Apokalyptisch

Welt und Religionen
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Das Buch bietet, gerade wegen seines distanziert-ironischen Grundtons, eine gute Möglichkeit, sich einen Reim auf die verwirrende Vielfalt und Dynamik des Religiösen zu machen.

Der für seine Arbeiten zur Theologie- und Geistesgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts vielfach geehrte und für seine mit spitzer Feder geschriebenen Feuilletons bewunderte und gefürchtete, kürzlich emeritierte Münchener Systematische Theologe Friedrich Wilhelm Graf versucht sich seit einigen Jahren in der Diagnose aktueller religiöser Prozesse. Sein neuestes Werk "Götter global. Wie die Welt zum Supermarkt der Religionen wird" zeigt schon im Titel, dass es sich nicht um ein akademisches Werk handelt, sondern um eine populärwissenschaftliche Tour d' Horizon, die von "Religiösen Kriegslandschaften in Pakistan" über "Pfingstlerische Glaubenswirtschaft in Afrika" und Lateinamerika bis hin zu den europäischen "Sonderwegen" (man beachte den Plural!) und den "deutschen Konfessionsteppich" reicht.

Für Leserinnen und Leser, die sich zum ersten Mal mit Vorbehalten dem Religionsthema nähern, bietet das Buch, gerade wegen seines distanziert-ironischen Grundtons, eine gute Möglichkeit, sich einen Reim auf die verwirrende Vielfalt und Dynamik des Religiösen in der Gegenwart aus globaler Perspektive zu machen. Sind die Beispiele auch eklektisch und die Schwerpunktsetzungen zufällig - die US-amerikanische Religionskultur etwa kommt nur im Kapitel "Die kreationistische Internationale" und "Die fundamentalistische Herausforderung" vor und wird damit krass verzeichnet -, so bietet das Buch dennoch einen guten Überblick über aktuelle Entwicklungen und Forschungstrends. Ein ausführliches Literaturverzeichnis ermöglicht ein vertieftes Studium.

Das Kapitel "Deutungsangebote" bietet Werkzeuge, den Phänomenen hermeneutisch - also mit dem Willen und der Fähigkeit zu verstehen - zu begegnen. Graf schätzt die "erschließungsstarken Sprachspiele der Religionsökonomie", die Religion als eine Spielart ökonomischen Handels auf einem weltweiten "Sinnmarkt" deutet. "Wie jedes andere Unternehmen müssen auch Religionskonzerne ihre corporate identity pflegen, den eigenen Markennamen profilieren, die Qualität ihrer Güter und Dienstleistungen sichtbar machen. Genau dazu [...] dient das neue Konfessionsbranding." Das klingt schick, ist aber falsch. Religionen sollten nicht ökonomisch modelliert werden, vielmehr muss der Glaube an die Erschließungskraft ökonomischer Modelle selbst der Religionskritik unterzogen werden.

Das Buch schließt mit einem Kapitel "Die Zivilisierung der Religionen". Da der Rezensent selbst die "Zivilisierung der Religionen durch Bildung" seit vielen Jahren programmatisch gefordert hat, war er über die - wenn auch nur halbe - Rezeption durch den Autor einerseits erfreut, andererseits aber über das elementare Unbehagen verwundert, das der Autor seinem Forschungsgegenstand entgegenbringt. Zwar warnt er sich selbst, dass er als "Religionsdeuter" nicht zum "Kathederpropheten" werden dürfe, freilich nur, um dies auf den letzten Seiten dann doch zu tun. Die Armen dieser Welt - so seine Prognose - pflegten "schon aus purer Überlebensnot ganz harte religiöse Praktiken". Migranten nähmen ihre Götter mit. "Ganz alte Götter werden ihren Gräbern wieder entsteigen und unbedingte Verehrung einklagen." Das klingt apokalyptisch. Wo bleibt die Freude des theologischen Lehrers angesichts des neu erwachten Interesses an religiösen Fragen? Ganz richtig stellt der Autor fest, dass Religion nur durch Religion überwunden werden könne. Vielleicht ist es an der Zeit, dass der Professor für Theologie den Mantel des ironischen oder raunenden Religionsintellektuellen ablegt - und eine christliche Glaubenslehre schreibt, die affirmativ an der Zivilisierung protestantischer Eliten durch Bildung zu einer eigenen Religion arbeitet.

Friedrich Wilhelm Graf: Götter Global. Verlag C. H. Beck, München 2014, 286 Seiten, Euro 16,95.

Rolf Schieder

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