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Suche nach Hoffnung

„Rainbow nation“ oder gespaltenes Land? Südafrika und die Kirche

Juliane Ziegler

Fast ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der Apartheit ist in Südafrika eine Diskussion über die Bedeutung von Nelson Mandela entbrannt. Viele junge Südafrikaner identifizieren sich sogar mehr mit dem Wirken seiner ehemaligen Frau Winnie Mandela. Die Journalistin Juliane Ziegler hat Südafrika bereist und konträre Meinungen eingesammelt - auch im Raum der Kirche.

Mit dem Kampf weitermachen“ - Mandelas Enkel Ndaba neben einer Statue seines Großvaters. Foto: Juliane Ziegler
Mit dem Kampf weitermachen“ - Mandelas Enkel Ndaba neben einer Statue seines Großvaters. Foto: Juliane Ziegler

Die Sonne knallt vom Himmel, Menschengruppen schieben sich durch die hügelige Straße. Hier, in der Vilakazi Street Nummer 8115, einem kleinen Backsteinhaus in Soweto, hat Nelson Mandela vor seiner Haft mit seiner Familie gelebt. Eine Ecke weiter: Das Haus von Desmond Tutu. Die Vilakazi Street ist die wohl einzige Straße weltweit, in der zwei Nobelpreisträger gewohnt haben. Entsprechend zieht sie Touristen an. Durch das einstöckige Wohnhaus drängen sich die Besucher. Nelson Mandela wird im Land wie eine Ikone gefeiert, in diesem Jahr wäre er einhundert Jahre alt geworden. Im Hof machen einige junge Mädchen Selfies vor Pappfiguren von Winnie und Nelson Mandela. „Er ist der Vater der Nation“, sagt eines der Mädchen. „Madiba hat für uns gekämpft. Früher hatten schwarze afrikanische Kinder nicht die Möglichkeit, zur Schule zu gehen. Aber heute geht das und das haben wir Nelson Mandela zu verdanken.“ Neunzehn Jahre ist sie alt - den staatlich verordneten Terror durch das Apartheid Regime hat sie nicht erlebt.

1948 gewinnt die Nationale Partei die Wahlen in Südafrika und die Rassentrennung wird brutal umgesetzt. Schwarze, Farbige und Inder werden in jedem gesellschaftlichen Bereich entrechtet. Dabei spielte auch die Kirche eine entscheidende Rolle, erklärt Boniface Mabanza. Er ist Theologe und arbeitet bei der Kirchlichen Arbeitsstelle Südliches Afrika in Heidelberg. Mabanza sagt: „Grundsätzlich ist es so, dass das gesamte Konstrukt ‚Apartheid‘ ohne eine theologische Begründung nicht möglich gewesen wäre.“ Die Kirche der Weißen - die Niederländisch Reformierte Kirche - unterstützt und beeinflusst die Apartheid-Politik. Mit Verweis auf Altes und Neues Testament wird die Theologie der Rassentrennung als gottgegeben gerechtfertigt.

Schwarze Kirchen hingegen versuchen gemeinsam mit der Bevölkerung Widerstand zu leisten. Die „Black Theology“, eine Form von Befreiungstheologie, entsteht und wird unter anderem von Desmond Tutu vertreten. Für seinen gewaltlosen Einsatz gegen das Regime erhält er 1984 den Friedensnobelpreis, zwei Jahre später wird er zum Erzbischof von Kapstadt ernannt. „Von seinem ganzen theologischen Denken her hat er früh verstanden, dass der schwarzen Kirche eine große Rolle zukommt. Schließlich saß ein Großteil der schwarzen politischen Führer entweder im Gefängnis oder war im Exil“, erklärt Boniface Mabanza.

 

Aufarbeitung des Traumas

Mitte der Achtzigerjahre eskaliert die Situation im Land. Der Widerstand in der südafrikanischen Bevölkerung wird stärker, Geschäfte weißer Besitzer werden boykottiert, das Ausland verhängt Sanktionen und eine internationale Medienkampagne zur Befreiung Nelson Mandelas sorgt für weiteren Druck. Im Februar 1990 ist es soweit: Mandela wird nach 27 Jahren Haft entlassen. Vier Jahre später finden erstmals demokratische Wahlen statt. Gewinner ist der lange verbotene African National Congress. Nelson Mandela wird der erste schwarze Präsident von Südafrika, von nun an sind Weiße und Schwarze vor dem Gesetz gleichgestellt.

Desmond Tutu ist es, der nach dem Ende des Apartheid-Regimes 1994 den „Traum der Regenbogen-Nation“ prägt, das Bild der Buntheit Südafrikas. „Aber ihm war auch bewusst, dass diese Buntheit eine Vision ist, die es erst mal zu realisieren gilt“, so Boniface Mabanza. Neben einer neuen Verfassung benötigt Südafrika zu jener Zeit noch etwas anderes: gesellschaftlichen Frieden. Die Wahrheits- und Versöhnungskommission wird einberufen, Desmond Tutu ihr Vorsitzender. Mehr als 2.000 Aussagen untersucht die Kommission bis 1998. Heilung und Aufarbeitung des Apartheid-Traumas - das ist die Idee. Doch die Kommission konzentriert sich nicht nur auf die einstigen Machthaber, sondern prangert auch Folter und Attentate des anc an. Damit sorgt sie für neue Missstimmung im Land. „Die Wahrheit- und Versöhnungskommission hatte die Aufgabe, den Patienten zu stabilisieren - wie eine Intensivstation. Und die Rolle einer Intensivstation besteht darin, einen Patienten so zu stabilisieren, dass er für die weitere Behandlung auf die normale Station geht“, beschreibt Mabanza. Doch es kam anders: „Die Politiker haben beschlossen, den Patienten nach der Behandlung auf der Intensivstation zu entlassen. Das ist gefährlich, weil eine stärkere Wiederkehr der Krankheit möglich ist.“

Heute, fast fünfundzwanzig Jahre später, ist Südafrika ein angeschlagenes Land. Ein Großteil der schwarzen Bevölkerung lebt immer noch in Armut - trotz des Rohstoffreichtums und einer Volkswirtschaft, die nach Nigeria die zweitgrößte des Kontinents ist. Südafrika gilt als eines der Länder mit dem größten Abstand zwischen Arm und Reich. In den vergangenen neun Jahren regierte Jacob Zuma das Land. Heute ist er angeklagt wegen Bestechlichkeit, Betrug, Korruption. Seit Februar 2018 hat Südafrika mit Cyril Ramaphosa einen neuen Präsidenten - auf ihm liegt nun die Verantwortung, Südafrika neu aufzustellen. Themen wie die Umverteilung von Land oder die Abschaffung der Studiengebühren sorgen derzeit für hitzige Debatten. Der Zugang zu Bildung ist immer noch stark von Herkunft und Einkommen bestimmt. Rund siebenundzwanzig Prozent der Südafrikaner hat keine Arbeit, die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei fast fünfzig Prozent.

„Ihr seid frei, Südafrika ist frei! Ihr werdet in einem gerechteren, demokratischen Land aufwachsen!“ - das wird den jungen schwarzen Südafrikanern seit dem Ende der Apartheid eingeschärft. Sie sind die sogenannten Born-free, die Generation der „in Freiheit Geborenen“. Sie, die vermeintlichen Nutznießer des neuen gesellschaftlichen Systems, müssen das Erbe der Revolution nur noch verwalten, so heißt es.

Wandile Msana gehört zu dieser Generation. Er lebt in Langa, einem Township Kapstadts. Von Hoffnung ist hier nicht viel zu spüren. Die Siedlungen windschiefer Häuschen und Wellblechhütten ziehen sich endlos, die Straßen sind staubig, die Strom- und Wasserversorgung mangelhaft. Wenn der Himmel klar ist, sieht man von hier aus den Tafelberg. Wie bewertet Wandile das Erbe von Nelson Mandela? „Natürlich hat er viel für uns getan. Aber ich finde, sein Image wird überbewertet. Es gab auch andere Leute, die eine ähnliche Rolle während der Apartheid hatten, etwa Robert Sobukwe oder Steve Biko.“

Mit dem Ende der Apartheid fällt zwar die politische Rassentrennung, Gesetze gegen die gesellschaftliche Segmentierung werden erlassen, Schwarze haben Zugang zu Bildungseinrichtungen und öffentlichen Räumen. Doch die Lebensumstände und das Denken der Menschen ändern sich nicht. Weiterhin bleiben Orte wie Langa und andere Townships Sammelbecken für Arme, weiterhin sind die Bewohner von gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen, weiterhin werden bestimmte Privilegien von der Hautfarbe bestimmt. Ist die Born-free-Generation ein Etikettenschwindel? Wandile zumindest fühlt sich von der derzeitigen Politik nicht repräsentiert: „Man braucht mehr junge Leute. Einen Weißen aus der privilegierten Schicht, einen Schwarzen, einen Farbigen - zusammengebracht, ins Parlament geschickt, und dann wird sich etwas verändern!“

Trotzdem, betont Boniface Mabanza, habe die Born-free-Generation viele neue Debatten ausgelöste, etwa um die Identität Südafrikas oder über das Erbe von Nelson Mandela. Diese Generation identifiziere sich teilweise mehr mit Winnie Mandela als mit Nelson, denn er habe zu viele Zugeständnisse gemacht. Als Winnie Anfang April 2018 starb, wurden manche Debatten im Land neu entfacht. Winnie Mandela ist sehr umstritten - die einen sehen in ihr eine Verräterin, die anderen die wahre Kämpferin und Mutter der Nation. Nelson Mandela hingegen, so die Meinung vieler, hätte in seinen Forderungen um das neue Südafrika viel radikaler sein müssen.

 

Tiefe Krise

Mandelas Enkel Ndaba, 35, macht es wütend, wenn er so etwas hört: „Nelson Mandela hat seinen Beitrag geleistet: Er hat gekämpft, bis er 80 Jahre alt war - wie kann man also behaupten, er habe eine Chance vertan? Das bedeutet, dass man die Verantwortung von sich selbst wegschiebt. Besser wäre es, die Herausforderung anzunehmen und mit dem Kampf weiter zu machen.“ Ndaba betont, dass derartige Gesellschaftsumbrüche länger als eine Generation benötigen. „Wir sind erst seit 27 Jahren frei. Und diesen Mist, den das Apartheid-System angerichtet hat, kann man leider nicht innerhalb von dreißig Jahren ungeschehen machen. Das ist zu kurz.“ Er versucht das Erbe seines Großvaters fortzuführen. Dafür hat er zum Beispiel ein Stipendien- und Ausbildungsprogramm für junge Afrikaner auf die Beine gestellt und ist zuversichtlich, dass Südafrika sich in die richtige Richtung entwickelt.

Nach dem Ende der Apartheid geraten die Kirchen Südafrikas in eine tiefe Krise. Sie erkennen, dass sie sich aufeinander zu bewegen müssen, beschreibt Boniface Mabanza. „Es gab immer wieder Versuche, aber das ist nach wie vor ein sehr schwieriger Dialog.“ Er ist sich sicher: Ein neues Südafrika habe nur dann eine Chance, wenn sich alle der Vergangenheit stellen. Doch viele sind nicht bereit, ihr Fehlverhalten einzugestehen. Oder, noch schlimmer: Sie reden die Verbrechen der Apartheid klein, auch in den Kirchen. Dabei müsste gerade die weiße Kirche, die das System unterstützt hat, eine bestimmte Haltung akzeptieren und mehr Einsicht zeigen, meint Mabanza und sieht noch viel Handlungsbedarf. Seiner Meinung nach sind rassistische Denkmuster immer noch vorhanden, denn Schwarze und Weiße lebten weitgehend ohne große Berührungspunkte. In den Kirchen und Gemeinden sei diese Trennung ebenfalls vorhanden und würde teilweise sogar aufrechterhalten. „Deswegen spreche ich von einer deutsch-lutherischen Kirche. Das bedeutet, dass es in Südafrika vierundzwanzig Jahre nach Abschaffung der politischen Apartheid auch noch eine schwarze lutherische Kirche gibt - das ist total absurd! Aber es gibt Strukturen, die auch vom Ausland so anerkannt werden. Das ist wirklich problematisch, aber diese Trennung in schwarz und weiß ist da.“

 

Am Traum festhalten

Doch wie kann sich das ändern? Mabanza hat konkrete Vorschläge: Man solle eine Kommission einsetzen, die analysiert, an welchen Orten und in welchen Bereichen diese Trennung aufrechterhalten wird. „Und dann mit der Härte der Gesetze sanktionieren.“ Doch entscheidend sei die Bereitschaft, aufeinander zu zugehen. „Von ihrer Mission her haben die Kirchen dabei eine zentrale Rolle zu spielen. Sie müssen ihre Stimme gegenüber dem Staat einsetzen und gegenüber den Menschen. Egal, wer sie sind, egal, welche Hautfarbe. Sie sind alle so, dass sie über die Kirchen erreicht werden können.“

Und die Vision der Rainbow-Nation, ist sie weiterhin ein Traum? Boniface Mabanza verweist erneut auf ein Bild Desmond Tutus: „Ein Patient gehört nicht aus dem Krankenhaus entlassen, solange er noch nicht genesen ist. Es ist wichtig, nicht nur die richtige Diagnose zu stellen, sondern auch die Behandlung genau zu dosieren. Angesichts der Armut, des Rassismus und der Ungleichheit in Südafrika wäre es töricht, zu sagen, der Traum wäre schon Wirklichkeit.“ Er betont jedoch, es sei wichtig, an dem Traum festzuhalten, denn er gebe Orientierung und erinnere daran, wofür die Freiheitskämpfer von einst eingetreten seien.

Und Ndaba Mandela, der Enkel Mandelas, sieht sich darin bestärkt, die Erinnerung an seinen Großvater und dessen Werte hochzuhalten: „Das ist sehr inspirierend, denn es zeigt uns, dass auch wir Großes erreichen können, und es ist eine permanente Ermahnung, was für ein Leben wir anstreben sollten. Wir sollten große Träume haben und sie niemals auf

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