ist überzeugt, dass seine Erkenntnisse auch beim Neubau von Kirchen oder dem Umgang mit ihnen von Nutzen sind. Der 38-Jährige ist theologischer Referent des Berliner Propstes.

Konfirmiert wurde ich in der Stuttgarter Johanneskirche, die 1865 bis 1876 als erster Kirchenbau nach der Reformation errichtet worden war. Auch wenn sie im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt wurde, ist die Schönheit des Baues noch zu erkennen, der im Stil der französischen Hochgotik auf einer Halbinsel im Feuersee erbaut wurde.

Theologisch beschäftigte ich mich mit Kirchenräumen zum ersten Mal, als ich an der Universität Tübingen ein praktisch-theologisches Seminar für Studierende der Theologie und der Architektur besuchte. Spannend empfand ich dabei den Rollenwechsel, den wir vornahmen: Ich musste eine Autobahnkirche entwerfen und mich in der Arena der angehenden Architekten behaupten, während einer von ihnen eine Predigt halten musste - und zwar von der Kanzel, eine Position, an die er sich erst einmal gewöhnen musste.

Mit der Vorstellung, dass Kirchen „heilige Räume“ sind, tun sich evangelische Theologen aus guten Gründen schwer. Schließlich gibt es für die reformatorische Theologie keine Trennung von sakral und profan. Gleichzeitig ist aber zu beobachten, dass Kirchengebäude Menschen anziehen, auch solche, die keiner Kirche angehören oder sich gar als unreligiös verstehen und bezeichnen. Das zeigen Kirchen, die Touristenmagnete sind, wie die Dresdner Frauenkirche, der Kölner Dom und das Ulmer Münster, und kleinere Kirchen, die täglich geöffnet sind. Die Zahl derer, die einen Kirchenraum besichtigen, übertrifft jedenfalls bei weitem die Zahl der Gottesdienstbesucher.

In meiner praktisch-theologischen Arbeit, mit der ich von der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen zum Doktor der Theologie promoviert wurde, wollte ich der Frage nachgehen, was geschieht, wenn Menschen eine Kirche besuchen und sich in ihr bewegen.

Die Arbeit trägt den Titel „Kirchenraum. Eine raumtheoretische Konzeptualisierung der Wirkungsästhetik“. „Ästhetik“ ist hier nicht im landläufigen Sinn als Schönheit verstanden. Es geht vielmehr um die sinnliche Wahrnehmung. Dazu gehört nicht nur das, was das Auge sieht, sondern auch was das Ohr hört, die Nase riecht, Finger ertasten und der Körper fühlt, wenn man sich durch den Kirchenraum bewegt. Die Nutzerin deutet und interpretiert mit allen ihren Sinnen die verschiedenen Aspekte einer Kirche, die Atmosphäre, die Architektur, die Kunstwerke, die Raumgliederung, die Bestuhlung und Anordnung der Sitze.

Die Beobachtung, dass Kirchenräume sinnlich wahrgenommen werden, ist aus zwei Gründen wichtig: Zum einen ist die Ästhetisierung, die Betonung des Körpers und seiner Sinne, neben der Individualisierung ein Kennzeichen unserer Zeit. Und zum anderen tut sich die evangelische Theologie mit sinnlicher Leiblichkeit traditionell schwer.

Der Kirchenraum erschließt sich demjenigen, der ihn als Besucher nutzt, als Tourist oder bei der Feier eines Gottesdienstes, wie ein literarischer Text dem Leser. Zu dieser Einsicht hat mir die Beschäftigung mit dem vor zehn Jahren verstorbenen Konstanzer Anglisten und Literaturwissenschaftler Wolfgang Iser verholfen. Er wies darauf hin, dass ein literarischer Text seine Wirkung entfaltet, wenn er gelesen wird. Die Lektüre verändert sozusagen den Text, erweckt ihn eigentlich erst zum Leben, weil jeder Leser seine Erfahrungen und Erwartungen, seine individuelle Prägung und Assoziationen in den Text einträgt. Und ähnlich verhält es sich, wenn die Nutzerin mit allen ihren Sinnen den Kirchenraum liest und dies vor dem Hintergrund ihrer je besonderen biographischen und kulturellen Prägung. Kirchenräume sind also Texte, die geschrieben und gelesen werden und an denen weitergeschrieben wird. Man kann auch sagen: Zwischen dem Raum und seinem Nutzer findet ein nonverbaler Dialog statt, der beide verändert.

Wer „heilige Räume“ aus guten theologischen Gründen ablehnt, steht in der Gefahr, das spirituelle Potenzial zu übersehen, das Kirchenräume für viele Zeitgenossen besitzen. Sie können dazu beitragen, dass jemand seine Lebensgeschichte in einem neuen Licht sieht oder sich eine Perspektive eröffnet, die darüber hinausweist. Das geschieht zum Beispiel, wenn der Besucherin einer mittelalterlichen Kirche beim Anblick eines Totentanzes die eigene Sterblichkeit bewusst wird und sie wahrnimmt, dass der Tod der große Gleichmacher ist, der Papst, Regierende, Kaufleute und Bettler betrifft.

Der Kirchenraum ist ein „heiliger Raum“, wenn er als solcher erfahren wird, wenn der Besucher eine ästhetische Erfahrung macht, die er als religiös empfindet oder auch bezeichnet. Aber wie ein literarischer Text missverstanden werden kann, weil der Leser zum Beispiel bestimmte Anspielungen nicht versteht, kann auch der Text eines Kirchenraumes missverstanden werden, weil der Nutzer nicht einordnen kann, was er mit seinen Sinnen wahrnimmt. Deswegen sind Lektürehilfen sinnvoll, Broschüren, Führungen oder Aufsichtspersonen, die in die Geschichte der Kirche einführen, auf Besonderheiten der Architektur hinweisen und diese erklären. Hier gewinnt die Kirchenpädagogik an Bedeutung. Und last not least kann das, was im Gottesdienst geschieht, die Wahrnehmung des Kirchenraumes erleichtern und vertiefen.

So theoretisch die Überlegungen auch klingen mögen, die ich in meiner Doktorarbeit angestellt habe, so sehr haben sie praktische Folgen für das, was beim Neubau von Kirchen, dem Umgang mit bestehenden oder deren Umgestaltung zu beachten ist: Architekten und Bauherren sollten bedenken, dass der Kirchenraum, den sie errichten oder umgestalten, wie gesagt ein Text ist, in dem sich christliches Selbst- und Weltzeugnis vermittelt, den die Nutzerin wahrnimmt und in den sie ihre religiösen Gefühle einbringt und durch den sie ihr Leben deutet. Wenn eine Kirche neu gebaut oder umgestaltet wird, sollten Nutzer beteiligt werden. Denn Kirchengebäude können religiöse Selbstdeutungsprozesse des Einzelnen anregen, zur Sinnsuche und Sinnvergewisserung beitragen, indem sie alle Sinne ansprechen. Und einen Bogen zur christlichen Überlieferung schlagen Gegenstände wie Kreuz, Kanzel, Altar und Taufstein oder Gemälde und Glasfenster, die biblische Geschichten darstellen.

In einer Zeit, die nach wie vor von der Individualisierung und Ästhetisierung der Lebens- und Alltagsvollzüge geprägt ist, in der nicht wenige Angebote der Kirche in ihrer institutionalisierten Form eine zunehmende Distanzierung und Marginalisierung, ihre Gebäude aber großen, ja wachsenden Zuspruch erfahren, liegt es auf der Hand, dass den Kirchbauten große und in Zukunft noch größere Bedeutung für die Kirche zukommt.

Natürlich bedeutet die Instandhaltung oder gar der Neubau von Kirchen eine große finanzielle Herausforderung angesichts des Rückgangs der kirchlichen Einnahmen, der in den kommenden Jahren nicht zuletzt wegen des demographischen Wandels zu erwarten ist. Aber es wäre schon viel gewonnen, wenn Kirchengemeinden mit ihren Kirchen pfleglich umgehen und darauf achten, dass sie nicht zu Rumpelkammern verkommen, in denen Reinigungsgeräte herumstehen oder andere Gegenstände einfach abgelegt werden. Denn auch Kirchen sind ein „Schatz in irdenen Gefäßen“.

Aufgezeichnet von Jürgen Wandel

Zum vorangegangenen Teil der Serie

Clemens Bethge

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