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Jagd auf die weißen Schwarzen

Tansanias Albinos leben in ständiger Angst vor Ritualmördern

Text: Andrea Kümpfbeck / Fotos: Jens Grossmann

In Tansania machen Mörderbanden Jagd auf Albinos. Aus ihren Knochen, der bleichen Haut und den hellen Haaren brauen Medizinmänner Zaubertränke. Das soll Wohlstand bringen - ein jahrhundertealter Aberglaube. Die Regierung ist machtlos. Schutz vor ihren Peinigern finden die Albinos bei dem deutschen Mönch Theo Call.

(alle Fotos: Jens Grossmann)
(alle Fotos: Jens Grossmann)

Als die Männer mit den Macheten kommen, um seine Hände zu holen, hat sich Zacharia gerade hingelegt. Es ist kurz nach zehn Uhr, stockfinstere Nacht. Es war ein langer Tag für den 40-Jährigen und seine Frau Eseri. Sie haben auf ihrem kleinen Feld Bohnen gepflanzt und den Mais geerntet.

Sie wollen seine Hände holen

Plötzlich drischt jemand gegen die Tür der Lehmhütte. Es sind die Männer mit den Macheten. Sie wollen rein. Doch Zacharia stemmt sich mit aller Kraft dagegen und schreit um Hilfe. Seine Nachbarn hören Eseris verzweifelte Schreie. Sie eilen sofort herbei. Mithilfe von Stöcken können sie die Männer mit den vermummten Gesichtern in die Flucht schlagen. Dieses Mal haben die Nachbarn Zacharia noch einmal das Leben retten können.

Drei Tage später ist Zacharia tot. Seine Mörder waren zurückgekommen, dieses Mal zu viert. Sie haben seinen rechten Arm abgeschlagen. Zacharia war innerhalb weniger Minuten verblutet.

Ein farbiger Junge mit seinem weißhäutigen Freund.

Semeni Sahuzi im Schafraum der Missionsstation.

Als Theresi die Geschichte ihres Cousins Zacharia erzählt, stillt sie gerade ihren kleinen Sohn. Dauson ist ein Jahr und einen Monat alt - und er ist schwarz. Theresi ist - wie Zacharia - weiß. Verflucht weiß. Ein Albino. Ihrem Körper fehlen die Pigmente. Ein Gendefekt, der die Haut der 35-Jährigen blass, rauh und faltig aussehen lässt. Die dunkelbraunen Flecken auf ihren Armen sind Melanome. Sie hat Hautkrebs. Theresis Haare locken sich in hellem Blond, ihre Augenfarbe ist aschgrau.

Albinismus tritt überall auf. Doch Tansania gilt als das Land mit den meisten Albinos weltweit. Schätzungsweise 200.000 Menschen mit diesem Gendefekt leben in dem ostafrikanischen Staat. Dass Albinismus in Tansania derart gehäuft auftritt, liegt daran, dass dort Blutsverwandte seit Jahrhunderten untereinander heiraten.

Theresi hat nur drei Hütten von ihrem Verwandten Zacharia entfernt gewohnt. Aus Vorsicht hat die Polizei sie und den kleinen Dauson noch in Zacharias Todesnacht aus ihrem Heimatdorf Kasumo weggebracht. Jetzt lebt Theresi unter der Obhut von Bruder Theo Call. Der deutsche Missionar der Weißen Väter arbeitet für die katholische Mission in Kabanga. Eigentlich stammt der 71-Jährige aus der Eifel. Seit vierzig Jahren jedoch lebt er in Tansania.

Bruder Theo Call leitet das Projekt des Kindermissionswerkes Aachen.

Die Missionsstation.

In den vergangenen Monaten hat Call in seiner Blinden- und Behindertenschule im entlegenen Nordwesten des Landes 49 Albinos aufgenommen: Kinder - vor allem aber auch Albino-Mütter wie Theresi mit ihren dunkelhäutigen Kindern und schwarze Mütter mit ihren Albino-Säuglingen.

                   Von der eigenen Familie verkauft

Amir (11) und Bikoliman (12), der sechsjährige Stefano und die 21-jährige Marietta: Sie alle tragen große Hüte, um die Haut vor der Sonne zu schützen. Und sie erzählen die immer gleichen Geschichten. Dass ihre Familien sie fortbrachten, weil sie Angst um sie gehabt hätten; dass der Nachbar sie vor den Mördern gewarnt habe. Dass sie nachts aus dem Haus geflüchtet seien, weil die Menschenjäger kamen. Sie erzählen aber auch von Verwandten, die sie an die Banditen verraten hätten, von Nachbarn, die ihnen aufgelauert hätten oder von Vätern, die sie hätten verkaufen wollten.

"Es war mein Bruder", sagt die zwanzigjährige Semeni Safya. "Er hat die Mörder angeschleppt." Denn ihr kleiner Sohn Yonge Tifunga (2) ist hellhäutig. Ein hübsches Kind, das noch keine dieser Entzündungen oder Tumore hat, die die Äquatorsonne den Albinos in die Haut brennt. Die meisten bekommen bereits als Kinder Krebs, weil sich die Haut ohne den Farbstoff Melanin nicht schützen kann. Oder sie sind sehbehindert, weil ihre Augen zu empfindlich sind für die starke afrikanische Sonne. Semeni zieht dem Kleinen den übergroßen Sonnenhut tief ins Gesicht. "Nie mehr will ich zurückgehen in diese Familie", sagt sie.

In der Schule.

Ein Albino-Mädchen, das sich zum Frühstück im Schulzentrum aufmacht.

Jetzt hausen sie in zwei Schlafsälen, in die etwa fünfzig Personen gepfercht sind - Blinde, Behinderte, Albinos. Ein paar karge Holzpritschen nur, auf denen sie zu zweit oder zu dritt schlafen. Sie hocken auf fleckigen Decken und essen aus zwei riesigen Blechtöpfen Reis und Bohnen. Es gibt jeden Tag Reis und Bohnen. Immerhin einen Wassertank konnte Theo Call mit Geld des Kindermissionswerks - dem Kinderhilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland - inzwischen bauen. Die meisten der Albinos wissen gar nicht, warum sie mit weißer Haut geboren wurden. Und schon gar nicht, warum sie diskriminiert, verfolgt und gejagt werden.

                  Unter Polizeischutz

Wenn es Nacht wird in Kabanga, kommt die Polizei. Um halb sieben Uhr abends werden die Albinos gezählt, rechts die Frauen und Mädchen, links die Buben. Die ganze Nacht über patrouillieren zwei Polizisten mit Maschinengewehren - und keiner der Weißhäutigen traut sich mehr aus dem Schlafgebäude. Weil sie Todesangst haben. Und weil die Mörder vor allem im Schutze der Dunkelheit kommen.

Die Albinos werden von der Polizei bewacht.

Frauen bei der Essensausgabe.

"Albinos", sagt Theo Call, "gab es immer schon." Früher wurden weiße Babys sofort nach der Geburt umgebracht. Man hat sie ertränkt oder ihnen das Genick gebrochen. Dann hat man sich an das Anderssein gewöhnt, auch, wenn die weißen Schwarzen immer als "Zeru Zeru" gehänselt wurden - als Geist. Die Albinos fielen nicht weiter auf in der Gegend um Kabanga, waren geschützt in ihren Dorfgemeinschaften - bis vor einem Jahr eine regelrechte Hexenjagd begann. Mehr als fünfzig Tote hat der Wahnsinn im Laufe des Jahres gefordert - das sind die offiziellen Angaben. Die wahre Zahl, sagt Theo Call, liege aber sicher sehr viel höher.

Ein Hut schützt die helle Haut vor Sonne.

Oft gibt es Bohnen und Reis.

Mutter Semeni mit Tochter Tifunga beim Waschen.

Der Norden Tansanias ist die ärmste Region des Landes. Die Hauptstadt Daressalam ist 2.000 Kilometer entfernt, wenn man mit dem Auto über die Sandpiste fährt. Nimmt man den Zug, sind es 1230 Kilometer im Schritttempo. In Kabanga gibt es keinen Strom. Die Missionsstation hat immerhin für ein paar Stunden am Tag Strom, weil Theo Call ein kleines Wasserkraftwerk in die Berge gebaut hat. Es ist das Grenzgebiet zu Burundi, eine dunkle Gegend, die bis in den Kongo reicht. Hier wird nach Diamanten gesucht und nach Gold geschürft.

"Seit der Goldpreis in die Höhe geschnellt ist", sagt Bruder Theo, "haben auch die bestialischen Ritualmorde zugenommen." Seither besinnen sich die Menschen wieder auf die magischen Kräfte von Dorfschamanen und selbsternannten Medizinmännern.

Mit dem Goldpreis ist
die Anzahl der Morde gestiegen

Diese versprechen Wohlstand und Glück mit Hilfe von Zaubertränken, die sie aus der Haut, den Knochen und Haaren, aus den Genitalien, den Augen und Ohren von Albinos brauen. Das klingt nach einem Horrorfilm - tatsächlich aber ist es ein jahrhundertealter Aberglaube, der von Banditen und Geschäftemachern neu geschürt wird, die aus dem Handel mit Albino-Körperteilen Profit schlagen.

Kinder beim Abendessen.

Die 22-jährige Pendo kocht für sich und ihre Mitbewohnerinnen.

Ein Albino-Arm ist viel wert in Tansania: Vierzig Millionen Schilling soll er bringen, das sind 22.000 Euro. Für einen kompletten Körper, heißt es, zahlen Mörderbanden 350 Millionen Schilling - 200.000 Euro. Eine Summe, die sich niemand leisten kann. "So viel Geld haben nur die Goldsucher im Kongo", sagt Theo Call. Doch seit diese unglaublichen Zahlen kursieren, muss man die Albinos landesweit schützen, weil viele Verbrecher das große Geld wittern. Erst seitdem die Zeitungen darüber berichten, beschäftigen sich auch die Politiker mit dem Problem. Sogar ein Sitz im Parlament wurde für eine weißhäutige Politikerin reserviert, für die Albino-Aktivistin Shaymaa Kwegyir. Denn die Geschichten über Mord, Aberglauben und Hexerei bedienen genau das Klischee des rückständigen Afrikas.

Ein unausrottbares Klischee, gegen das der Kontinent seit Jahrzehnten ankämpft. Daher werden Albino-Mörder von der Justiz in Tansania inzwischen gnadenlos verfolgt. Vier Männer wurden gerade wieder zum Tode am Strang verurteilt. Damit sind insgesamt sieben Todesurteile gefällt, vollstreckt ist aber noch kein einziges.

Klischee vom rückständigen Afrika

Die kriminellen Banden schreckt das alles nicht. Gerade wurde auf der Straße nach Kasulu ein Mann angehalten. Er hatte einen Sack auf sein Fahrrad geschnürt, in dem zwei Albino-Hände waren. In Geita im Süden des Viktoriasees wurde ein zehnjähriger Bub umgebracht. Er hatte sich nur kurz von seinem Vater entfernt, sagt Theo Call, bekam einen Schlag in den Nacken, dann hackten ihm die Verbrecher ein Bein ab. Kurze Zeit später war das Kind tot.

Auch der Schlafraum kann ein Spielzimmer sein.

Am gleichen Tag steht in der Zeitung, dass am Meeresufer von Sansibar ein Albino-Arm angeschwemmt worden sei. Denn auch den Fischern versprechen die Wunderheiler Wohlstand und einen guten Fang - wenn sie Albino-Haare in ihr Netz weben oder sich die Haut ans Boot nageln. Der junge Polizist, der in dieser Nacht Theresi und die anderen bewacht, kennt sie alle, die grausamen Geschichten. Wer eine Albino-Hand in die Mine mitnehme, heißt es, werde Gold finden. Die Albino-Knochen sollen wie Magnete wirken und die Diamanten aus dem Gestein ziehen.
"Darum wollen die Mörder meine Arme", sagt Theresi. Und streichelt mit ihren weißen Händen ihrem Sohn Dauson zärtlich über das schwarze Gesicht. Dann erzählt sie, dass ihr Cousin Zacharia unter einer Betonplatte begraben worden sei. Damit die Menschenjäger nicht auch noch seinen anderen Arm holen.

Spenden

für das Albinoprojekt an die Afrikamissionare Weisse Väter Köln, Stichwort Bruder Theo Call, Konto Nr. 370 30 88 bei der Hypo Vereinsbank Köln (BLZ 370 200 90).

Erschienen in zeitzeichen April 04/2010.

 

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