Das Kleingeld gespart

Punktum
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Nimmt die deutsche Sparquote heute weltweit einen Spitzenplatz ein, weil uns das Sparen auf Heller und Pfennig in der Kindheit eingeimpft wurde?

Nein, einen Sparstrumpf, wie ihn jetzt die Werbung der Genossenschaftsbanken präsentiert, den habe ich nie besessen. Aber ich erinnere mich noch gut an die Plüschtiere, Spardosen, Buntstifte und Spiele, die wir als Kinder Ende Oktober am Weltspartag bekamen. Da wurden sämtliche Sparschweine geschlachtet und alles Kleingeld, das uns Onkel, Tanten und Großeltern das Jahr über hineingeworfen hatten, in die Sparkasse getragen. Der Mann hinter dem Schalter hielt meistens ein buntes Spielzeug bereit, schob die Münzen in seine Zählmaschine und trug den Betrag feierlich in mein rotes Sparbuch ein. Ich wusste, dass er das Geld sicher für mich aufbewahrte und es auf der Bank in guten Händen war. So spielte das Sparen eine bedeutsame Rolle in meiner Kindheit, und wir Geschwister wetteiferten, wer am meisten zur Sparkasse bringen konnte.

Zum Umgang mit dem Geld gehörten auch freundliche Ermahnungen, dass nicht alles verjubelt werden darf. „Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not“, die Großeltern hatten immer einen Satz parat. So lernten wir, dass bei größeren Wünschen, für die das Taschengeld nicht reichte, nur das eine half: sparen.

Nimmt die deutsche Sparquote heute weltweit einen Spitzenplatz ein, weil uns das Sparen auf Heller und Pfennig in der Kindheit eingeimpft wurde? Dass es bei uns als kultureller Wert, als Tugend gar gehandelt wird? Ganz anders als bei einigen europäischen Nachbarn! Nur bösartige Zungen behaupten, dass uns die Ikone Sparschein zum Volk der Schnäppchenjäger und Smartshopper gemacht hat, das den Diskontismus über die Welt bringt.

Von der neuen GroKo jedenfalls kann man das so nicht behaupten. Da sitzt das Geld lockerer, wenn man einer Stimme glauben wollte. Mit der GroKo würde der Wohnungsmangel bekämpft, weil man zwei Millionen Euro in den sozialen Wohnungsbau pumpen würde. Gemurmel im Festsaal. „Ach ja“, korrigiert sich die Sprecherin, „falsch. Zwei Milliarden, nicht zwei Millionen.“ So jedenfalls wird im Spiegel die designierte spd-Parteivorsitzende in Schwerte bei den Genossen zitiert. Aber kein Problem, das kann der Innenminister mit seinem Ressort Heimat ganz sicher wieder reinholen. Er muss nur ein paar Fördermillionen für strukturschwache Landstriche locker machen, um sich dafür ein paar Unzufriedene von der AfD zurückzuholen.

Schon wird gerüttelt an Martin Luthers „Wer den Pfennig nicht achtet, der wird keines Guldens Herr“. Wird seine These zukünftig elementar in ihren Grundfesten erschüttert? In den Euroländern Belgien, Irland, Finnland und den Niederlanden wird jedenfalls versucht, mit großzügigen Aufrundungsregelungen den Kupfermünzen den Garaus zu machen. In europäischen Visionen ist für Erbsenzähler kein Platz. Wir sparen uns einfach das ganze Kleingeld.

Kathrin Jütte

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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