zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Fetisch und Götzendienst

Die Befreiungstheologen haben das marxistische Denken erneuert

Franz Segbers

Die Kritik an der Verherrlichung des Götzen Geld in der globalen Wirtschaft eint die Kirchen weltweit. Dass sie dabei eine Grundkategorie der Kapitalismuskritik bei Marx verwenden, beschreibt Franz Segbers, emeritierter Professor für Sozialethik an der Universität Marburg.

Weder Kalb, noch golden - aber dennoch sehr götzenhaft: Der Bulle an der Wall Street.  Foto: dpa/ Global Travel Images
Weder Kalb, noch golden - aber dennoch sehr götzenhaft: Der Bulle an der Wall Street. Foto: dpa/ Global Travel Images

Die Medien, aber auch große Teile der kirchlichen Öffentlichkeit waren erschrocken über die radikalen Worte von Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium vom November 2013. Darin schleudert er der gegenwärtig herrschenden Wirtschaft ein vierfaches Nein entgegen: Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung, Nein zur neuen Vergötterung des Geldes, Nein zu einem Geld, das regiert, statt zu dienen, Nein zur sozialen Ungleichheit, die Gewalt hervorbringt. Zu einer solchen Wirtschaft sagt der Papst: „Diese Wirtschaft tötet.“ Rainer Hank von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung bemerkte daran spitz, der Papst habe trotz der starken Worte im Grunde nichts außer das „Konzept Mutter Teresa in Kalkutta“ - also Barmherzigkeit und Almosen - anzubieten. Doch er benennt auch seine Grundkritik am Papst: „Dass es zur Überwindung der Armut Marktwirtschaft und Kapitalismus braucht, kann dieser Papst nicht sehen.“ Weniger in die Kritik geraten sind die fast zeitgleich gefassten Beschlüsse der Zehnten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen, auf die sich 2013 fast 350 Kirchen aus der ganzen Welt in Busan (Südkorea) geeinigt hatten, obwohl sie weithin mit dem Papst übereinstimmen. Erstmals gibt es eine große Ökumene der Kirchen von Genf bis Rom in Analyse und theologischer Positionsbestimmung angesichts der lebensfeindlichen Folgen des entfesselten Kapitalismus.

Wie konnte es zu dieser großen und für den Globalen Norden weithin unbekannten ökumenischen Übereinstimmung kommen? Im Jahr 1989 war in nur wenigen Wochen ein Gespenst klanglos verschwunden, das seit dem berühmten Kommunistischen Manifest von Karl Marx über 150 Jahre lang die einen in Angst und Schrecken versetzt und andere beflügelt hatte. „Marx ist tot - Jesus lebt!“ - triumphierte der deutsche Arbeitsminister Norbert Blüm, als die Berliner Mauer fiel. „Sollte Karl Marx deswegen tot sein, weil Jesus lebt und gesiegt hat?“ fragte die Theologin Dorothee Sölle zurück und fügte fast trotzig hinzu: „‚Marx ist tot und Jesus lebt‘ ist nach meiner christlichen Meinung eine Beleidigung für Jesus, der schließlich nicht gekommen ist, das kapitalistische System abzusegnen. Sollte sich Jesus freuen, dass Marx tot ist?“ Nach dem Mauerfall hatten manche wie der US-amerikanische Sozialwissenschaftler Francis Fukuyama ein Ende der Geschichte verkündet. Und es schien, dass der Schrei der Armgemachten vollends in der Sektkorkenknallerei der Sieger der Geschichte untergegangen sei.

Doch diese Siegesgewissheit hielt nicht lange. Spätestens mit der Weltwirtschaftskrise 2008 kam eine Debatte über die Krise des Kapitalismus auf. Es sei höchste Zeit, Marx neu zu entdecken, findet sogar die FAZ. Auch Papst Franziskus stellt im Herbst 2015 die Systemfrage, als mit den Flüchtenden die Opfer des globalen Elends von Hunger, Armut und Krieg an Europas Türen klopfte: „Das derzeitige Flüchtlingsphänomen in Europa ist nur die Spitze eines Eisbergs. Wir sehen diese Flüchtlinge, diese armen Menschen, die vor dem Krieg und dem Hunger flüchten. Aber an der Wurzel gibt es eine Ursache: ein böses, ungerechtes sozio-ökonomisches System... Das herrschende Wirtschaftssystem hat Geld und nicht die Person in den Mittelpunkt gestellt... Heute führt die Welt Krieg gegen sich selbst.“ Weltgesellschaftlich gesehen war für Papst Franziskus die Siegesgewissheit nach 1989 auch eher provinziell. Denn die elenden Verhältnisse des Globalen Südens sind ja nicht verschwunden, nur weil im Globalen Norden eine Idee missbraucht wurde und diktatorische Regime zusammenbrachen. Bedeutsam ist eine Ortsverschiebung, die viele Christen im politischen und ökonomischen Zentrum nicht wirklich wahrhaben wollen. Da die Armen weltweit die Mehrheit auch der Christenheit bilden, ist diese große Ökumene der Kapitalismuskritik eigentlich nicht erstaunlich.

Es sollte sich zeigen, dass die Mauer, die den Norden zwischen Ost und West getrennt hatte, eher fällt als die Mauer zwischen dem Globalen Süden und dem Globalen Norden. So kommt jetzt auf die Kirchen im Globalen Norden etwas irritierend Zeitgemäßes und zugleich Ungleichzeitiges mit dem Einfluss von Karl Marx auf die Kirchen im Süden zu. Auch wenn die Theologie der Befreiung zumeist mit der katholischen Theologie verbunden wird, so stammt der Begriff doch von dem evangelischen Theologen Rubem Alves aus Brasilien, der ihn bereits 1969 in seiner Dissertation in Princeton geprägt hatte. Schon dieses erste Werk der Theologie der Befreiung setzte sich ausdrücklich mit dem Marxismus auseinander. Doch die Beschäftigung mit Marx war keineswegs eine rein akademische Angelegenheit. Vielmehr bot der Marxismus eine systematische Erklärung für die Ursachen von Armut und einen geeigneten Lösungsvorschlag zur Beseitigung von Armut. Theorie und Praxis gehören für Marx zusammen. Dies gilt auch für die Befreiungstheologen. Theologie soll die Welt nicht nur reflektieren, sondern sie ist Teil eines Prozesses zur Veränderung der herrschenden Verhältnisse. So wird der Marxismus Teil einer theologischen Praxis und einer Theologie, die diese Praxis reflektiert. Wie Alves argumentierte auch Gustavo Guttiérrez, maßgeblicher Begründer der katholischen Theologie der Befreiung, bereits in einem frühen Beitrag Marxismo y Christiano aus dem Jahr 1972. Darin beschreibt er, wie Christen durch ihre Praxis mit dem Marxismus in Kontakt kommen: „In einem bestimmten Augenblick merken sie, dass sie in ihrer Analyse Marxisten sind.“ So ist auch das bekannte Diktum des brasilianischen Erzbischof Dom Hélder Câmara zu verstehen: „Wenn ich den Armen Brot gebe, nennen sie mich einen Heiligen. Wenn ich ihnen sage, warum sie arm sind, bin ich ein Kommunist!“ Doch der Marxismus fungiert nicht nur als eine Bezugswissenschaft, die instrumentell zur Analyse genutzt wird. Für Gustavo Gutiérrez nährt der Marxismus auch die utopische Sehnsucht nach einer Veränderung der Gesellschaft.

Es gibt unter den zahlreichen Vertretern der Befreiungstheologie eine große Bandbreite in der Bezugnahme auf Marx, wenngleich gerade katholische Theologen nach der massiven Kritik aus Rom vorsichtiger argumentierten. Der Lutherische Weltbund richtete 1970 den Projektbereich „Die Begegnung der Kirchen mit dem Marxismus in verschiedenen kulturellen Kontexten“ ein. Im Rahmen der neugegründeten Kommission des ÖRK „Kirchen für die Partizipation in der Entwicklung“ (CCPD) begann Ende der Siebzigerjahre Julio de Santa Ana aus Uruguay das Konzept einer Kirche der Armen und in Solidarität mit den Armen für die gesamte Ökumene befreiungstheologisch auszurichten. Die Befreiungstheologen haben sich nicht nur auf die klassischen Texte von Marx bezogen. Sie rezipierten auch marxistische Denker wie Ernst Bloch, Louis Altusser oder André Gunder Frank. Daraus entwickelten sie eine kritische Neuformulierung grundlegender Themen des Marxismus. So können die Befreiungstheologen durchaus als Erneuerer marxistischen Denkens gelten.

 

Stimme der Armen

Längst war die große Welle der Rezeption der Theologie der Befreiung zumindest in Deutschland abgeebbt, und spätes-tens mit dem Fall der Berliner Mauer schien der Marxismus auch vollends erledigt zu sein, da wurde Papst Franziskus zu einer gleichsam globalen Stimme der Armen. Während für die Kirchen des Nordens der Marxismus vorbei war, griff Papst Franziskus zentrale Elemente der befreiungstheologischen Kapitalismuskritik auf, die von Marx stammten: das götzendienerische System des Kapitalismus. Der Papst schließt sich dabei der theologischen Bewertung und Kritik der lebensfeindlichen Folgen eines entfesselten Kapitalismus an, wie sie in der Ökumene bereits seit Jahrzehnten entwickelt war. So hatte der Lutherische Weltbund schon 2003 auf seiner Zehnten Vollversammlung in Winnipeg eine Wirtschaftsdoktrin, die auf unbedingtes Vertrauen auf Marktgesetze setzt, einen „Götzendienst“ genannt. Er müsse verworfen werden. Dieser Abschnitt wurde übrigens vom Deutschen Nationalkomitee des Lutherischen Weltbundes bei der Veröffentlichung ausgelassen, und zwar ohne Kennzeichnung. Nur ein Jahr später kritisierte der Reformierte Weltbund auf seiner 24. Generalversammlung in Accra, Ghana, in seinem „Bekenntnis des Glaubens im Angesicht von wirtschaftlicher Ungerechtigkeit und ökologischer Zerstörung“ den Neoliberalismus als eine Ideologie, die mit dem Anspruch auftritt, „alle Lebenssphären beherrschen zu wollen und absolute Gefolgschaft verlangt, was einem Götzendienst gleichkommt“. Die Zehnte Vollversammlung des Ökumenischen Rates in Busan 2013 griff diese Kritik auf. In der Missionserklärung „Gemeinsam für das Leben“ wird von einer verwandelnden Mission verlangt, dass sie „sich dem Götzendienst in der freien Marktwirtschaft widersetzt“.

Mit dieser Kapitalismuskritik stimmt Papst Franziskus überein. Über das Wirtschaftssystem sagt er: „Wir haben neue Götzen geschaffen. Die Anbetung des antiken goldenen Kalbs (vgl. 2. Mose 32,1-35) hat eine neue und erbarmungslose Form gefunden im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschliches Ziel.“ Überraschend neu ist, dass hier ein Papst erstmals zentrale Begriffe der Kapitalismuskritik aufgreift, wie sie Karl Marx eingeführt hatte. Zentrales Motiv ist die Verehrung von Götzen und die Leugnung des Vorrangs des Menschen. Diese Leugnung macht das Geld zum Götzen eines erbarmungslosen Fetischismus und führt zu einer Wirtschaftsdiktatur ohne menschliches Antlitz.

 

Epochenbildende Ökumene

Wenn der Lutherische Weltbund, die Reformierte Weltgemeinschaft und Papst Franziskus den Götzendienst im Kapitalismus kritisieren, dann verwenden sie eine Grundkategorie der Kapitalismuskritik bei Marx. Diese große Ökumene der Kirchen ist kirchengeschichtlich geradezu epochenbildend. Der Grundbegriff für die Kapitalismuskritik ist bei Marx ein theologischer oder religionswissenschaftlicher Begriff: der Fetischismus. Beschrieben wird mit dem Begriff Götzendienst der Sachverhalt, dass ein Gegenstand von Menschen hergestellt und verehrt wird; dieser sich aber verselbständigt und Macht über den Menschen gewinnt. Götzendienst ist also eine Form der Herrschaft über den Menschen. Marx kritisiert ebendies, wenn das Kapital zu einem „automatischen Subjekt“ wird und der Mensch zu einem ausführenden Organ. Genau diese Verkehrung von Subjekt und Objekt geschieht im Kapitalismus.

Diese Kapitalismuskritik, die bei Marx als Religionskritik eines Götzendienstes auftritt, nimmt die Theologie der Befreiung auf, indem sie auf Motive des biblischen Kampfes gegen die Götzen zurückgreift. Erleichtert wird dies dadurch, dass Marx selbst den Kapitalismus mit biblischen Bilder und Begriffen kritisiert hatte. Baal, das Goldene Kalb, Mammon, Moloch sind solche theologischen Metaphern, die Marx immer wieder verwendet hat, um den Kapitalismus als einen Götzendienst des Geldes, der Ware und des Profits zu entlarven. Diese theologisch-metaphorischen Begriffe der Kapitalismuskritik bei Marx sind in die Befreiungstheologie eingegangen und haben dann auch Eingang in die offiziellen Dokumente der Kirchen in der Ökumene gefunden. Die Kirchen denunzieren mit Marx in aller Entschiedenheit das gegenwärtige Wirtschaftssystem als den mörderischen Kult eines Götzendienstes. Einer ethischen Kritik hatten die Kirchen immer schon die Auswüchse des Kapitalismus unterzogen. Doch nun entlarven sie den Kapitalismus theologisch als einen Götzendienst, der Menschen unter die Macht des Götzen Geld drückt. Diese Unterwerfung des Menschen und die Verehrung des Kapitals kritisiert Marx mit der Kategorie des Fetischismus. Entsprechend spricht Papst Franziskus von der Unterwerfung des Menschen unter die „sakralisierten Mechanismen des herrschenden Wirtschaftssystems“ und kritisiert das Geld als einen Götzen, der „statt der Menschheit zu dienen, über sie herrscht, sie tyrannisiert und terrorisiert“. Die Folge sei eine Wirtschaft, die „dem Götzen Geld den Menschen als ein Opfer vor die Füße“ legt.

Die Kirchen verstehen den Götzendienst nicht bloß religionssoziologisch oder metaphorisch sondern streng theologisch. Die Pointe der Fetischmusanalyse bei Marx und der Befreiungstheologie nämlich ist, dass es sich keineswegs um einen bildlich gesprochenen Religionsersatz handelt, sondern um eine tatsächliche Verehrung von Göttern, die auch eine reale Macht über Menschen haben. Sie üben eine „Diktatur“ aus, so Papst Franziskus, und verlangen eine „absolute Gefolgschaft“, wie es im Bekenntnis von Accra des Reformierten Weltbundes heißt. Der Götzendienst führt zu Tod und Zerstörung, nicht aber zur Befreiung und einem Leben in Fülle. Die Götzenkritik ist deshalb eine kritische Analyse in einer biblisch-theologischen Sprache. Sie zielt auf eine Praxis, lebenszerstörende Verhältnisse und Strukturen zu überwinden und eine Zivilisation zu schaffen, die dem Leben der Menschen dient.

Noch ehe die Kirchen in theologischen Fragen zu einer Ökumene gefunden haben, gibt es sie bereits in einer großen Übereinstimmung angesichts der entscheidenden Überlebensfragen dieses Globus. Die Kirchen des Südens haben erkannt, dass die analytischen Kategorien von Karl Marx hilfreich sind, den Kapitalismus theologisch als destruktiven Götzendienst zu entlarven, die Ursachen der Verarmung zu klären und Widerstand zu leisten. Sie bieten ihre Einsichten den Kirchen im Zentrum des entfesselten Kapitalismus an. Es ist an den Christen und Kirchen im Globalen Norden, ob sie sich diese Einsichten der weltweiten Ökumene zu eigen machen und in den Zentren des Weltsystems - gewissermaßen in der Höhle des Löwen - den zerstörerischen Götzendienst des Kapitalismus verwerfen. 

 

Literatur

Michael Ramminger / Franz Segbers (Hg.): „Alle Verhältnisse umzuwerfen. und die Mächtigen vom Thron zu stürzen.“ - Gemeinsames Erbe von Christen und Marx. Verlag vsa und Edition itp Kompass, Hamburg/Münster 2018. Das Buch erscheint voraussichtlich im Februar 2018.

 

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