zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Der Judenhass der Ajatollahs

Das tödliche Vorurteil des Antisemitismus ist im Iran tief verwurzelt

Stephan Griegat

Der Zionismus wird in der Ideologie des iranischen Regimes als Grundübel dargestellt, das für nahezu alle Probleme in der Welt verantwortlich sei. Woher kommt die Judenfeindlichkeit im Reich der Ajatollahs? Über Holocaustleugnung und Israelhass im heutigen Iran berichtet der Wiener Antisemitismus-Experte Stephan Grigat.

Eine „antizionistische“ Demonstration in Teheran 2008. Foto: dpa
Eine „antizionistische“ Demonstration in Teheran 2008. Foto: dpa

Wer die Berichterstattung über den Iran in den letzten Jahre verfolgt hat, konnte eine starke Personalisierung feststellen: Die Vernichtungsdrohungen gegen den jüdischen Staat und die Holocaustleugnung wurden und werden gerne ausschließlich dem von 2005 bis 2013 amtierenden iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad zugeschrieben. Dadurch wird suggeriert, diese Probleme würden seit dessen Abgang nicht mehr existieren oder zumindest keine entscheidende Rolle mehr spielen. Doch die Vernichtungsdrohungen und die Holocaustleugnung beziehungsweise seine Relativierung lassen sich nicht an einzelnen Vertretern der iranischen Theokratie festmachen, sondern gehören zum Wesenskern dieses Regimes.

Der antisemitische Charakter des iranischen Regimes wird häufig mit Hinweis auf die verbliebene jüdische Gemeinde im Iran bestritten. Tatsächlich werden Juden im Iran derzeit nicht in dem Maße verfolgt wie andere religiöse Minderheiten, beispielsweise die Baha’i. Doch der Verweis auf die verbliebene jüdische Gemeinde blendet aus, dass Juden im Iran keineswegs gleichberechtigte Staatsbürger sind. Die jüdische Minderheit wird gezwungen, sich damit abzufinden, als systematisch diskriminierte „dhimmis“, also als „Schutzbefohlene“, die zahlreichen Sonderregelungen unterliegen und sich dem Herrschaftsanspruch des Islam unterzuordnen haben, zu existieren und sich permanent von Israel zu distanzieren. Die jüdische Iranerin Roya Hakakian, die heute im US-amerikanischen Exil lebt, hat immer wieder darauf hingewiesen, dass über 90 Prozent der vor 1979 im Iran lebenden 100.000 bis 150.000 Juden seit der islamischen Revolution das Land verlassen haben.

Große Bedeutung für die Verbreitung des Antisemitismus im Iran hatte die 1978 ins Persische übersetzte antisemitische Hetzschrift „Die Protokolle der Weisen von Zion“, die in den folgenden Jahrzehnten von staatlichen Stellen im Iran in großen Auflagen immer wieder neu herausgegeben wurde – mitunter mit geänderten Titeln wie „Protokolle der jüdischen Führer zur Eroberung der Welt“. Hier wird bereits deutlich, dass die zeitweiligen Bemühungen seitens der iranischen Führung, mitunter zwischen Juden und Zionisten deutlicher zu unterscheiden, stets wieder konterkariert werden. Zudem wird in der iranischen Propaganda über „die Zionisten“ stets in eben jenem verschwörungstheoretischen Geraune geredet, das aus dem klassischen Antisemitismus gegenüber Juden bekannt ist. Der Zionismus wird in der Ideologie und Propaganda des iranischen Regimes nicht als ein gewöhnlicher politischer Gegner attackiert, sondern als Grundübel, das für nahezu alle Probleme in der Welt verantwortlich gemacht wird, und dessen Auslöschung daher den Weg zur Erlösung bereite.

Dementsprechend wird alles, was den eigenen Herrschaftsansprüchen im Weg steht, als „zionistisch“, „im Auftrag der Zionisten agierend“ oder auch explizit als jüdisch gebrandmarkt: konsequenterweise gelten Regimevertretern und hohen Klerikern im Iran mittlerweile selbst ihre islamistischen Konkurrenten, die wahhabitische Herrscherfamilie in Saudi-Arabien, als Juden, und sie erklären, der Weg zur „Befreiung Jerusalems“ führe über Mekka und Medina. Auch wenn Ajatollah Khomeini und der heutige „oberste geistliche Führer“ Ali Khamenei in öffentlichen Verlautbarungen mehrfach betont haben, dass sich ihre Politik nicht gegen Juden richte, solange sich diese vom Zionismus distanzieren und dem Herrschaftsanspruch des Islam unterordnen, gibt es offen judenfeindliche Proklamationen keineswegs nur von randständigen Vertretern des Regimes. So verkündete beispielsweise der einflussreiche Großajatollah Hussein Nuri Hamdani, „die Juden“ müssten bekämpft und „zur Aufgabe gezwungen“ werden, um den Weg für die Wiederkunft des verborgenen Imams zu ebnen, und auch in den Schriften von Khomeini von vor 1979 finden sich zahlreiche offen judenfeindliche Passagen.

Charakteristischer als offen judenfeindliche Statements sind in der „Islamischen Republik“ jedoch die israelfeindlichen Äußerungen, die auch unter dem Präsidenten Hassan Rohani gang und gäbe sind. Der Politikwissenschaftler Wahied Wahdat-Hagh hat die Programmatik des iranischen Regimes treffend als „eliminatorischen Antizionismus“ beschrieben. 2012 hat Khamenei Israel als „Krebsgeschwür“ bezeichnet, „das herausgeschnitten werden muss und herausgeschnitten werden wird“. Zum 9. November 2014 ließ Khamenei einen Neun-Punkte-Plan zur Zerstörung des jüdischen Staates publizieren. Rohani griff 2017 eine von Khameneis gängigen Formulierungen auf und sprach laut dem iranischen Propagandasender Press TV ebenfalls von Israel als „Krebsgeschwür“, nachdem er den jüdischen Staat zuvor schon als „alte Wunde im Körper des Islam“ und, ein Jahr nach seiner Wahl, als „eiternden Tumor“ ins Visier genommen hatte. Seit seinem Amtsantritt 2013 nimmt Rohani in Teheran so wie seine Vorgänger regelmäßig am Quds-Marsch in Teheran teil, bei dem seit 1979 auf Geheiß von Khomeini weltweit am Ende des Ramadan für die Vernichtung des jüdischen Staates demonstriert wird.

Wenige Tage vor dem in Wien ausverhandelten Atomabkommen vom Juli 2015 war es der während seiner Amtszeit als Präsident von 1989 bis 1997 in einer ähnlichen Weise wie heute Rohani in europäischen Medien und Regierungskreisen zum „Moderaten“ verklärte Ali Akbar Hashemi Rafsanjani, der abermals verkündete, Israel werde demnächst von der Landkarte gestrichen. Zur Zeit der Finalisierung des Atomdeals ließ Khamenei sein 400-Seiten-Buch Palestine in einer Neuauflage veröffentlichen, in der er Israel abermals als „Krebsgeschwulst“ bezeichnete, das vernichtet werden müsse. 2017 erklärte Khamenei die westlichliberalen Vorstellungen von Geschlechtergleichheit zu einer „zionistischen Verschwörung“ und dokumentierte damit, dass nicht nur in der europäischen Tradition des Rechtsradikalismus ein inniger Zusammenhang zwischen Antisemitismus und Sexismus existiert.

Vor der Vernichtung steht die Delegitimierung des jüdischen Staates, und ein entscheidendes Element in der iranischen Propaganda ist dabei die Leugnung oder Relativierung der Shoah. Auf der offiziellen englischsprachigen Website von Khamenei war auch noch während der Präsidentschaft Rohanis vom Holocaust als „Mythos“ die Rede. Doch auch andere prominente Vertreter des Regimes haben sich wiederholt in diese Richtung geäußert. Berühmt-berüchtigt ist Rafsanjanis Formulierung aus der Zeit seiner Präsidentschaft, wonach eine einzige Atombombe ausreichen würde, um Israel zu vernichten, während die islamische Welt in solch einem Fall auf Grund der antizipierten Gegenschläge lediglich verkraftbare Verluste hinnehmen müsste. Weniger bekannt ist die Holocaust-Leugnung des mittlerweile verstorbenen „Richelieu der iranischen Politik“: Laut der Anti-Defamation League erklärte er im iranischen Radio, seine persönlichen Forschungen hätten ihn zu der Überzeugung gebracht, Hitler habe nur 20.000 Juden ermordet. Als sein Nachfolger gilt Mohammed Khatami, der bis heute immer wieder als Beispiel für einen „Reformislamisten“ präsentiert wird. Er bekleidete von 1997 bis 2005 das Präsidentenamt und ist ein vehementer Verteidiger der Todesstrafe für Homosexuelle, die auch unter Rohani weiterhin vollstreckt wird. Khatami setzte Rafsanjanis Linie insofern fort, indem er sich als einer der leidenschaftlichsten Verteidiger des französischen Holocaustleugners Roger Garaudy positionierte, diesen in den Iran einlud und ihm eine Audienz bei Khamenei verschaffte.

Auch während Rohanis Präsidentschaft finden im Iran Karrikaturenwettbewerbe zur Verspottung der Opfer des nationalsozialistischen Massenmords und Konferenzen zur Leugnung der Shoah statt, an denen hochrangige Vertreter des Regimes teilnehmen. Selbst ein vehementer Befürworter von noch engeren Beziehungen zwischen Europa und dem Iran wie Adnan Tabatabai muss einräumen, dass Holocaust-Leugnung „eine Konstante in der iranischen Außenpolitik bleibt“ und dass das heutige iranische Regime hinsichtlich Israel und Palästina „eine Zwei-Staaten-Lösung ganz klar ablehnt“. Der Antisemitismus der heute im Iranherrschenden Ajatollahs lässt sich nicht einfach durch Koran-Exegese erklären. Er resultiert vielmehr aus der spezifisch antiliberalen islamistischen Ideologie, die durch die Islamische Revolution von 1979 an die Macht gekommen ist und in vielen Aspekten im Widerspruch zu anderen Traditionslinien in der iranischen Gesellschaft steht. In der Ideologie der iranischen Islamisten lassen sich nahezu alle Topoi des modernen Antisemitismus nachweisen, insbesondere die Verherrlichung einer konkretistisch verklärten, organischen, authentischen, schicksalhaften, harmonischen Gemeinschaft der Muslime, die gegen eine chaotischabstrakte, entfremdete, zersetzende, künstliche, unmoralische, materialistische, widersprüchliche und letztlich mit Juden oder dem jüdischen Staat und dem liberalistischen Westen assoziierte Gesellschaftlichkeit in Anschlag gebracht wird.

Dementsprechend müsste es in Zukunft darum gehen, eine Analyse der modern-regressiven Tendenzen in den islamischen Gesellschaften im Allgemeinen und in der iranischen im Besonderen zu leisten. Letztlich müssten in Fortführung des berühmten Antisemitismuskapitels aus der Dialektik der Aufklärung von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer die „Elemente des islamischen Antisemitismus“ geschrieben werden. Dabei ginge es darum, einerseits den Antisemitismus im islamischen Raum ganz ähnlich wie den europäischen als wahnhafte, pathisch-projektive Reaktion auf die kapitalistische Moderne zu dechiffrieren.

Andererseits gilt es, sowohl die Bedeutung der religiösen Komponenten, die in ihrer islamischen Ausprägung in Adornos und Horkheimers Elemente des Antisemitismus noch keine Rolle spielten, als auch die entscheidende Rolle des frühen Kontakts beispielsweise Khomeinis mit der nationalsozialistischen antisemitischen Propaganda nicht aus den Augen zu verlieren: Der spätere Revolutionsführer war Ende der Dreißigerjahre ein regelmäßiger Hörer des Kurzwellensenders Radio Zeesen, mit dem die antisemitische NS-Propaganda im Nahen und Mittleren Osten Verbreitung fand. Insofern ist der Antisemitismus des iranischen Regimes auch ein Beispiel für das globale Nachwirken des deutschen Nationalsozialismus nach seiner militärischen Niederringung.

Immer wieder wird die Frage aufgeworfen, welche Rolle die antisemitische Ideologie und der Hass auf Israel bei politischen Entscheidungen des iranischen Regimes spielen. Die Außenpolitik des iranischen Regimes war von Beginn an durch eine Gleichzeitigkeit von Pragmatismus und Vernichtungswahn gekennzeichnet, die es Kommentatoren in Deutschland bis heute ermöglicht, die Vernichtungsfantasien gegenüber Israel regelmäßig durch den Hinweis auf Ersteren zu verharmlosen. Der Pragmatismus macht sich in allen erdenklichen Fragen bemerkbar, konnte sich aber gerade im Verhältnis zu Israel nicht durchsetzen. Vertreter der Realistischen Schule in den internationalen Beziehungen und die überwiegende Mehrheit der europäischen Politiker glauben dennoch an die Möglichkeit einer pragmatischen Einbindung des iranischen Regimes in eine internationale oder zumindest regionale Sicherheitsarchitektur. Derartige Einschätzungen ignorieren jedoch, dass bei den Drohungen gegenüber Israel „Pragmatismus“ für das iranische Regime lediglich darin bestehen kann, den aus der Sicht Teherans richtigen Zeitpunkt für die Offensive abzuwarten.

Literatur: Stephan Grigat (Hg): Iran – Israel – Deutschland: Antisemitismus, Außenhandel & Atomprogramm. Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin 2017, 252 Seite, Euro 24,95.

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