Erträglicher Mittelweg

Klartext
Die Gedanken zu den Sonntagspredigten im September und Oktober stammen von Traugott Schächtele. Er ist Prälat in Schwetzingen.

Freier Wille

14. Sonntag nach Trinitatis, 17. September

Und es kam zu Jesus ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, dann kannst du mich reinigen. (Markus 1,40)

Da findet sich ein Beitrag zur Debatte über den freien Willen, wo man ihn gar nicht vermutet hätte: in einer neutestamentlichen Heilungsgeschichte. Dass ein kranker Mensch gesund werden will, liegt eigentlich auf der Hand. „Ich will gesund werden.“ Das wäre die normale, angemessene Reaktion. Stattdessen sagt der Aussätzige zu Jesus: „Willst du, dann kannst du mich gesund machen.“ Mein Heilwerden als Wahlmöglichkeit eines anderen? Ich stelle mir das in einer Arztpraxis vor: „Wenn Sie wollen, Herr Doktor, können Sie mich gesund machen.“ Und ob der Arzt dann will, hängt vielleicht vor allem von meiner Krankenversicherung ab.

In der Erzählung, die heute ausgelegt wird, wird die Heilung, die die Menschlichkeit gebietet, nicht erzwungen, herbeigeredet oder durch Annehmlichkeiten erschlichen. Die Reaktion wäre dann doch nur eine paternalistische Guttat. Oder sie entspränge einfach einer Laune. Aber der von Aussatz befallene Mann wählt einen anderen Weg. Er legt seine Heilung in die Verantwortlichkeit eines anderen, allerdings von jemand, dem er die rechte Entscheidung zutraut.

Die Voraussetzung eines solchen Vorgehens ist natürlich ein abgrundtiefes Vertrauen. Und dieses zahlt sich auch aus. Jesu antwortet lapidar: „Ich will’s! Sei jetzt gesund!“ Dieser Antwort entnehme ich eine doppelte Entlastung. Zum einen: Ich kann mich also entscheiden, ob jetzt der rechte Moment gekommen ist, dass ich aktiv werde, um an der Verbesserung, Rettung und Heilung der Welt mitzuwirken.

Ich muss also nicht alles, was mir möglich ist, zu jeder Zeit und an jedem Ort tun. Es muss sinnvoll ein, lass ich will. Zum anderen: Es zeigt Größe, wenn man das, von dem man meint, dass es jetzt dran ist, in die Verantwortung eines anderen legt. Insofern ist der konditionale, an die Bedingung des Wollens geknüpfte Satz des Aussätzigen „Willst du? Dann kannst du!“ eine Form des Bekenntnisses und legt die Transparenz Jesu auf Gott hin offen. Gott muss sich nicht zu meinen Gunsten entscheiden. Aber alle Erfahrung, meine und derer, die vor mir geglaubt haben, lehrt mich: Gott wird es tun. Er hat einen freien Willen längst an seine Menschenfreundlichkeit gebunden. Darauf verlässt sich der Aussätzige in unserer Geschichte. Und darauf können auch wir uns verlassen.

Einigermaßen heil

15. Sonntag nach Trinitatis, 24. September

Das sprach Petrus: Siehe, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind dir nachgefolgt. (Lukas 18,28–30)

Eine Feststellung im Ton des Vorwurfs mitten in einer schweren Krise geäußert: „Ich habe dich großgezogen. Und jetzt kümmerst du dich nicht um mich.“ So eine alte Mutter an ihren Sohn. „Ich habe dir beruflich immer den Rücken freigehalten und auf meine Karriere verzichtet. Und jetzt lässt du mich einfach sitzen.“ Anzeichen einer Beziehung im Auflösungsmodus. Sehr viel anders klingt das bei Petrus auch nicht. Ein erfolgsverwöhnter Mensch hatte sich an Jesus gewandt: „Für dieses Leben habe ich ausgesorgt. Religion ist wichtig in meinem Leben. Reicht das aus, damit es mir auch nach meinem Tod gut geht?“ Und Jesus beraubt ihn seiner Illusion. „Dein Wohlstand steht dir im Weg. Er kostet dich zu viel an Energie. Du verlässt dich auf deine eigene Sicherheit und nicht auf Gott.“

Der Mann sei enttäuscht davongegangen, berichtet der Evangelist Lukas. Und jetzt will Petrus es genau wissen. Jetzt legt er Jesus die Bilanz seines bisherigen Lebens vor: „Wir haben doch getan, was du diesem geraten hast. Wir haben unseren Besitz und unsere Sicherheit drangegeben. Wir haben uns von unseren Familien verabschiedet. Wir sind tagtäglich mit dir unterwegs.“ Was er nicht sagt und nicht fragt, liegt auf der Hand. „Reicht das denn für uns aus, für immer zu den Guten zu gehören? In diesem Leben und im Leben danach?“

Die Antwort Jesu ist von einer Klarheit, die wir im reichen Norden dieser Erdkugel gerne relativieren und spiritualisieren. Petrus bekommt Recht. Zumindest, was die Logik seiner Frage angeht. Aber die Logik seines Verhaltens wird später ein Hahn auf den Prüfstand stellen. „Was ihr hier aufgebt, werdet ihr vielfach zurückbekommen. Was ihr hier nicht loslassen könnt, steht euch im Weg, wenn’s auf die Reise geht, auf die ihr nichts mitnehmen könnt als leere Hände voller Gottvertrauen.“ Es ist nicht weit zu Martin Luthers Feststellung im Großen Katechismus: „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott!“ Es ist ohnedies nicht schwierig, den Satz zu verstehen, weder in der Version Jesu noch in der von Luther. Schwierigkeiten bereitet allenfalls die Frage, wie wir auf der reichen Halbkugel dieser Erde davonkommen. Immobilien machen immobil, heißt es schön kritisch im Blick auf vielfachen Wohlstand. Aber dass wir uns alle wie Petrus und die anderen Jünger aus unseren Familien davonstehlen, ist auch keine Lösung. Unsere Lebensaufgabe ist vielmehr die Suche nach einem erträglichen Mittelweg, erträglich für Gott und für die Habenichtse dieser Erde. Es wird nicht ausreichen, wenn wir Gott wie Petrus mit unserer Zwischenbilanz herausfordern. Aber dies könnte ausreichen, Beispiel gebend zu wirken und das Leben einigermaßen heil davonzubringen.

Notdürftig geflickt

16. Sonntag nach Trinitatis (Erntedank), 1. Oktober

Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: „Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne.“ (Jesaja 58,12)

Mit Unzufriedenheit kennen wir uns aus, der eigenen und der von anderen. Die Welt ist eben nicht so, dass wir uns zufrieden zurücklehnen können. Und auch nicht so, dass wir den Kopf in den Sand stecken, unseren Routinen folgen und Gewohnheiten nachgehen können, auch nicht gepflegter religious correctness. Fasten ist keine Möglichkeit, wenn die anderen hungern. Dann werden Alternativen aufgezählt, die mich an das Engagement vieler Kirchengemeinden erinnern, als täglich tausende Flüchtlinge zu uns kamen: „Brich den Hungrigen dein Brot! Die ohne Obdach sind, führe ins Haus. Denen, die nackt sind, gib Kleidung!“ Wo dieses Programm umgesetzt wird, ist Gott mittendrin.

Da wird die Welt schön. Schön sind auch die Namen, die Gott den Ehrenamtlichen in der Bibel gibt, denen, die aus der Gefangenschaft in Babylon nach Jerusalem zurückkehren. Sie sind die, „die die Lücken zumauern und die Wege ausbessern“. Natürlich geht es hier um das zerstörte und darniederliegende Jerusalem. Die heilige Stadt muss wieder aufgebaut werden. Und natürlich steht das Bild der Schutzmauer für die Armen im Gegensatz zu den Schutzmauern, mit denen sich Europa vor den Fliehenden in Sicherheit bringt. Es gibt eben heilige und unheilige Mauern.

Ein anderer Aspekt dieses Bildes erscheint mir genauso wichtig. Lücken und Wege werden notdürftig geflickt und wieder nutz- und gangbar gemacht. Perfektion ist beim rechten Engagement also nicht gefragt. Die Schönheit liegt gerade im der Nichtverworfenheit des Gebrochenen und dem provisorisch tauglich Gemachten. Hier liegt auch die andere Brücke zu Erntedank. Den Hungernden zu essen geben, ist das eine. Aber dankbar auch für die Ästhetik des Unfertigen sein, für den Nutzen des sonst Ausgemusterten und die Anfälligkeit des Lebens, ist das andere. Leben im notdürftig lebenstauglich gemachten Umfeld ist viel mehr, als viele andere haben. Daran muss immer wieder neu erinnert werden.

Paradoxer Glaube

17. Sonntag nach Trinitatis, 8. Oktober

Einer aus der Menge antwortete: „Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist…“ Jesus sprach zu dem Vater des Kindes: Du sagst (zu mir): „Wenn du kannst!“ Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Sogleich schrie der Vater: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben…“ Jesus ergriff den Knaben bei der Hand und richtete ihn auf, und er stand auf. (Markus 9,17+23–24+27)

Der Vater äußert einen Satz, der in seiner Paradoxie wie das sokratische Bekenntnis „ich weiß, dass ich nichts weiß!“ klingt. Das Bekenntnis zum Glauben, verbunden mit dem Eingeständnis des Unglaubens. Glaube und Unglaube sind eben wie zwei Geschwister. Sie kommen voneinander nicht los: Wer den Glauben hat, bekommt den Unglauben dazu. Oder mit Worten Martin Luthers: Wo Gott ein Haus baut, baut der Teufel gleich eines daneben. Der Vater des Jungen, der an einer Krankheit mit Kontrollverlust leidet, sieht in Jesus die letzte Chance, dass sein Sohn wieder gesund wird. Die Jünger haben vor der Herausforderung bereits kapituliert. Aber Jesus bringt den Glauben als therapeutische Option ins Spiel: „Wenn du mit den Möglichkeiten des Glaubens rechnest, ist alles möglich!“

Und wenn Jesus das sagt, wie wollte der Mann widersprechen. Sein Herz lässt sich von den Möglichkeiten des Glaubens beflügeln. Aber sein Verstand weiß zugleich, dass das nicht gehen kann. So ist seine Antwort zumindest ehrlich. Jesus schenkt dem Sohn die Gesundheit. Der Glauben Jesu war wohl groß genug. Und der Glaube des Vaters zumindest realistisch. Ein Kennzeichen dessen, was wir Glaube nennen, ist es aber gerade, dass der Realismus im Leben nicht immer die Oberhand behalten muss. Ja, der Glaube hebelt den Realismus aus. Aber in unserer Zeit steht der Glaube in Konkurrenz zu einer rational-aufgeklärten Weltsicht. Und das könnte ein Grund dafür sein, dass die großen Wachstumsraten des Christentums auf anderen Kontinenten eingefahren werden. Aber ich kann meine Prägung nicht aufgeben und wie ein Hemd wechseln. So fühle ich mich in der Gesellschaft des paradox ungläubig glaubenden Vaters gut aufgehoben. Und am Ende wurde seinem Sorgen ja auch abgeholfen. Mehr braucht’s ohnehin nicht!

Traugott Schächtele

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