Glaube der Tat

Klartext
Foto: privat
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Die Gedanken zu den Sonntagspredigten im August und September stammen von Thomas Zeitler. Er ist Pfarrer in Nürnberg.

Neue Herausforderung

9. Sonntag nach Trinitatis, 13. August

Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel. (Matthäus 7,21)

Erstaunlich, wie ein sehr klarer Bibeltext im Laufe seiner Auslegungsgeschichte ins komplette Gegenteil verkehrt werden kann. Alle Kirchgängerinnen und Kirchgänger haben die Geschichte vom klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute und nicht auf Sand, so dass es einem Starkregen Stand hielt, als Choralzeile im Ohr: „Wer nur den lieben Gott lässt walten/und hoffet auf Ihn allezeit,/den wird er wunderbar erhalten/in aller Not und Traurigkeit./Wer Gott dem Allerhöchsten traut,/der hat auf keinen Sand gebaut.“

Das ist gut lutherisch gedacht. Denn der Glaube und das Gottvertrauen allein, dichtete Georg Neumark um 1641, tragen durch alle Stürme des Lebens.

Nur war mit dieser Einsicht oft ein passives Sich-Ergeben und Abwarten als Frömmigkeit verbunden. Wir sollen das Unsere zwar treu verrichten, aber retten kann allein Gott. Wie anders spricht da Jesus im Matthäusevangelium: Er fordert einen Glauben der Tat, nicht der innerlichen oder äußeren Lippenbekenntnisse. Dabei sind diese Taten keine spektakulären Wunderwerke. Sein Haus auf Fels gründen, kann nur heißen, nach Gottes Willen und Gesetz zu leben. Der Glaube lässt sich also nicht gegen die Werke der Gerechtigkeit ausspielen. Angesichts der von Menschen verantworteten Stürme und Gefahren wäre es geradezu fahrlässig, still abzuwarten und nicht nach Lebensweisen zu suchen, die ein stabiles Fundament bilden, ökologisch und sozial nachhaltig sind.

Im Jahr des Reformationsjubiläums wird viel an die heilsame Unterscheidung von Glauben und Werken erinnert, die Luther eingeführt hat. Aber wir werden weniger denn je auf weltrettende (nicht seelenrettende) gute Werke verzichten können. Das ist vielleicht die neue reformatorische Herausforderung unserer Epochenwende: das Himmelreich nicht mehr aufzuteilen in ein Hier und Drüben oder ein Jetzt und Danach, ein Innen und Außen. Nein: Wir sind befreit zur Mitarbeit im Hier und Jetzt. Damit die Fluten uns nicht ersäufen.

Ohne Hierarchie

10. Sonntag nach Trinitatis (Israelsonntag), 20. August

Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. (2. Mose 19,6)

Besuch einer Delegation aus der englisch-anglikanischen Partnerdiözese unseres Kirchenkreises. Bei der Vorstellungsrunde sagt ein junger Engländer: „I am a priest!“ Und eine lutherische Pfarrerin fragt: „Sind Sie katholisch?“ und meint: „Ich habe gedacht, dass hier nur Anglikaner sind!“ Darauf antwortet der englische Kollege, etwas erstaunt-verschnupft: „Oh no! I am not a Catholic! I am High Church!“ Übersetzt: Ich bin nicht römisch-, sondern anglokatholisch, sprich: gehöre zum hochkirchlichen Flügel der Kirche von England.

Kaum ein deutscher evangelischer Geistlicher würde sich selbst als Priester bezeichnen. Ist es nicht genau dieses Rollenverständnis von Pfarrern, das in der Reformation abgelegt und überwunden wurde? Dass einige wenige, durch die Weihe, einen privilegierten oder exklusiven Zugang zu Gott haben, das Recht das Allerheiligste zu betreten.

Martin Luther hat 1520 in der Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation“ festgestellt: „Was aus der Taufe gekrochen ist, das mag sich rühmen, dass es schon Priester, Bischof und Papst geweiht sei, obwohl es nicht jedem ziemt, dieses Amt auch auszuüben.“ Vor Gott stehen Christen im geistlichen Sinn also auf einer Stufe. Da gibt es kein higher oder lower.

Und wenn ein Bischof ein Amtskreuz tragen darf, dürfen das eigentlich alle anderen auch. Oder keiner. Das hat der Leipziger Praktische Theologe Alexander Deeg in zz 07/2017 gefordert.

Die Rede vom allgemeinen Priestertum ist der demokratisierende Kerngedanke schlechthin. Deshalb könnte im Prinzip Jede und Jeder aus der Mitte der Gemeinde ins Pfarramt gewählt werden, Männer und Frauen gleichermaßen.

Und alle bekommen das Recht, aus ihrem priesterlichen Gewissen und ihrer Kompetenz kritisch zu dem Stellung zu beziehen, was Amtsträger und Kirchenleitungen öffentlich tun. Aber vor allem: Um Menschen im Gebet vor Gott zu bringen oder sie zu trösten und zu segnen, brauchen die Getauften keine professionellen Mittler.

An jedem Ort, nicht nur am Heiligtum, kann der hohe-ferne Gott den Menschen niedrig-nah kommen. Weil er sie alle in seinem Bund erwählt hat. Dem Bund mit dem Volk Israel. Daran ist gerade am Israelsonntag zu erinnern.

Dritte Chance

11. Sonntag nach Trinitatis, 27. August

Denn Johannes kam zu euch undwies euch den Weg der Gerechtigkeit, und ihr glaubtet ihm nicht; aber die Zöllner und Huren glaubten ihm. Und obwohl ihr‘s saht, reute es euch nicht, sodass ihr ihm danach geglaubt hättet. (Matthäus 21,32)

Jesus macht sich bei den Pharisäern wieder einmal unbeliebt. Ihnen, die sich mit einem strengen frommen Lebenswandel ganz in Treue und Gehorsam zu Gottes Willen wähnen, stellt er den Abschaum und die Außenseiter der Gesellschaft, die Zöllner und Huren, als bessere Gefolgsleute Gottes vor. Ja, Jesus zwingt die Pharisäer mit einem Gleichnis, zuzugeben, dass die anderen, diejenigen, die sie verachten, die eigentlichen Gotteskinder sind.

Jesus macht sich hier zum Anwalt all derer in Religion und Gesellschaft, die nicht zu den blinden Jasagern gehören. Die die göttlichen Erwartungen nicht formal erfüllen oder sie nur als reine Lippenbekenntnisse vor sich hertragen, und dann, insgeheim, wenn niemand zusieht, ganz anderen Regeln folgen, dem Eigennutz, dem Ansehen in der Gesellschaft oder der Bequemlichkeit.

Jesus schaut schlicht auf das, was am Ende wirklich getan wird, egal was versprochen, angekündigt oder zuerst verweigert worden ist.

Dabei ärgert sich Jesus besonders über die doppelte Unbußfertigkeit der Pharisäer. Hatten sie doch eine zweifache Chance ihre Füße auf den Weg der Gerechtigkeit zu lenken, durch Johannes, den vorweggesandten Boten, und durch die Beobachtung, dass Ausgeschlossene und Verachtete zur Umkehr fähig sind. Eigentlich erstaunlich, dass Jesus sich die Mühe macht, den Pharisäern ihr Verhalten so deutlich zu spiegeln. Ob er ihnen eine dritte Chance zur Umkehr bieten möchte?

Ruf zur Vernunft

12. Sonntag nach Trinitatis, 3. September

Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen. (Jesaja 29,24)

Drei Wochen vor der Bundestagswahl dürfte der Wahlkampf an diesem Sonntag in vollem Gange sein. Es ist die Zeit, in der von den Bühnen auf den großen Plätzen blühende Landschaften vor Augen gemalt und versprochen werden. In Wahlkampfzeiten werden aber auch die Stimmen laut, die sich von der Politik nichts mehr erhoffen. Von den etablierten Eliten, die ja doch nur ihre Stellung sichern wollen, die das Unheil der Welt zu verantworten haben, die Gesetze stets zum eigenen Vorteil machen und denen der einfache Mann und die einfache Frau doch letztlich Schnuppe sind. Belogen und verspottet. So tönen die Frustrierten. Die Resignierten. Die Nichtwähler. Und so sprechen auch die Populisten, die sich anbieten, die Eliten zu ersetzen.

Wie kann eine Kirche, können Christinnen und Christen zwischen Wahlkampfrhetorik und Demagogie sich Gehör verschaffen und etwas Eigenes beitragen, wenn um die Zukunft unseres Landes gerungen wird?

Jesaja bringt es zusammen: die Vision einer lebensfreundlichen, freien und gerechten Gesellschaft und eine ungeschminkte Kritik an Zuständen und Machtverhältnissen, die sich ändern müssen. Als Werk Gottes und nicht der Menschen allein. Mit dieser Begrenzung nimmt er nichts von seinen klaren Forderungen zurück. Aber er entlastet auch die Sphäre des Politischen von Versprechen, die nicht gehalten werden können - und zugleich von einer Politikverachtung, die die Grenzen menschlichen Handelns nicht sehen will. Mit Phantasie und Versachlichung ruft er zur Vernunft. Gegen die Verwirrtheit in den Köpfen. Und gegen das ewige Murren und Verstocktsein. Für ein klar denkendes, zukunftsfrohes Volk.

Wilder Haufen

13. Sonntag nach Trinitatis, 10. September

Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter. (Markus 3,35)

Wer darf eigentlich in unserer Gesellschaft definieren, was unter Ehe und Familie heutzutage zu verstehen ist? Diese Frage beschäftigte Ende Juni die Mitglieder des Bundestags, als es schnell und unerwartet zur Abstimmung über die Öffnung der Ehe für lesbische und schwule Paare gekommen war. Sind es die Väter und Mütter des Grundgesetzes? Die Verfassungsrichter? Der Gesetzgeber? Die christlich-abendländische Tradition? Die Kirchen?

Wäre Jesus an diesem Tag auf der Besuchertribüne gesessen, zum Beispiel neben Ulli Köppe, dessen Frage die Kanzlerin zu der unvorsichtigen Aussage bewogen hatte, die Ehe für alle müsse wohl eher als Gewissensfrage behandelt werden, er dürfte über manchen Debattenbeitrag sanft gelächelt haben. Dass die heterosexuelle Ehe der einzige Ort sei, an dem Kinder ordentlich geboren und aufgezogen werden können. Oder dass die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare die konservativen Werte stärke und nicht schwäche.

Jesus hatte sich ja für ein ganz anderes Lebensmodell entschieden, quer zu allen Vorgaben, die Biologie und Kultur nahezulegen scheinen. Jesus stellte sich eine Wahlfamilie zusammen.

Oder genauer: Er hatte entdeckt, dass ihm diejenigen Menschen am nächsten sind, die - wie er - Gott als ihren Vater ehren und lieben und seinen Willen tun. Das verbindet mehr als alle Bluts- und Ehebande.

Für diese Familie Gottes ließen die Jünger alles hinter sich, auch ihre Eltern und Ehegatten. Ein wilder Haufen aus Gotteskindern. Liebevoll, achtsam, in Sorge umeinander. So wie es in jeder Ehe oder Familie auch zugehen sollte, welche Geschlechter da auch immer versammelt sind.

Thomas Zeitler

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Foto: Garnet Köning

Thomas Zeitler

Thomas Zeitler arbeitet in Nürnberg in der Basisgemeinde Lorenzer Laden, der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) und an der Kulturkirche St. Egidien.


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