Anregend

Eine Begegnung mit Oberlin
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Ein anregendes Buch beschreibt die Begegnung eines Theologen des 21. Jahrhunderts mit Johann Friedrich Oberlin (1740–1826).

Dieses sehr stilsicher geschriebene Buch trägt den Untertitel „Eine Begegnung“. Das ist es tatsächlich: die Begegnung eines Theologen des 21. Jahrhunderts mit Johann Friedrich Oberlin (1740–1826), dem durch sein soziales Engagement und den Aufenthalt des Dichters Lenz in seinem Hause bekannt gewordenen Pfarrer aus dem kleinen Vogesendorf Waldersbach.

„Papa Oberlin“, wie er gelegentlich auch heute noch genannt wird, gilt vielen als Vorbild eines Pfarrers, der sich nicht nur um das Seelenheil seiner Gemeindeglieder sorgt, sondern auch um deren alltägliches, praktisches Leben. Er trägt zur Verbesserung ihrer materiellen Lage bei. Er vertritt die Ideale der Französischen Revolution, wenigstens am Anfang, er hebt das allgemeine Bildungsniveau seiner Dorfbewohner und versucht, sie durch Unterweisung, Strenge und eigenes Vorbild zu moralisch gefestigten und glaubensgewissen Menschen zu erziehen. Beim Straßenbau arbeitet er selbst mit. „Unbeeindruckt lässt mich dein Lebenswerk nicht“, bekennt Weiß, der heutige Theologe. „Wenn ich heute durch das Tal fahre, auf Straßen, die du begonnen hast, über Brücken, die du hast schlagen lassen – wobei du Schaufel und Hacke auch immer selbst in die Hand nahmst, keine Mühe war dir zu viel –, dann meine ich immer noch etwas davon zu spüren, dass dieses Tal mit seinen kleinen Weilern auf den Hängen und Bergen umher dir ein beachtliches Wohlergehen verdankt... Du hast viel Gutes bewirkt.“

Als ein Mann aus seiner Kirchengemeinde zum Mörder wird, muss Oberlin erkennen, wie zerbrechlich die Moral ist, die er vermittelt und für gefestigt gehalten hat. Zuerst ist vom Nachtheil die Rede, einem mordenden Zauberer, der das Opfer, einen hausierenden Juden, erschlagen habe. Oberlin, dem nachts seine verstorbene Frau und der tote Dichter Lenz leibhaftig erscheinen, muss sich von Lenz sagen lassen, „dass jeder den Nachtheil in sich trägt,... und auch du trägst ihn in dir“. Nachdem er dies gesagt hat, erwartet Lenz „neue Proteste, geistliche Empörung“. Aber Oberlin bleibt still.

Lenz, an dem Oberlin nach Meinung des Erzählers gescheitert ist, weist ihn darauf hin, dass er auch als Volksmissionar, als Gemeindehirte gescheitert sei. „Das ist harte Kost.“

Bis hierhin wird die Auseinandersetzung des Theologen aus dem 21. Jahrhundert, der mit dem Autor nicht gleichgesetzt werden sollte, ihm aber nahe steht, mit seinem älteren Amtsbruder auf hohem Niveau, mit Achtung vor dessen Lebensleistung, mit gründlicher Selbstprüfung, mit schonungsloser Offenlegung eigener Glaubenszweifel und eigenem pastoralen Unvermögen geführt. Als ob der Autor es dem Leser nicht zutraute, aus der Erkenntnis, dass der Nachtheil in jedem von uns existiere, Schlussfolgerungen zu ziehen, weist er ausdrücklich darauf hin, dass ungefähr fünf Kilometer von Waldersbach entfernt von den Nazis ein KZ errichtet wurde. Auch die Erzählung über dieses Konzentrationslager ist inhaltlich und stilistisch ausgezeichnet. Aber der Leser fühlt sich nicht ernst genommen, so als müsste er noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass der Verbrecher in jedem von uns wohnt.

Schade, denn die anschaulich dargestellten Einflüsse Swedenborgs auf Oberlin, die genau behandelten Zusammenhänge zwischen Erschöpfung und Verunsicherung, zwischen Müdigkeit und „unfrommen Zweifeln“, die ganze Art, wie erzählt und gefragt wird, machen das Buch zu einer unterhaltsamen und anregenden Lektüre. Das Nach- und Weiterdenken sollte dem Leser zum Ende hin nicht abgenommen oder in eine allzu enge Richtung geleitet werden.

Jürgen Israel

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