Nachdenklich

Über Hochaltrigkeit
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Ein zum Nachdenken anregendes Buch zu einem immer bedeutsamer werdenden Thema.

Wir werden immer älter.“ Dies ist eine der Erkenntnisse des Diskurses um den demographischen Wandel. Während einerseits weniger Geburten verzeichnet werden, leben die Menschen immer länger. Dies ist nicht nur eine gesellschaftspolitische Herausforderung, sondern bedarf auch der philosophischen Reflexion. Denn es stellt sich die Frage, wie das Altern in einer älter werdenden Gesellschaft zu deuten sei. Der Schweizer Theologe und Gerontologe Heinz Rüegger geht dem in seinem neuen Buch nach.

In den ersten Kapiteln klärt Rüegger die begrifflichen Voraussetzungen. Dabei behandelt er vor allem das Phänomen der Hochaltrigkeit. Diese letzte Lebensphase, die mit 80 Jahren einsetzt, betrachtet Rüegger als eine „zivilisatorische Errungenschaft“. Zugleich stellt er fest, dass der Prozess des Alterns in der Öffentlichkeit ambivalent betrachtet werde. Zum einen werde ein langes Leben angestrebt, zum anderen jedoch das Ziel ewiger Jugend vertreten: „Anvisiert wird das Ideal eines hohen Alters ohne Altern“. Das birgt das Problem, die Hochaltrigkeit wegen der mit ihr assoziierten Schwierigkeiten zu diskreditieren. Dies wirft die zentrale Frage auf, welchen Sinn das hohe Alter für Menschen und Gesellschaft hat.

Die Suche nach dem Sinn des Lebens stellt für Rüegger eine anthropologische Grundprämisse dar: Der Mensch ist ein „sinnbedürftiges Wesen“. Insbesondere in Krisensituationen und mit zunehmendem Alter hat diese Thematik eine hohe Relevanz. Genuin religiös ist die Sinnfrage für Rüegger jedoch nicht. Sie wird vom Menschen auf die eigene irdische Existenz, nicht auf Gott oder das Jenseits hin gestellt. Die Sinnfindung vollzieht sich für Rüegger durch die Selbstdeutung des Menschen im Angesicht des eigenen Lebens. Im hohen Alter ist dies „Chance und Aufgabe“ zugleich. Das Älterwerden sei allerdings zu akzeptieren: der „Anti-Aging“-Wahn sei in eine „Pro-Aging“-Haltung umzuwandeln.

Die Sinnfrage wird folglich von jedem Menschen individuell beantwortet. Rüegger vermeidet es deshalb, eine alleinige Konzeption der Sinnfindung festzuschreiben. In den folgenden Kapiteln stellt er vielmehr unterschiedliche Optionen vor. Neben der Möglichkeit, das Leben im Angesicht der eigenen Biographie zu deuten, demonstriert er, dass auch das Glück im gegenwärtigen Alltag sinnstiftend sein kann. Ferner führt er „spezifische Chancen“ für die Sinnfindung im hohen Alter an. Darunter versteht er das Ausschöpfen der guten Seiten dieser Lebensphase wie die eigene Lebenserfahrung weiterzugeben. Das Loslassen wertet er ebenfalls als Chance, zum Beispiel dann, wenn notwendige Hilfeleistungen anderer Menschen wohlwollend zugelassen werden.

Welche Rolle hat nun die Religion für die Sinnfindung? Rüegger gesteht dem Glauben an Gott oder der Ewigkeit eine helfende Funktion zu. Die Gewähr für eine gelungene Beantwortung der Sinnfrage bietet Religion jedoch nicht. Sie ist lediglich eine Option.

In seinem letzten Kapitel verweist Rüegger auf den Sinn der Hochaltrigkeit für die Gesellschaft. Er plädiert dafür, die demographischen Veränderungen nicht zu bedauern, sondern sie positiv anzunehmen. Mit der Hochaltrigkeit werden Perspektiven erschlossen, die für eine Gesellschaft hilfreich sein können, zum Beispiel die „Erinnerung an die Selbstzwecklichkeit des Seins“. Das Phänomen Hochaltrigkeit birgt deshalb ein korrektives Potenzial für eine humane Gesellschaft in sich.

Heinz Rüegger hat ein zum Nachdenken anregendes Buch zu einem immer bedeutsamer werdenden Thema vorgelegt. Seine ausgewogenen Überlegungen, vor allem im Hinblick auf die Religion, tragen zur Akzeptanz seiner Ausführungen bei. Die Lektüre dieses gut zu lesenden Werks sei deshalb empfohlen.

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Gregor Bloch

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Foto: Mario Brink

Gregor Bloch

Gregor Bloch ist Pfarrer und theologischer Mitarbeiter des Evangelischen Bundes Westfalen und Lippe. Er wohnt in Detmold.


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