Gott am Ende

Die Kunst zu sterben
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Glaube, so sagt die literarische Figur Gott, ist ein denkendes Herz, das sich nicht verengt, sondern so stark weitet, damit er, Gott, Wohnung darin nehmen kann.

Sibylle Knauss schreibt nie Selbstbespiegelungsliteratur, häufig greift sie Themen auf, vor denen ihre Kolleginnen und Kollegen eher zurückschrecken. In diesem kleinen Lebensroman wählt sie die Todeserfahrung. Bekanntlich kneift auch die Theologie gerne, wenn es um letzte Fragen geht: Die Lehre von den letzten Dingen, die Eschatologie, ist häufig theologisches Souterrain, ein Kellerverlies und Endlager für theologische Feigheit. Knauss rettet sich auch nicht mit einem kleinen Twist in die Gattung der Totengespräche, um durch den geliehenen Mund der Toten den Lebenden halbernste Ratschläge zu geben, nein, Knauss lässt Gott selbst am Totenbett auftreten. Und der nimmt kein Blatt vor den Mund, charakterisiert hübsch ironisch die Ehe für die meisten Menschen als sexuelle babylonische Gefangenschaft, macht sich lustig über die Vorstellung von Ewigkeit als Seelenparty, stellt klar, dass die Rechtgläubigen ihn nicht interessieren. Es ist ein Gespräch beinahe auf Augenhöhe, denn derjenige, der wie ein Käfer auf dem Rücken im Sterben liegt, ist ein Pfarrer, der im schönsten Augenblick, mitten im Liebesakt, abberufen wurde. Er ist eigentlich klinisch tot, wacht aber nach drei Tagen nochmals auf, trifft final auf seine Kinder und seine Geliebte – und er trifft final auf Gott.

Neben Germanistik und Anglistik hat Sibylle Knauss auch Evangelische Theologie studiert, unterrichtete als Professorin Drehbuchdramaturgie an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg, wurde bekannt durch den Bestseller Evas Cousine. Knauss ist selbstredend prädestiniert dafür, die literarischen Qualitäten biblischer Literatur zu entschlüsseln. Die Geschichte über Jesus und die Ehebrecherin nennt sie: „Großes, ganz großes Drehbuch! Ein paar Fetzen Shakespeare können sich mit diesem Satz aus dem Textbuch der Menschheit messen.“

Drehbuchautor ist auch Gott selbst, ist er es doch gewesen, der dem gierigen, süchtigen Raucher eine Lungenembolie schickte: „Jede Sünde wurzelt in der Gier nach mehr.“ Der Protagonist lebt seitdem zehn Jahre auf Probe, er kann nicht mehr rauchen und unterlässt auch seine Wutausbrüche – erst jetzt gelingt ihm, „was Gott von ihm verlangte, das Tier in sich zu bändigen, das er ihm von Jugend an als Gefährten gegeben hat“. Und jetzt erst ist er aufmerksam für andere und lernt noch zwei Mal die Liebe kennen.

An fehlender Selbstbeherrschung und mangelnder Sensibilität, genau an jenen zwei Tugenden, die das Ethos eines sozialen und christlichen Lebens ausmachen, ist dieser Pastor bisher gescheitert. Er brach mit drakonischen Strafen den Willen seiner Kinder und schlug am Ende seine Frau, die die Scheidung wollte. Privat ein Tyrann, in der Gemeinde hoch beliebt. Auf dem Rücken liegend, kaum sprachfähig, bleiben ihm die späte Freundlichkeit und das Begreifen, diese Lust des Theologen, dem religiösen Sinn zu folgen, im Versuch, dasjenige, was größer ist als wir, in Worte zu fassen. „Seine religiöse Muttersprache ist das Christsein. Sein Dialekt ist evangelisch.“ Und doch antwortet Gott im Finale auf die Frage, ob er seine bei einem Autounfall gestorbene Freundin wieder sehen wird: „Kann man so schwer von Begriff sein? ‚Dort‘ geschieht nichts. Ist nichts geschehen. Gibt es nichts zu erfahren.“ Glaube, so sagt die literarische Figur Gott, ist ein denkendes Herz, das sich nicht verengt, sondern so stark weitet, damit er, Gott, Wohnung darin nehmen kann. Die ganze Evolution diente nur dieser Einwohnung. Um Vergebung zu erfahren, muss das Herz bis zum Anschlag geöffnet werden. Aber, so tröstet dieser Gott, auch dabei sei er behilflich.

Kann Literatur trösten? Aber sicher. Sibylle Knauss gelingt in ihrem dramaturgisch klug gebauten Lebensroman das Kunststück, ein im besten Sinne gutes offenes Ende zu umspielen und in die Lebenskunst des Alltags einzuüben.

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