Unvereinbare Überzeugungen

Eine rheinische Kirchengemeinde wehrt sich gegen einen Presbyter, der für die AfD kandidiert
Wohnhaus des umstrittenen Kirchenvorstehers Hartmut Beucker nach dem Farbanschlag am 18. Januar. Foto: privat
Wohnhaus des umstrittenen Kirchenvorstehers Hartmut Beucker nach dem Farbanschlag am 18. Januar. Foto: privat
Weil ein Kirchengemeinderat bei den Landtagswahlen im Mai für die AfD kandidiert und trotz Aufforderung das Leitungsgremium der Gemeinde nicht verlassen wollte, traten alle anderen Mitglieder des Presbyteriums einer Wuppertaler Kirchengemeinde zurück. Nun herrscht große Aufregung. Der Bonner Journalist Wolfgang Thielmann schildert die Hintergründe einer verfahrenen Situation.

Hartmut Beucker sitzt im Café Moritz am Alten Markt in Barmen. Alle paar Minuten rumpelt gegenüber die Schwebebahn hoch über den Köpfen in die Station; wer hat ihr bloß diesen unpassenden Namen gegeben? Ein paar Minuten von hier, in der Zwinglistraße, liegt die Gemarker Kirche. Dort wurde 1934 die Barmer Theologische Erklärung verabschiedet. Wegen dieses Bekenntnisses wird am Alten Markt in wenigen Tagen der blaugrüne Lastwagen haltmachen, den die evangelischen Kirchen zum 500. Jubiläum der Reformation auf einen Weg durch ganz Europa geschickt haben. Und wegen der Erklärung gehört Wuppertal zu den „Reformationsstädten Europas“.

Beucker war bis Januar Presbyter in der Evangelischen Südstadtgemeinde Elberfeld. Und er engagiert sich in der AfD. Das lasse sich mit ihrem Verständnis der Barmer Erklärung nicht vereinbaren, haben ihm die anderen Mitglieder des Presbyteriums gesagt. Der Vorwurf wiegt schwer. Mit den fünf Thesen des Papiers von 1934 wehrte sich die Bekennende Kirche im „Dritten Reich“ dagegen, dass der Protestantismus von den Nazis vereinnahmt wurde. Die Kritik lautet: Beucker mache sich mit Leuten gemein, deren Überzeugungen nicht mit denen der evangelischen Kirche vereinbar sind. Weil er nicht zurücktreten wollte, hat es das übrige Presbyterium getan und damit eine Krise in der Gemeinde ausgelöst.

Hartmut Beucker ist in seiner Gemeinde verwurzelt, die sich südlich des Hauptbahnhofs über die Elberfelder Südhöhen erstreckt. Drei Generationen lang engagieren sich die Beuckers mittlerweile in der Kirche. Sein Großonkel und sein Vater waren schon Presbyter an der Christuskirche mit ihrer Zwiebelspitze auf dem Turm und den Glocken aus der Entstehungszeit, die zu den schönsten in Deutschland zählen – ein Musikdenkmal erster Güte, sagen Glockenenxperten. Vor Jahren hat Beucker ein Weihnachtsspiel neu ins Leben gerufen. Seine Tochter machte im vergangenen Jahr mit.

Zwölf Jahre saß er im Presbyterium. 2016 ist er der AfD beigetreten. „Da habe ich eine politische Heimat gefunden“, sagt er. „Nicht ohne Kritik.“ Dann wurde er zum stellvertretenden Kreisvorsitzenden der Partei gewählt und ließ sich für die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen aufstellen. Als Direktkandidiat im Wahlkreis Wuppertal II, mitten in seiner Gemeinde, „ohne Aussicht auf einen Sitz im Landtag“, sagt er. Seit er Funktionär ist, muss er sich anhören, dass sich seine Parteizugehörigkeit mit der Barmer Erklärung reibt. Nicht nur die Kirche hat sich von ihm abgewandt. Auch bei der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) musste er wegen der AfD sein Amt als Justitiar im Landesverband Nord-rhein aufgeben. Beucker ist Anwalt.

Begibt er sich in die Nähe von rechtsextremen Positionen? Der Verdacht verletzt ihn. Schon lange steht er der Wirtschaftspolitik der Regierung kritisch gegenüber. Bereits als Hochschulassistent habe er gegen die Einführung des Euro protestiert. „Und ist es rechtsradikal, die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung zu kritisieren?“, fragt Beucker. Das Flüchtlingsproblem gab für ihn den Ausschlag, in die AfD einzutreten. Doch er hat mitbeschlossen, dass die Kirchengemeinde Wohnungen für Flüchtlinge mietet. „Natürlich muss man Menschen in Not beistehen“, sagt er. „Doch man braucht eine unkontrollierte Grenzöffnung nicht gut zu finden.“ Der thüringische AfD-Chef Björn Höcke sieht durch den „massenhaften Zuzug“ von Ausländern das Ende Deutschlands drohen. AfD-Größen wollen Flüchtlingen das Leben in Deutschland möglichst schwer machen: Wenig Geld, wenig Chancen, kein Familiennachzug. Das wird man von Beucker nicht hören. „Höcke“, sagt er, „das ist nur einer. Die SPD hat ja auch Ralf Stegner.“ Er steht hinter dem Parteiprogramm. Auch das lässt zwar keine Sympathie für Flüchtlinge erkennen, aber es formuliert sachlicher. Radikale Stimmen sind für Beucker „die Gärungen einer jungen Partei“. Das werde sich klären. Wenn er von seiner Kirchengemeinde spricht, klingt Bitterkeit mit: „Man hat viel über mich gesprochen und wenig mit mir.“ Er fragt sich, wie die Stimmung sich so plötzlich gegen ihn wenden konnte. „Ich bin kein anderer Mensch geworden“, sagt er. „Meine Überzeugung war bekannt.“

Neue Wahl organisieren

„Manchmal haben wir schon vorher kontrovers diskutiert“, sagt dagegen Christoph Voigt. Bis zum Rücktritt des Presbyteriums haben mehrere mit Beucker gesprochen, er selbst war darunter, Pfarrerin Angelika van der List und auch Superintendentin Ilka Federschmidt. Voigt ist Radiologe. Er saß mit Beucker im Presbyterium. Jetzt gehört er zu den Bevollmächtigten, die die Gemeinde einstweilen leiten und eine neue Wahl organisieren sollen. Die letzte liegt erst ein knappes Jahr zurück. In der Südstadt wurde gar nicht gewählt, wie an vielen Orten. Denn Presbyter zu gewinnen wird immer schwerer. Deshalb kandidierten für 15 Plätze nur 15 Bewerber. Treten nicht mehr an, als Plätze zu besetzen sind, gelten die Kandidaten als gewählt. Beucker übernahm den stellvertretenden Vorsitz. Dann wurde Elke Schwarzlos, die Vorsitzende, krank. Und Beucker leitete die Sitzungen. Ende des vergangenen Jahres schlug die Nachricht von seinem AfD-Mandat ein wie eine Bombe.

In einer Erklärung beklagten sich die Presbyter über den „erlebten Widerspruch zwischen den Glaubensüberzeugungen der Mehrheit des Presbyteriums einerseits und der Kandidatur von Presbyter Dr. Beucker für ein Landtagsmandat der AfD andererseits“. Ging es gar nicht so sehr um Beuckers persönliche Meinung? „Wir wollten keine Repräsentanz der Partei im Presbyterium“, antwortet Voigt. Beucker selbst, das sagt auch Voigt, sei kein Scharfmacher: „Er hat sich schon auch distanziert von diffamierenden Äußerungen mancher AfD-Funktionäre.“ Aber Voigt will ihm die Berufung auf das Parteiprogramm nicht ganz abnehmen. „Er sieht doch, welche Folgerungen andere daraus ziehen.“ Beucker sei auch selber Funktionär: „Er muss sich auch die Äußerungen seiner Kollegen zurechnen lassen.“ Es gehe nicht, dass andere Parteifunktionäre gegen Muslime hetzen, dass ihnen zu Flüchtlingen nichts einfällt als Misstrauen, Kontrolle und eine Einschränkung des Asylrechts, denn das widerspreche der Überzeugung der Gemeindeleitung. Und ein Funktionär sei politisch dafür mitverantwortlich, auch wenn er persönlich anderer Meinung sei. „Herr Beucker hat einfach nicht verstanden“, sagt Voigt. Ilka Federschmidt, die Superintendentin des Kirchenkreises, stellt sich hinter ihn: „Ich kann nicht trennen zwischen einer Meinung und dem öffentlichen Bild einer Partei.“

Was davon verstößt gegen die Barmer Erklärung? „Es ist dieses deutsche Chris-tentum, das in der Luft liegt“, sagt Ilka Federschmidt. Die evangelischen Nazis nannten sich „Deutsche Christen“. Federschmidt spielt auf die „deutsche Leitkultur“ im Grundsatzprogramm der AfD an, zu dessen Wurzeln das Christentum gehören soll. „Nein“, widerspricht sie, und für die freundlich argumentierende Frau klingt das heftig, „das Christentum ist kein Lieferant für deutsche Leitkultur. Wir lassen uns von keiner Partei sagen, was christlich ist.“ Das bestimme sich allein von Christus aus. Dabei zitiert sie die erste These der Barmer Erklärung: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“ Und sie setzt hinzu: „Ein Amt in dieser Partei, die am rechten Rand fischt, ist unvereinbar mit einem Amt in der Kirche.“

Ursprünglich hatte das Presbyterium von Beucker nur verlangt, den stellvertretenden Vorsitz abzugeben. Und davon hat er sich überzeugen lassen, „nach einer Grillstunde“, sagt er. „Mit unwürdigen Kämpfen um Termine.“ Die Umstände haben ihn verletzt. Am Totensonntag wurden die Namen der Verstorbenen vorgelesen, darunter auch der seines Vaters. Doch am Anfang des Gottesdienstes, sagt Beucker, musste er sich die erste Distanzierung des Presbyteriums gegen ihn anhören, die ebenfalls vorgetragen wurde.

Dann kam Heiligabend. Beucker, nun einfaches Mitglied des Presbyteriums, trug in der Christvesper mit einer Kollegin die Weihnachtsgeschichte vor. Das hat die Sache neu aufgerissen. „Ihm fehlte die Sensibilität, dass das einfach nicht ging“, kritisiert Voigt. Am 9. Januar tritt das Presbyterium zusammen. Der „Fall Beucker“ steht wieder auf der Tagesordnung. Er selber kann nicht teilnehmen. Eine Tischvorlage fordert: Er soll bis zum 20. Januar zurücktreten. Wenn nicht, würden die anderen ihr Amt aufgeben. Beucker sagt, er habe den Brief erst am 18. Januar erhalten. „Aber er konnte sich ausrechnen, dass der Brief kommen würde, und auch, was im Brief stand“, hält Voigt dagegen.

In der Nacht zum 19. Januar sprühen Unbekannte an sein Wohnhaus: „Beucker=AfD-Rassist“ und schleudern Beutel mit grauer und weißer Farbe an die Fassade und an ein Fenster. Ein Glas zersplittert. „Leuten wie Beucker wollen wir deutlich machen, dass sie auch zu Hause keine Ruhe haben, so lange sie sich in der AfD betätigen“, heißt es tags darauf auf der Internetseite von „Indymedia linksunten“, einer Organisation, der man eine Verankerung im linksextremen Spektrum nachsagt.

In einem Offenen Brief auf der Homepage der AfD klagt Beucker die Täter an: Hinter dem Glas hätte ein Kind schlafen können. „Sind Sie so verroht, so ohne Mitleid, ohne Rücksicht?“ Und er berichtet über die Solidarität seiner Gemeinde, auch wenn sie ihm politisch widerspricht. Superintendantin Ilka Federschmidt schrieb ihm sofort, und verurteilte den Anschlag. Sie sei fair, sagt Beucker, auch wenn sie seine Meinung nicht teile.

Als er am 20. Januar überlegt, wie er die Farbe vom Haus abwaschen will, läuft die Frist ab. Die ersten treten schon zurück. Das wundert Beucker im Nachhinein. „So groß war der Druck“, sagt Voigt. Mit dem Rücktritt aller am 27. Februar ist auch sein Kirchenamt hinfällig geworden. Nur die Pfarrerinen Christina Falkenroth und Angelika van der List sowie ihr Kollege Gerson Monhof können nicht zurücktreten. Denn sie gehören durch ihr Amt der Gemeindeleitung automatisch an. Aber sie haben den Schritt des Presbyteriums mitgetragen. Und auch andere, zum Beispiel Michael Voss. Er ist Prädikant und leitet die Evangelische Allianz in Wuppertal, das Netzwerk evangelikaler Protestanten.

Natürlich hat das Presbyterium die Gemeinde informiert. Und nach allem, was man sehen kann, sagt Voigt, stehe die Gemeinde hinter den Zurückgetretenen. Ihm bleibt in Erinnerung, wie eine 94-jährige Frau in einer Gemeindeversammlung aufstand und sich für den Schritt bedankte. Sie hat aus der Zeit des beginnenden Dritten Reichs erzählt. Wie die „Deutschen Christen“ ganz allmählich in der Kirche vordrangen. Und ihre Gegner lange sagten, man müsse argumentieren. 1934, mit der Barmer Erklärung sei es fast schon zu spät gewesen, denn die Einheit der Kirche sei daran zerbrochen.

In neun bis zwölf Monaten, so hoffen die Bevollmächtigten, tritt ein neu gewähltes Presbyterium an. Dazu muss wirklich gewählt werden. Wird Beucker eine Kampfkandidatur versuchen? Nein, winkt er ab. „Das wäre des Amtes unwürdig.

Wolfgang Thielmann

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