Verstummte Worte

Punktum
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Es ereignete sich auf der Rückfahrt aus einem milden Frühsommerwochenende. Das Getreide stand schon recht hoch, da zeigte am Rande eines Maisfeldes ein schwarzer Keiler seinen massigen Körper. Aus der sicheren Entfernung im Auto entfuhr mir: „Das ist aber ein Kawenzmann.“ „Ach wie nett, das Wort hat mein Vater immer benutzt, und ich habe es schon Jahrzehnte nicht mehr gehört“, kommentierte meine Freundin am Steuer. Nun kommt sie aus der Lausitz im äußersten Nordosten, ich hingegen aus dem Nordwesten Deutschlands. Doch der Kawenzmann war uns gesamtdeutsch geläufig, ist also keine regionale sprachliche Eigenart.

Wie kommt es, dass gewisse Wörter aus unserem Wortschatz verschwinden, fragten wir uns? Und rasch warfen wir uns Wörter an den Kopf, die wir noch aus unserer Kindheit kannten, die mittlerweile aber kein Mensch mehr gebraucht: So rief meine Mutter immer, wenn alle abfahrbereit an der Tür standen: „Sind alle geschniegelt und geputzt?“ Und wenn wir meine Mutter piesacken wollten, brauchten wir nur zu fragen, wo denn der Ratzefummel sei. Gebetsmühlenartig wiederholte sie, dass es Radiergummi heiße. Wenn zuhause erzählt wurde, dass sich jemand von Luft und Liebe ernährte, wussten alle, dass er recht mager sei.

Meine Freundin berichtete von Mademoiselle etepetete, so wurde sie genannt, wenn sie etwas mäkelig war. Und sie fragte sich, ob es heute noch so heißt, wenn jemand das Bett hütet.

Eines meiner Lieblingsworte von früher kam wieder in den Sinn: blümerant. Wie lange hatte ich dieses Wort nicht mehr gebraucht. Es hatte zwar einen melodischen Klang, wurde jedoch immer bei undefinierbaren Düften benutzt oder wenn es einem schwindelig oder elend war. Ursprünglich bezeichnet das wohlklingende französische Wort eine Farbe, bleu morante, wörtlich: sterbens blau. Und ist doch eigentlich eine Modefarbe, ein bestimmtes, mattes blau. Doch sahen wir wahrscheinlich so aus, wenn uns blümerant war.

Im Büro, so erwähnte meine Freundin, fiel kürzlich das Wort Flegel für einen anderen Kollegen. Ja, das Wort kannte ich noch gut für einen, der sich ungezogen benimmt. Aber wer kennt heute noch ungezogen? Außer meiner Mutter, die sich mit dem Benutzen des Wortes blöd schwertut und in deren aktivem Wortschatz der Idiot nicht vorkommt. Dann schon eher schnöselig.

Dass kein junger Mensch mehr das Wort Wählscheibe kennt, nur wenige noch wissen, was ein Bandsalat bedeutet oder wie eine Trockenhaube funktioniert, das verwundert mich nicht. Denn diese Dinge haben sich aus unserer Alltagskultur verabschiedet. Still und heimlich ist entschwunden, was uns früher einmal allgegenwärtig war. Nicht selten ist es auch ein S tück Leben, das damit verknüpft ist.

Kathrin Jütte

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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