zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Heidi sei Dank

Wenn aus jugendlichen Flüchtlingen Gipfelstürmer werden

Im Spätsommer trafen sich zweiunddreißig Jugendliche zu einem gemeinsamen Theaterprojekt. Viele von ihnen lebten zu diesem Zeitpunkt in einem Flüchtlingsheim in Berlin-Lichtenberg. Sie trafen auf Jugendliche aus dem Prenzlauer Berg. Das Ziel: Eine gemeinsame Theateraufführung innerhalb von fünf Tagen. Hier das Protokoll einer Begegnung.

Die Angst überwinden – die vor der Bühne und vor dem Fremden. Fotos: Andreas Schoelzel
Die Angst überwinden – die vor der Bühne und vor dem Fremden. Fotos: Andreas Schoelzel

Sommer 2015, die letzte Woche im August. Vizekanzler und Bundeskanzlerin reisen nach Heidenau, wo Rechtsradikale vor einem Flüchtlingsheim randalieren. Gabriel und Merkel sprechen von "Beschämung" und zeigen Solidarität mit den Flüchtlingen, vor den Absperrgittern werden sie ausgepfiffen und als "Volksverräter" beschimpft. In Leipzig, Döbeln, Nauen und Weissach brennen Flüchtlingsheime. Auf einer Autobahn in Österreich wird ein LKW entdeckt, in dem Schlepper 71 Flüchtlinge ersticken ließen. Täglich neue Schlagzeilen zum Thema Flüchtlinge.

In diesen Tagen treffen sich in Berlin Jugendliche aus dem Prenzlauer Berg und aus einem Flüchtlingsheim in Lichtenberg, um gemeinsam ein Theaterstück auf die Beine zu stellen. Zwei Theaterpädagoginnen leiten das Projekt, das unter anderem vom Christlichen Jugenddorfwerk (CJD) finanziert wird. Fünf Tage gemeinsamer Proben liegen vor ihnen, am Freitag wird aufgeführt - was auch immer. Sprachbarrieren müssen ebenso überwunden werden wie unterschiedliche kulturelle Prägungen. Doch auch wenn die einen derzeit in Mehrbettzimmern im Plattenbau und die anderen unter Stuckdecken im sanierten Altbau wohnen - alle Beteiligten sind Jugendliche mit ähnlichen Wünschen und Zielen für ihr Leben. Es gilt, Fremdes kennenzulernen, Gemeinsamkeiten zu entdecken, miteinander eine gemeinsame Geschichte zu erzählen und sich zu präsentieren.

Nötig ist ein Stoff, mit dem gearbeitet werden kann, ein Thema, das allen Jugendlichen etwas sagt und zu dem sie etwas zu sagen haben. Die beiden Theaterpädagoginnen Joanna Praml und Sofie Hüsler entscheiden sich nach einem vorbereitenden Treffen vor den Sommerferien im Flüchtlingsheim für "Heidi". Die Geschichte ist spätestens seit der Zeichentrickserie aus den Siebzigerjahren weltweit bekannt und bietet viele Anknüpfungspunkte: Ein Kind muss in eine fremde Umgebung, lebt sich ein, muss wieder fort in die Stadt, leidet unter Heimweh. Freundschaften entwickeln sich und werden auf die Probe gestellt. Doch vor allem sind da die Berge, die Praml und Hüsler reizen. Dort die Schweizer Alpen, hier Prenzlauer Berg und Lichtenberg, und dazu all die symbolischen Gipfel, die Ziele, die erreicht werden wollen, am besten gemeinsam. Daraus könnte sich doch was entwickeln? Die Tour wird nicht leicht, der Gipfel liegt noch im Nebel, aber es geht los.

Erster Tag: Die acht Berliner Jugendlichen sind schon da, die meisten zwischen elf und zwölf Jahre alt. Ein gemeinsamer Wunsch für diese Woche: Mindestens einmal Eis essen. Erste Aufwärmspiele, dann treffen die jugendlichen Flüchtlinge ein. Es sind andere, als bei dem Vorbereitungstreffen, sie sind älter. Insgesamt stehen nun 32 Jugendliche im Kulturzentrum in der Schlesischen Straße in Kreuzberg. Die beiden Theaterpädagoginnen werfen sich einen Blick zu, es sind zu viele. Die Bühnenbaugruppe muss größer werden als geplant. Und die Schauspielgruppe besteht nun aus 14 Jugendlichen zwischen elf und 17, ein Junge aus Afghanistan ist dabei, einer aus Syrien, vier Mädchen aus Serbien und eines, das arabisch spricht. Die Heidi-Geschichte wird erzählt, erste Szenen entwickelt und gespielt. Guter Start, auch wenn es anders lief als geplant.


Persönliche Ziele

Zweiter Tag: Fast alle sind pünktlich, aber Hammed fehlt, weil seine Familie noch in dieser Woche das Flüchtlingsheim verlassen muss. Ayda ist nervös, ihre Eltern haben heute einen Termin bei der Ausländerbehörde. Die Szenen des Vortages werden nochmal gespielt, danach geht es um persönliche Ziele: Was wollt Ihr in den kommenden fünf Jahren schaffen? Die Antworten: Führerschein machen, Deutsch lernen, eine Aufenthaltsbewilligung für die ganze Familie bekommen, mein Zimmer cool gestalten, Abitur schaffen, mich mehr um mein Kaninchen kümmern... Und was sollte man einmal im Leben machen? Haare kurz schneiden, Fallschirm springen, draußen übernachten, Haare blau färben. Die Wünsche der Berliner und der Flüchtlinge sind kaum zu unterscheiden.

Dritter Tag: Theaterprobe im Innenhof. Drei Mädchen fehlen, weil sie das Heim wechseln müssen, dafür taucht ein Junge aus Afghanistan auf, der mal schauen will, ob er mitspielen oder Bühnenbild bauen kann. Er ist seit dreieinhalb Monaten in Berlin, spricht deutsch. Spontan werden die Rollen neu besetzt. Auch die Vorstellungsszene muss wegen der fehlenden Mädchen umgebaut werden. Joanna Praml und Sofie Hüsler werden strenger, lassen die Szenen oft wiederholen. Im Hintergrund wächst das Bühnenbild an der Hausfassade entlang. Der Altbau wird zum Berg...

Vierter Tag: Wer kommt heute? Wer nicht? Die Überraschung ist: Alle Schauspieler sind da, neun Flüchtlinge, fünf Berliner. Gut so, denn auf dem Probenplan steht heute eine sehr wichtige Szene: Heidi erscheint am Fenster als eine Vision, wie eine Heilige, die den Jugendlichen Mut macht, sich Ziele zu setzen, den Berg zu besteigen, sich gemeinsam vom Innenhof auf den Weg nach oben zu machen. Aber sie will "dieses bescheuerte Lied nie wieder hören". Kitschig, witzig, ironisch, mit einem ernsthaften Kern - eine zentrale Szene also. Die Rolle der Heidi wird doppelt besetzt und soll zweisprachig aufgeführt werden. Den einen Part übernimmt die zwölfjährige Luzie aus Prenzlauer Berg, den anderen das vierzehnjährige Roma-Mädchen Kassandra. Während der Proben wird aber klar, dass sie kaum lesen kann. Hier in Berlin geht Kassandra seit gut einem Jahr zur Schule, das erste Mal in ihrem Leben. Es fällt ihr schwer, den Text zu lernen, aber sie will es schaffen! Die Übersetzerin steht hinter ihr und sagt ihr Satz um Satz vor.

Nach der Probe stehen die Berliner Jugendlichen zusammen und unterhalten sich über die Mitspieler aus dem Heim: "Ich habe ja auch nicht immer Bock auf Schule, aber es ist schon krass, wenn man nicht lesen lernen darf." "Ja, das braucht man ja für alles!" "Das ist so gemein, dass die von einem Tag auf den anderen gesagt bekommen, dass sie das Heim wechseln müssen!" "Ja, Ayda hatte am Dienstag echt Angst, als ihre Eltern bei der Aufenthaltsbehörde waren." "Und dann war sie so glücklich, dass sie nochmal sechs Monate bleiben können." "Aber der eine mit dem Handy, der nervt voll!"

Letzter Tag: Kassandra, die serbische Heidi fehlt. Sie muss am Abend das Heim wechseln und den Eltern helfen, das Zimmer zu räumen. Einen Teil ihres Textes übernehmen andere Spieler, doch die Heidi-Szene muss nun einsprachig bleiben. Die letzte Durchlaufprobe beginnt. Alles läuft gut, plötzlich entsteht auf der Bühne ein Missverständnis, der Junge aus Afghanistan ist beleidigt und verlässt mitten in der Szene die Bühne. Die anderen spielen weiter, aber sind verunsichert. Eine Mitarbeiterin aus dem Flüchtlingsheim, die ebenfalls aus Afghanistan stammt, ist da und kann das Missverständnis aufklären.

16.15 Uhr: Generalprobe! Die Bühnenbildbauer schauen zu!

17.15 Uhr Der Hof füllt sich - rund sechzig Zuschauer kommen.

17.30 Uhr: Das Stück läuft. Zu Beginn stellen sich die Jugendlichen gegenseitig im Innenhof vor, es geht um Ziele und Wünsche, eine Seilbahn fährt durch den Innenhof. Das Heidi-Thema wird eingeführt, irgendwann erscheint sie am Fenster, der Aufstieg beginnt, das Publikum geht hinterher. Zwischenstopp im eiskalten Zwischenlager, das alle gemeinsam überstehen müssen. Am Ende schleppt sich die Gruppe gemeinsam über die letzten Meter, doch dann ist es geschafft. Sie sind auf dem Gipfel. Jubel, Applaus. Das Ziel ist erreicht.

 

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