zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Karl Barths Dreieck

Was Charlotte von Kirschbaum für Leben und Werk des Theologen bedeutete

Rolf-Joachim Erler

Karl Barth, einer des bedeutendsten evangelischen Theologen des 20. Jahrhunderts, lebte mit zwei Frauen unter einem Dach. Das Verhältnis zu seiner Mitarbeiterin Charlotte von Kirschbaum beleuchtet der Briefwechsel, der jetzt veröffentlicht wurde. Sein Herausgeber, der Züricher Pfarrer Rolf-Joachim Erler, gibt einen Überblick.

Karl Barth lebte mit zwei Frauen unter einem Dach: Seiner Ehefrau Nelly und seiner Freundin und  Mitarbeiterin Charlotte von Kirschbaum, hier auf dem Bild. (Foto: privat)
Karl Barth lebte mit zwei Frauen unter einem Dach: Seiner Ehefrau Nelly und seiner Freundin und Mitarbeiterin Charlotte von Kirschbaum, hier auf dem Bild. (Foto: privat)

Es geschieht im Sommer des Jahres 1925. Der Theologieprofessor Karl Barth, beinahe 39 Jahre alt und gerade Vater eines fünften Kindes geworden, lernt in Oberrieden am Zürichsee eine Frau näher kennen, die er nicht mehr aus den Augen verlieren wird, Charlotte von Kirschbaum. Die zarte und hübsche Frau hat auf den ersten Blick nichts weiter Auffälliges an sich. Doch sie kann gut zuhören und lernen - schnell lernen.

Aus ihrer Kindheit und Jugendzeit hat Charlotte von Kirschbaum wenige Angaben hinterlassen. Geboren wurde sie als Tochter eines Generals am 25. Juni 1899 in Ingolstadt. In Ulm und Amberg besuchte sie bis 1915 Höhere Töchterschulen und anschließend die "Frauenschule München" mit einer Abteilung für Kindererziehung. Nachdem von Kirschbaums Vater 1916 gefallen war, ­begann für sie ein Weg durch viele Ausbildungsstätten, darunter eine Tätigkeit als Stenotypistin bei einem Rechtsanwalt in München und eine mehrjähri-
ge Schwesternausbildung beim Bayerischen Roten Kreuz. Am 1. Februar 1929 trat sie aus dem Schwesternverband aus, "um sich der Fürsorgetätigkeit zuzuwenden". Und am 21. März 1929 konnte sie schließlich nach dem Ende ihres zweijährigen Besuches der "Sozialen Frauenschule" in München ein Zeugnis mit der Gesamtnote "Hervorragend" (auch im Fach Psychologie) vorweisen.

Ein wichtiger Abschnitt im Leben Charlotte von Kirschbaums war die Zeit in München. Hier traf sie auf einen begeisterten Verehrer Barths, den Theologen Georg Merz, Schriftleiter einer seit 1922 erschienenen Zeitschrift, in welcher neben Barth so alles schrieb, was in der evangelischen Theologie Rang und Namen hatte. Durch Merz erhielt von Kirschbaum Einblicke in die Entwicklung der Theologie nach dem Ersten Weltkrieg. Er war es auch, durch den sie Barth 1922 zum ersten Mal in München, in der Laimer Kirche, gesehen hatte, wie sie in einem Brief später berichtete. 1925 begleitete von Kirschbaum Georg Merz nach Oberrieden bei Zürich zum "Bergli", Barths Feriendomizil. Hier hatte sich seit 1921 ein wachsender Freundschaftskreis entwickelt, dessen geistiger Mittelpunkt Karl Barth geworden war. Möglich gemacht hatten dies das außerordentlich gastfreundliche Besitzerehepaar des Bergli, Rudolf und Gerty Pestalozzi aus Zürich.

Im Sommer 1925 begann auf dem "Bergli" eine lebenslange enge Freundschaft zwischen Charlotte von Kirschbaum und Karl Barth. Die zu dieser Zeit als Krankenschwester in Krefeld tätige "Lollo", wie sie bald im "Bergli" genannt wurde, empfand schnell Zuneigung zu dem Menschen Karl Barth und wachsendes Interesse an seinem Schaffen. Beide entdeckten ihre Liebe, und beide waren fortan in der theologischen Arbeit verbunden. So war Lollo schon im Bergli-Sommer 1929 damit beschäftigt, ständig einen "Zeddelkasten" zu füllen, der ein damals noch ungeahntes Werk vorbereiten half: die später über Jahrzehnte hinweg entstehende zehntausend Seiten umfassende "Kirchliche Dogmatik". Und Lollo, die "kleine, kluge und energische Person", die - wie Barth ihr immer wieder bescheinigen musste - "nichts halb macht", lernte immer mehr, in nur wenigen Jahren Hebräisch, Griechisch, Latein und die theologischen Grundkenntnisse. Und eifrig stenographierte sie mit, was Barth predigte und unzählige Male vortrug.

Doch Karl Barth war ein verheirateter Familienvater. So wurde es nicht gerade einfach, als Charlotte von Kirschbaum am 15. Oktober 1929 in das Haus der Familie Barth in Münster einzog. Karl Barth und Charlotte von Kirschbaum war von vornherein klar, dass zu der Freude an der Arbeit nun eine "von allen dreien zu tragende Traurigkeit" hinzukommen würde. Und auch Gerüchte und Geschwätz blieben nicht aus. Nur wenige Menschen zeigten Verständnis und Mitleid.

Der häusliche Alltag wurde schon angesichts ganz praktischer Probleme nicht selten zum Alptraum: Welche der beiden Frauen empfängt die Gäste des Hauses? Wer holt die Post aus dem Briefkasten? Und wer geht ans Telefon? So war Charlotte von Kirschbaum in den wenigen Stunden und Tagen glücklich, wenn Barths Ehefrau verreist und "alles still und leise" war. Besonders in dieser Zeit und in den Ferien las und schrieb sie. Zusehends füllte sie den Zeddelkasten für die Kirchliche Dogmatik. Aus der Sicht Barths im Jahre 1931 sollte "unsere Dogma­tik" einmal ein "schönes Buch" werden.

Lollo von Kirschbaum bewegte im­mer wieder die Frage, wie es eigentlich weitergehen solle - zu dritt! Denn Barths Ehefrau Nelly hatte ihren Mann, wie sie ihm einmal schrieb, vor allem um seines Glaubens willen lieb gewonnen. Und für den Christen Barth stellte sich immer wieder die Frage nach der Glaubwürdigkeit in seinem Privatleben und in seinem Beruf. Was war zu tun? Der einfachste - nicht selten zwischen allen dreien diskutierte - Weg wäre eine Scheidung gewesen. Doch das wollte niemand. Ebenso lehnten sie den ihnen aus der Kirchengeschichte bekannten Weg ab, ihr "Dreieck" - wie sie es selber nannten - als ein Treiben "wie die Engel" zu verklären und damit zu verschleiern. Hingegen wollten Karl Barth und Charlotte von Kirschbaum "gesund bleiben und sich eingestehen, dass es sich durchaus um die irdische Liebe" zwischen ihnen handele, ohne dabei aufzuhören, "ganz kindlich füreinander zu beten, dass Gott den rechten Weg zeige und führe." Und dieser Weg hieß fortan für beide ein gemeinsames, "strenges Arbeiten" mit einer manchmal auch "humoristischen Seite".

Im Jahr 1933 beginnt in Deutschland der "Kirchenkampf". Karl Barth ist inzwischen Theologieprofessor in Bonn. Er bekommt alle Hände voll zu tun, um mitzuhelfen, die evangelische Kirche vor dem Zugriff des Hitlerregimes zu schützen. Ununterbrochen ist er auf Reisen, führt lange Gespräche und Diskussionen mit Bischöfen und Kirchenleitungen. Und er kämpft. Lollo von Kirschbaum hält ihm den Rücken frei. Sie beantwortet Telefonanrufe und schreibt für Barth Briefe und Karten. Vielen Mitgliedern der Bekennenden Kirche, die beim "nationalen Aufbruch" nicht mitmachen, wird Charlotte von Kirschbaum eine Ansprechpartnerin. Unermüdlich macht sie Barth darauf aufmerksam, wo noch etwas zu tun sei und wo man helfen müsse. Natürlich sehnen sich die beiden gelegentlich nach Ruhe. Doch schnell hatten sie einzusehen, dass sie in ihrer Emsigkeit "vielleicht ein Leben lang nicht ausruhen dürfen".

Im Juli 1935 muss die Familie Deutschland verlassen, nachdem sich Karl Barth geweigert hatte, einen bedingungslosen Beamteneid auf Hitler zu leisten. Er wird von den Nazis in den Ruhestand versetzt und erhält Redeverbot in Deutschland. Gemeinsam mit der Familie Barth zieht Charlotte von Kirschbaum nach Basel, wo Barth - "nur über einen Sonntag arbeitslos" - seine Professorentätigkeit wieder aufnimmt. Umgehend wird auch die ihres Vaterlandes beraubte Charlotte von Kirschbaum wieder tätig. Von ihrer neuen Heimat aus verfolgt sie das Ergehen vieler durch die Nazis bedrängter Menschen. Sie ist beschämt darüber, was "die unsrigen", Deutsche, anständigen Menschen antun können.

Während sich Barth auf einer Vortragsreise in England aufhält und dort mit führenden Vertretern der anglikanischen Kirche zusammentrifft, wird Martin Niemöller (am 2. März 1938) von den Nazis in das KZ Sachsenhausen verschleppt. Sofort ist von Kirschbaum "emsig dabei, zu überlegen", wie sie gemeinsam mit Freunden helfen kann. Sie bedrängt Barth, von England aus etwas für ihn zu tun. Mit dem "guten, einfachen Paul Vogt", dem bereits schon informierten Flüchtlingspfarrer in Zürich, nimmt sie Verbindung auf, um für den bedrängten Niemöller nichts unversucht zu lassen.

Von Kirschbaum engagiert sich in dem seit Juni 1938 in Zürich konstituierten "Schweizerischen Hilfswerk für die Bekennende Kirche in Deutschland" (später HEKS) für Menschen, die durch die Nazis schikaniert und verfolgt werden. Und sie wird im "Freien Deutschland" aktiv. Diese Bewegung, die sich 1943 in vielen Städten der Schweiz sammelte (nach dem mit vielen Emigranten am 12. Juli 1943 in Moskau stattgefundenen Kongress zur Gründung des "Nationalkomitee Freies Deutschland"), rief zum Sturz des Hitlerregimes und der Bildung einer demokratischen Regierung in Deutschland auf. "Unter dem Schatten, dass solche Aktionen in der Schweiz noch unerwünscht" waren, wurde auch das Haus Karl Barths "so etwas wie ein Nebenzentrum dieser Bewegung", in der vor allem Charlotte von Kirschbaum tätig war und Karl Barth mehr im Hintergrund wirkte.

Wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wird Charlotte von Kirschbaum eine viel gefragte Rednerin. In Frankreich trägt sie ihr "biblisches Zeugnis" von der "wirklichen Frau" vor. In ihrer Arbeit spürt sie zusehends auch ihre Berufung in der "Wortverkündigung". Von Kirschbaum hat es in vielen Auseinandersetzungen gelernt, wie sie als Frau zu kämpfen hat. Im Laufe der inzwischen fortgeschrittenen Kirchlichen Dogmatik bescheinigt ihr Barth, was sie "in aller Stille" an seiner Seite geleistet habe: "Sie hat im Dienst der laufenden Entstehung dieses Werkes ihr Leben und ihre Kraft nicht weniger eingesetzt als ich selber." Und seinem alten Freund Georg Merz schreibt er am 16. März 1953: "Ja, Georg ... , du ahnst nicht, was sie - Ministerium des Innern und des Äußern in einer Person - Alles wirkt, ­unübertrefflich, unersetzlich. Wenn die spätere Literatur sich nur nicht zu dumm anstellen, sondern das ruhig, sachlich und umsichtig ans Licht bringen wird!"

Barth hatte schon kurz nach dem Kennenlernen befürchtet, bei Charlotte von Kirschbaum könne eines Tages eine "schwere, schleichende Krankheit" ausbrechen. Und diese beginnt, als Charlotte von Kirschbaum so um die 65 Jahre alt ist: Sie verliert zusehends ihr Gedächtnis und bringt, oftmals total verwirrt, vieles durcheinander. Als Pflegefall wird von Kirschbaum im Januar 1966 in ein Heim eingeliefert. Sonntag für Sonntag besucht sie der inzwischen selber gebrechliche, bald 80-jährige Karl Barth in der Klinik Sonnenhalde Riehen bei Basel.
War dieses lange, langsame Fortgehen Charlotte von Kirschbaums der schon nach einigen Jahren des Kennenlernens von Barth genannte "Preis" dafür, "für unser nun einmal nach allen Seiten so seltsames Leben mit allerlei Bekümmernissen und Bedrücktheiten, die Anderen erspart bleiben", eines Tages "ganz gehörig bezahlen" zu müssen? Seine Lollo hätte ihm bei dieser Frage vielleicht mit dem Hinweis geantwortet, dass "ein Jeder berufen ist, mit der Gabe zu dienen, die ihm gegeben ist" und dass die "Gabe nichts nütze ist, die nicht in der Liebe steht".

Diese Gabe hatte sich schon nach dem Einzug Charlotte von Kirschbaums im Jahre 1929 in das Münstersche Familienhaus Barths gezeigt. Trotz aller Spannungen begegneten sich die beiden Frauen fürsorglich, begleiteten sich bei verschiedenen Einkäufen und auf vielen Wegen. Und den Kindern des Ehepaares Barth, die im Nachhinein das Leben zu dritt im selben Hause als "unzumutbar" erklärten, war Charlotte von Kirschbaum zeitlebens die "Tante Lollo" geblieben.

Am 24. Juli 1975 - sieben Jahre nach dem Tod Karl Barths und ein Jahr vor dem Tod seiner Ehefrau Nelly - verstarb Charlotte von Kirschbaum. Die Ehefrau und die Kinder Barths entschieden (und hinterließen damit ein beredt-schweigendes Dokument), dass das von vielen Spannungen gezeichnete, aber auch von Mut und immer wieder von humorvoller Hoffnung begleitete "Dreieck" einmal in einer gemeinsamen Ruhestätte in Basel zu begraben sei. Und wenn Grabsteine reden könnten, würden sie mit Karl Barth sagen: "Ja, wie verschieden spiegeln sich doch die Menschen einer in den Augen des anderen ..., während den ganzen Film zu sehen und zu beurteilen niemandem zukommt."

Literatur: Rolf-Joachim Erler (Hg.): Karl Barth -Charlotte von Kirschbaum. Briefwechsel 1925-1935. Band I. Theologischer Verlag Zürich, Zürich 2008, 450 Seiten, Euro 80,00.

 

 

Erschienen in zeitzeichen 11/2008.

 

Auch unterwegs

Zeitzeichen

für Smartphones

und Tablets

zeitzeichen auf facebook

zeitzeichen im sozialen Netzwerk - aktuelle Kommentare, wöchentlich neu.

Abonnement/ Probeheft

Abonnieren Sie das Magazin zeitzeichen, oder bestellen Sie kostenlos und unverbindlich ein Probeheft.

Hörausgabe

zeitzeichen erscheint im DAISY-Format für blinde und sehbehinderte Menschen. 

Exklusiv für unsere Abonnenten

10 % bei Einkäufen
im chrismonshop