zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Kein Geschwätz

Im sächsischen Rochlitz werden die Frauen der Reformationszeit lebendig

Kathrin Jütte

Männer wie Martin Luther, Johannes Calvin und Ulrich Zwingli prägten das Zeitalter der Reformation. Doch wie verhielt es sich mit den Frauen zu jener Zeit? Welchen Anteil hatten sie an der Ausbreitung der Reformation? Einen Blick auf wirkmächtige Frauen richtet eine Ausstellung im sächsischen Schloss Rochlitz.

"Judith und Holofernes" – Stilisierung oder Rollenbild des sechzehnten Jahrhunderts? Foto: Schlösserland Sachsen
"Judith und Holofernes" – Stilisierung oder Rollenbild des sechzehnten Jahrhunderts? Foto: Schlösserland Sachsen

Die Doppeltürme der ehemaligen Reichsburg erheben sich malerisch über der Zwickauer Mulde, im kleinen Rochlitz zwischen Leipzig und Chemnitz gelegen. In diesen Monaten ist das Wettiner-Schloss aus dem Jahr 995 Museum und authentisch erlebbarer Ort zugleich. Bis zum Reformationstag im Oktober geht hier die Ausstellung "Eine starke frauengeschichte - 500 Jahre Reformation" der Frage nach, welchen Anteil Frauen am reformatorischen Aufbruch hatten. So hat eine Frau an diesem Ort im 16. Jahrhundert Geschichte geschrieben, aber Einzug in die Geschichtsbücher hat sie nicht gehalten. Elisabeth von Rochlitz hatte 1537 vom Schloss aus die Reformation in ihrem Herrschaftsbereich eingeführt und war als einzige Frau dem Schmalkaldischen Bund beigetreten. Doch das kam nicht ans Licht der Öffentlichkeit, denn schließlich war die Geschichtsschreibung von Männern dominiert: Frauen kamen darin so gut wie nie vor.

In der dämmrigen Eingangshalle, dem ehemaligen Tafelsaal, trifft die Besucherin auf das zentrale Objekt der 300 Exponate umfassenden Präsentation: die auf Pergament geschriebene, mit 26 Siegeln versehene "Eheberedung". Herzog Georg von Sachsen und Landgraf Wilhelm II. von Hessen regeln darin im Jahr 1505 die Heirat ihrer Kinder Johann (1500 bis 1537) und Elisabeth (1502 bis 1557). Mitgift, Ländereien, Wittum, also die Witwenversorgung, aber auch die Rollenbilder, die vorsehen, dass die Ehefrau dem Mann gehorchen muss, werden darin verteilt. Hieran hängt alles, Elisabeths Witwensitz und Rochlitz als Ort der Reformation. Warum Rochlitz? Weil ihr Mann Herzog Johann schon im Jahr 1537 stirbt und Elisabeth in der "Eheberedung"Schloss und Amt Rochlitz zugesprochen worden ist. In ihrem neuen Herrschaftsbereich ebnet Elisabeth von 1537 an den Weg für die Einführung der Reformation und wird somit eine der wirkmächtigsten Frauen der Reformationszeit. Ihr Bruder, Landgraf Philipp von Hessen, unterstützt sodann die Aufnahme Herzogin Elisabeths in den Schmalkaldischen Bund, dem Verteidigungsbündnis der Pro-testanten, wodurch bereits 1538 ihr Reformationsanliegen abgesichert erscheint.

Doch Elisabeth wird es zu Lebzeiten schwer gemacht, ihren Mann zu stehen. Das dokumentieren im Eingangsbereich der Ausstellung Textbänder mit Originalzitaten eindrucksvoll: Ihre Briefe werden als "Weibergewäsch" abgetan. "Die Herzogin von Rochlitz treibt viel unnutz Gewesch", sie hingegen kontert: "Denn mir ist in meinem Gewissen so, dass ich nicht selig werden kann, wenn ich den Menschen mehr fürchte als Gott." Das Entree markiert damit ein Credo der Ausstellung.

Die Kuratoren Simona Schellenberger und Dirk Welich präsentieren mit historischen Exponaten die Rolle der Frau vor fünfhundert Jahren. Aktuelle Ausstellungsstücke wie Werbefilme, Anzeigen, Plakate oder ein Spielehaus öffnen gleichzeitig die Augen für die heutigen Rollenbilder von Mann und Frau. So kann man sich im Wechsel in unterschiedliche Zeiten hineinversetzen. Man springt ins Heute und zurück. Doch gehe man unvoreingenommen durch die komplexe Schau. Denn sie vermag zu berühren, indem sie aufzeigt, dass das, was vor fünfhundert Jahren seinen Anfang nahm, auch heute noch Relevanz hat.

Der Besucher betritt den so genannten Gewissensraum. Er vernimmt Bibelverse, an die Wand projiziert sind einschlägige Zitate, in denen die Frau entweder nachgeordnet oder gleichberechtigt behandelt wird. Im Dunkel des Raumes gehen die Ausstellungsmacher dem nach, was Frauen motiviert hat, zur Feder zu greifen: Sola Scriptura, allein die Schrift. Dieses Schriftprinzip Luthers, nach dem das theologische Gültigkeit hat, was in der Heiligen Schrift zu lesen ist, machen sich Frauen seiner Zeit zu eigen. Höchst eindrucksvoll belegt das die ausgestellte Bibel der 1488 in Dornburg geborenen Felicitas von Selmenitz. Sie hat ihr Septembertestament, also die 1522 erschienene lutherische Übersetzung des Neuen Testaments, mit Randbemerkungen, Kommentaren und Unterstreichungen versehen, kleine gezeichnete Hände am Rand weisen zudem auf die Bibelverse. Diese Artefakte berühren, zeigen sie doch unmittelbar, was auch die textlichen Überlieferungen dokumentieren: die Auseinandersetzung der Frauen mit der Bibel, ihre alttestamentlichen Vorbilder und ihr Handeln, das sich auf das Bibelstudium und ihr Gewissen gründet. Martin Luther widmete Felicitas von Selmenitz handschriftlich das zweite präsentierte Exponat, die 1534 erschienene Bibel mit Holzschnitten aus der Cranachschen Werkstatt. Ausgestellt ist auch der Brief Johann Friedrichs vom 8. Oktober 1530, in dem er Elisabeth eine Zusage auf ihre Bitte erteilt, er möge ihr bei der Beschaffung einer Lutherbibel helfen. Die Fürstin wollte schließlich eine aktuelle Fassung als Grundlage für ihr Bibelstudium. "...Wan ich se aber erfare bekomme, wyl ich sye e (ner) l (iebe) zcum foderlysten an schycekn...", verspricht ihr der Cousin.

Es folgt der "Rückzugsraum". Er bedeutet einen der Höhepunkte der Ausstellung, denn in ihm hat Elisabeth vermutlich ihre Geheimkorrespondenz verfasst und versteckt. "In diesem Zimmer nutzte sie einen erst im 19. Jahrhundert gefundenen Hohlraum im Fußboden als Versteck für ihre Briefe", erklärt André Thieme, Bereichsleiter Museen bei den Staatlichen Schlössern, Burgen und Gärten Sachsen.

Nach dem Tod ihres Mannes verlässt Elisabeth den Dresdner Hof und zieht auf ihren Witwensitz. Dort setzt sie ab 1537 protestantische Pfarrer ein und tritt dem Schmalkaldischen Bund bei. Als entscheidende Nachrichtengeberin wird sie zur Hochverräterin. Warnt sie doch vor dem drohenden Krieg, sammelt Informationen wie Truppengröße und -stationierung und sendet sie in Geheimschrift an ihren Bruder Landgraf Philipp von Hessen und ihren Cousin Kurfürst Johann Friedrich. Beide besitzen eine Nomenklatur, um ihre Informationen zu entschlüsseln. Als Beleg ausgestellt ist ein chiffrierter Brief von Elisabeth an Johann Friedrich vom Januar 1547.

Noch eines liegt Kuratorin Simona Schellenberger am Herzen: Gemeinsam mit ihrem Kollegen hat sie den künstlerischen Bestand der Epoche auf sich ändernde Rollenbilder untersucht. Gemälde, Graphiken und Skulpturen sollen belegen, ob sich geschlechtsspezifische Veränderungen im reformatorischen Alltag zeigen. Im ehemaligen Wohnzimmer, dem Palas, präsentiert sich unter anderem das Thema "Judith mit dem Haupte des Holofernes" in Form von Originalgemälden, Kunstgewerbe und verschiedenen Reproduktionen. Der Hintergrund: Der biblischen Judith war es durch eine List gelungen, dem assyrischen Heerführer Holofernes den Kopf abzuschlagen, wodurch sie eine ganze Stadt von der Zerstörung bewahrte.

Augenfällig ist die ungeheure Fülle an Judith-Bildern vom Beginn des 16. Jahrhunderts bis Ende der Dreißigerjahre. Der Bildtypus ist immer identisch, ein Halbkörperporträt, mit dem Haupt in der Hand. Schellenbergers These: Es stehe immer eine konkrete, aber heute nicht mehr identifizierbare Person hinter diesen Darstellungen. Zu belegen sei das jedoch nicht, denn auch die Auftraggeber sind unbekannt geblieben. "Es gibt keinen Befund." Auffällig wird die Präsenz des Judith-Motivs auch auf Alltagsgegenständen wie einer Gürtelschnalle (1500), einer Kachel (2. Hälfte 16. Jahrhundert) und auf Krügen. Handelt es sich hierbei um ein erstmals erstarktes weibliches Selbstbewusstsein um 1525? Oder spielt Judith nur die ihr zugewiesene Rolle?

"Judith stand für eine Tugendretterin und eine Männermörderin zugleich", erklärt Schellenberger. Auch andere Bildmotive und Begrifflichkeiten setzen mit der Reformation ein oder verändern sich durch sie. Wie die Caritas, Lucretia, "Christus und die Ehebrecherin" und "Lasset die Kindlein zu mir kommen".

Der Weg über Wendeltreppen und knarrendes Parkett führt die Besucherin alsbald in eine verwunschene Welt. Nun ist es die Schlosskapelle, 1450 vom sächsischen Baumeister Albrecht von Westfalen gefertigt. Auf Stelen liegen geschriebene Lebensläufe, von denen auf rotem Papier gedruckte Texte an Fäden in das Kreuzgewölbe aufsteigen. Ursula Wyda, Katharina Zell, Wibrandis Rosenblatt und Argula von Grumbach haben sich in ihrer Berufung auf Schrift und Gewissen zu Wort gemeldet und gehandelt. Für sie alle brachte der Buchdruck im frühen 16. Jahrhundert die Möglichkeit, ihre Positionen per Flugschrift oder Sendbrief zu verbreiten. Allein die fränkische Adelige Argula von Grumbach (um 1492 bis 1568) veröffentlichte an 17 Erscheinungsorten und zog in hohen Auflagen mit den Männern der Reformation gleich, berichtet Kurator Welich. Und er erzählt davon, dass das Herstellen einer Flugschrift in diesen Zeiten soviel kostete wie ein Mittagsgericht. Argula von Grumbach, eines ihrer Schreiben endete "Ich habe euch kein Frauengeschwätz geschrieben", zählte zwischen 1523 und 1524 zu den meistgelesenen Flugschriftenautorinnen und -autoren.

Mit einem Foliendruck verhangen ist ein Kirchenfenster, es stammt aus einer Kirche im französischen Auxerre. Still durchsonnt betrachtet die Besucherin Maria Magdalena als Predigerin auf der Kanzel, dargestellt in einer Rolle, die ausschließlich den Männern vorbehalten war. An diese Vergangenheit erinnert die Präsentation. Erst 2002 wurde mit der Namensinschrift der reformierten Theologin und Reformationshistorikerin Marie Dentière erstmals eine Frau am 1917 geschaffenen Reformationsdenkmal in Genf gewürdigt.

Und schon springt der Besucher ins Heute: In aktuellen Werbeanzeigen begegnen uns männliche und weibliche Rollenbilder: Willkommen in der Gegenwart.

 

Informationen

Die Ausstellung "Eine STARKE FRAUENgeschichte - 500 Jahre Reformation" ist bis zum 31. Oktober in Schloss Rochlitz im sächsischen Rochlitz, Sörnziger Weg 1 zu sehen. Sie ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

 

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